Kultur : Das Böse und der Einzelne

Philip Kerr deckt „Die Adlon Verschwörung“ auf

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Dieser Bernie Gunther wird mehr und mehr zum Prototypen des anständigen Deutschen, wie er sich durch die dreißiger, vierziger, fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts kämpft: Polizist in Berlin, bis die Nazis ihn herausdrängten, Demokrat, Sozialdemokrat sogar (damals durften Sozialdemokraten noch konservativ sein). Seine drei frühen Fälle hatte Gunther in einer Zeit zu lösen und zu überleben, als Deutschland ein totalitärer Staat war, eine bedrückende, den Atem erschwerende Spannung lag über diesen Geschichten, als habe der britische Autor Philip Kerr seinen Helden erfunden, um das Leben unter einer Willkürherrschaft brutalster Art erahnbar zu machen.

„Die Adlon Verschwörung“ entwickelt sich zu Gunthers siebtem Fall, und Kerr schlägt hier den Spannungsbogen von 1934 bis in die fünfziger Jahre und von Berlin bis in das Kuba des Diktators Batista, wo es wärmer ist als in Berlin, aber kaum weniger gefährlich für Einzelkämpfer wie Bernie Gunther.

Und der Spannungsbogen trägt über die lange – auch zeitlich lange – Strecke Berlin–Kuba. Denn Gunther hat eine Verschwörung aufzuklären, in der korrupte Amerikaner mit korrupten Nazis Geschäfte machen, er tut das mit dem ganzen Geschick und der Furchtlosigkeit des ehrgeizigen Ermittlers, der wissen will – und er begegnet dabei der Liebe seines Lebens, einer Journalistin. Sie ist in der gleichen Sache unterwegs, wenn auch mit anderen Zielen.

Die Romanze – der 1956 im schottischen Edinburgh geborene Philip Kerr bringt es fertig, sie aus der Sicht des Ich-Erzählers gleichermaßen schön, sexy, abgeklärt und lakonisch zu beschreiben – entwickelt sich in der erstickenden Atmosphäre des immer perfekter funktionierenden NS-Regimes und zerbricht genau daran. Die Verschwörer kann er enttarnen und entlarven, aber nicht stellen: Manchmal kann der Einzelne gegen das Böse fast nichts tun: Das ist die eine Erkenntnis des Diktatur-Überlebenden, die Kerr transportiert. Die andere lautet: Man sieht sich immer zweimal im Leben. So trifft Bernie Gunther die Liebe seines Lebens wieder – und erfährt, dass manche Liebesgeschichten weder gut noch schlecht enden, sondern in den großartigen letzten Sätzen eines Romans. Werner van Bebber

Philip Kerr:

Die Adlon Verschwörung. Roman. Aus dem Englischen von Axel Merz. Wunderlich, Hamburg 2010. 573 Seiten, 19,95 €.

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