Das Bundesjugendorchester in der Philharmonie : Eine feste Burg ist unser Lied

Das Bundesjugendorchester widmet sich in Berlin seinem zweiten Gemeinschaftsprojekt: der Reformation. Die Ergebnisse sind von durchwachsener Qualität.

Das Bundesjugendorchester bei einer Probe.
Das Bundesjugendorchester bei einer Probe.Foto: Monika Rittershaus

Nun auch noch Tanz: Dem Bundesjugendorchester, das die besten Nachwuchsmusiker zwischen 14 und 19 Jahren auf hochprofessionellem Niveau zusammenführt, steht seit fünf Jahren das von John Neumeier gegründete und von Kevin Haigen geleitete Bundesjugendballett zur Seite. Das zweite Gemeinschaftsprojekt widmet sich der Reformation, zentriert um den Lutherchoral „Ein feste Burg ist unser Gott“. Die „Marseiller Hymne der Reformation“, so Heinrich Heine, bot geistigen Schutz und Trutz in schlechten Zeiten und könnte auch heute wieder an Aktualität gewinnen – bloß mit welcher Stoßrichtung?

Enjott Schneider, vor allem durch Soundtracks für Kinofilme wie „Herbstmilch“, „Schlafes Bruder“ oder „Bibi Blocksberg“ bekannt, lässt den Lutherchoral in einem „Symphonischen Gedicht“ in stürmischen Orchesterverwicklungen untergehen und siegreich auftauchen, sucht die Konfrontation mit unschuldigen Vogelstimmen und orientalisch anmutenden Melismen. Religiösen Kämpfen soll hiermit eine Absage erteilt werden, doch Choreografin Zhang Disha stellt sie mit schwarz vermummten Gestalten und militärischen Tarnkostümen recht plakativ in den Vordergrund. Stellt sich hier das Abendland auf die Hinterbeine, mit neuem christlichem Fundamentalismus?

Die Tänzer*innen atemberaubend, das Orchester behäbig

Weniger heikel geht es in Michel van der Aas „Reversal for orchestra“ zu. Die Wendungen einer dicht gefügten, mit reichem Schlagwerk farblich nuancierten Musik verbleiben im Abstrakten, werden von Andrey Kaydanovskiy als Trennung und Vereinigung von Individuum und Masse gedeutet. Keine neue Lesart und doch spannend, welche Interaktionen die acht Bundesjugendtänzer*innen hier geschmeidig und vital verbildlichen. Mit wahrer Meisterschaft verblüfft und beglückt John Neumeiers Choreografie von Bachs Orchestersuite D-Dur auch noch nach etwa 30 Jahren, wird von den jungen Tänzern in innigen Pas de deux („Air“) oder gewagten Sprüngen („Gavotte“) atemberaubend präzise und unbezähmbar lebensfroh umgesetzt. Dass das von Alexander Shelley schwungvoll geleitete Orchester gegenüber manchem Originalklangensemble zunächst etwas behäbig klingt, ist schnell vergessen.

Seine Klasse beweist das Bundesjugendorchester eingangs mit einer klaren und intensiven Darbietung von Mendelssohns „Reformations“-Sinfonie. Dass auch hier die Satzpausen mit Blockflötenmelodien und mittelalterlich gewandeten Gestalten gefüllt werden müssen, grenzt allerdings an bloß ablenkenden Mummenschanz.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben