"Das Buch des Windes" : Das himmlische Kind

Der Geist weht, wie er will: eine Geschichte über den Wind und sein wechselhaftes Wesen.

Christiane Peitz

Man unterschätzt ihn ja leicht. Kaum geht man aus dem Haus, fegt eine Bö um die Ecke, und dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut. Der Wind zerzaust die Haare, zerrt Tränen aus dem Auge, man kommt nicht vorwärts, so stemmt er sich einem entgegen. Und im nächsten Moment streichelt er die Haut, fächelt Kühlung herbei, säuselt unendlich sanft.

Der Wind mag es gern, wenn die Jahreszeit wechselt und die Herbstluft dem Wintersturm dem Frühlingsduft weicht. Er tändelt und tost, flüstert und pfeift, lärmt und legt sich, als wäre nie was gewesen. Wind entsteht, Wind vergeht, ein unsichtbarer, unberechenbarer, wilder Geselle. Freibeuter der Lüfte.

Wind. Eine gerichtete Luftbewegung, die Druck ausgleicht, eine Strömung zwischen Hoch- und Tiefdruckgebiet. Bis Windstärke 5 heißt er Brise, ab 9 ist’s ein Sturm, ab 12 ein Orkan. Reine Physik? Der Wind ist Wettermacher und Weltgeist, Lebensspender (Pollenflug) und Todesbote (El Niño), Teufels Hauch und Gottes Odem, Meteorologie und Mythologie. Die Meister malten ihn als Kindskopf mit aufgeblähten Backen, als trompetenden Engel, als prustenden Dämon mit Tritonsmuschel.

Weil Windsvater Äolus seine Gotteskinder auf den äolischen Inseln zwar in Ketten legte, die übrigen Götter aber regelmäßig deren Entfesselung erbaten, wurde er ihrer nicht Herr. Die fantastische Flüchtigkeit geht mit furchterregender Naturgewalt einher. Wer je in der Ondárreta-Bucht von San Sebastián Eduardo Chillidas wuchtige Windkamm-Skulpturen in Augenschein nahm, vergisst die schockhaften Luftstöße nicht mehr, die einen durch Löcher in der vom Meer unterspülten Plattform bestürmen. Der eisige Atem der Hölle weht einen an.

Aus Respekt schenken die Menschen dem Geist, der weht, wie er will, unzählige Namen. Manche Leute sammeln Windswörter wie Briefmarken. Scharfer Mistral. Feuchter Monsun. Heißer Schirokko. Dürrer Passat. Die Mittelmeerwinde Levante, Tramontana und Bora, der dalmatinische Fallwind. Samum, der Staubbringer aus der arabischen Wüste. Der Alpenföhn macht reizbar und böse, ein tropischer Wirbel wird am Atlantik Hurrikan genannt, in Indien Zyklon, in China Taifun, und die Australier sagen Willy-Willy dazu.

Schon die Griechen konnten den Wind nicht zähmen und klassifizierten ihn, als Katastrophenschutzmaßnahme. Acht Namen teilten sie dem flatterhaft widrigen Wesen zu, je nach Himmelsrichtung. Das geometrische Schema liegt der Windrose zugrunde, seitdem kann der Mensch sich auf der Welt orientieren. Zur Ordnung lassen sich die Luftgeister aber trotzdem nicht rufen. Küstenbewohner können ein Lied vom Gegenwind singen

Die Willkür der Winde ist legendär. Allein Zephir, der liebliche Westwind: Wehe, du verlässt dich auf ihn. Sandro Botticelli hat in seinem Bild „Das Reich der Venus“ festgehalten, wie der blauhäutige Zephir die Nymphe Chloris entführt. Folge des grausamen Liebesakts: Chloris verwandelt sich in Flora, die Frühlingsgöttin. Auf Botticellis „Geburt der Venus“ tut Zephir wiederum harmlos; mehr Ambivalenz ist kaum denkbar. Oder Boreas, der wütende, brüllende Nordwind, dem die Griechen Iphigenie opferten, auf dass die Flaute ein Ende habe und sie gen Troja segeln könnten. Ohne Boreas hätte es den Krieg nicht gegeben und die Kulturgeschichte wäre anders verlaufen.

Keine abendländische Kunst ohne den Wind – eine windige These? Mal sehen. Was wäre Odysseus ohne die Stürme, die ihn in Seenot brachten? Was wäre die Weltliteratur ohne Homers „Odyssee“, ohne den trojanischen Krieg der „Ilias“? Auch den Untergang der persischen Flotte des Xerxes verdanken die Griechen ihrem Alliierten Boreas. Aischylos schrieb darauf seine „Perser“, das älteste Drama der Theatergeschichte. Ohne den Wind wäre Cervantes wohl kaum auf die Windmühlenkämpfe seines Don Quijote verfallen. Oder die Ikonenmalerei: Die griechische Aura, der Heiligenschein, bedeutet nichts weiter als Lufthauch. Als Nimbus und Goldgrund ausgedient hatten, erfasste der Wind den neuen Menschen der Renaissance, bauschte und fältelte die Gewänder und schärfte vor dunstigem Horizont die Perspektive. Die Kunst wäre armselig ohne die Sehnsucht, Bewegung ins Bild zu bringen.

Und erst die Musik: Luftströmung in einer Knochenröhre, in Schwingung versetzter Atem. Wind instruments heißen auf Englisch Blasinstrumente. Die Orgel benötigt am meisten Wind, nicht von ungefähr trägt sie den Ehrentitel „Königin der Instrumente“.

Das Schiff braucht den Wind, das die Segel bläht. Die Natur braucht die Befruchtung, die Kultur Kommunikation. Windstille ist da nicht förderlich. Über die Seehandelswege entstanden die inspirierenden Verbindungen zwischen Orient und Okzident, der Wind hat den Transfer der Kulturen beflügelt. Windenergie, Ressource der Zukunft. Ohne die Verwandlung, diesen Motor des Lebens, bleibt alles, wie es ist. In Sasha Waltz' Choreografie „Medeamorphosen“ wirbeln Windmaschinen die Tänzer durcheinander; auch Pina Bausch setzt die gewaltigen Ventilatoren ein. Das Tanztheater besinnt sich gern auf die ursprünglichste aller Bewegungsarten.

„Das Buch des Windes“ heißt eine neue Publikation des Florentiner Kunsthistorikers Alessandro Nova (Aus dem Italien. von Birgit Witte, Deutscher Kunstverlag München/Berlin, 224 S., 49,90 €), eine üppig bebilderte Kunstgeschichte des Windes samt Erläuterungen der Windsallegorien und -metaphern für Übermenschliches, Überlebenskämpfe, Kontrollverlust und Freiheitsdrang jedweder Art. Nova fegt im Sauseschritt durch die Ikonografie der Windkunst, von antiken Odysseus-Darstellungen über mittelalterliche Seekarten mit pustenden Putten über die stürmischen Seestücke Jacob Ruisdaels und William Turners bis zu den Mobiles von Alexander Calder und der zeitgenössischen Land Art. Nova ist großartig, ein enthusiastischer Sammler und Beobachter, der darüber nachdenkt, warum Caspar David Friedrich seinen „Wanderer über dem Nebelmeer“ mit nach links verstrubbelten Haaren malte, obwohl die Nebelwolken nach rechts wehen. Mysteriös.

Überhaupt liebt Nova die Ambivalenz des Windes, der die Grenze zwischen Geistes- und Naturwissenschaften verwischt, weil er ja beides ist, kreatürlich und kreativ. Leonardo da Vinci versuchte, das Unsichtbare sichtbar zu machen, und zeichnete mit schwarzer Kreide wie besessen gekrümmte, geschlängelte, verschlungene Luftlinien. Auch Goethe malte Zirrus-, Stratus- und Kumuluswolken, bedichtete sie und schrieb: „Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind.“ Anima, die lateinische Seele, und anemoi, die griechischen Windsgötter, haben den gleichen Wortstamm. Auch Gott und der Wind sind miteinander verwandt, nicht nur über die Engel und das Geistgebraus an Pfingsten. Beide sind zugleich ab- und anwesend, unfassbar und allgegenwärtig. Transparenz und Transzendenz: In fast jeder Religion werden himmlische Visionen von Sturmwind begleitet.

Einer der schönsten Filme über den Wind (neben all den atemberaubenden Schiffsbruchs- und Sturmfilmen) stammt von Joris Ivens, dem Dokumentarmeister aus der Seefahrernation der Niederlande. Seine „Geschichte über den Wind“ ist das Vermächtnis des Revolutionschronisten, er starb 1989. Der 90-jährige Asthmatiker Ivens kriegt keine Luft mehr, sitzt in der Wüste von China und wartet auf den Wind. Dann kommt er, und über die stille Landschaft bricht das Chaos herein. Wind of change: Er kann Berge versetzen, auch eine Revolution.

Bei Ivens steigt Frau Luna vom Mond herab, weil ihr dort zu langweilig ist. Auf dem Mond weht kein Wind.

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