Kultur : Das Butterherz

Erinnerung an Börnes Freundin Jeanette Wohl.

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Im Juni 1841 teilte ein anonymer Korrespondent der „Mainzer Zeitung“ aus Paris mit: „Herr Heinrich Heine hat auf öffentlicher Straße Ohrfeigen erhalten“. Zur Vorgeschichte wusste er zu berichten, dass die Ursache „das berüchtigte Buch Heines über Börne sei, in dem der Autor die Ranküne gegen die edle Freundin Börnes aufs Höchste getrieben“ habe. Gemeint war Jeanette Wohl, die Tochter des reichen Frankfurter Wechselmaklers und Schutzjuden Wolf David Wohl, die als „Mutter, Schwester und Freundin“ für Leben und Werk des „Zeitschriftstellers“ Ludwig Börne eine unersetzliche Rolle gespielt hat. Von den fast 6000 Druckseiten des Werkes Börnes besteht über die Hälfte aus der Korrespondenz mit dieser Frau. Sie arbeiteten zusammen, reisten gelegentlich gemeinsam – aber korrespondierten manchmal mehrmals am Tag (Wohls handschriftliche Briefe sind nachzulesen unter http://edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2007/999999/).

Börnes Repertoire an Kosenamen reichte vom Erotischen bis zum Mythologischen: „Schätzchen“, „liebes Butterherz“, „Schlange“ oder „himmlischer Satan“. Sie trieb ihn an, korrigierte seine Texte und legte sich symbolisch den Doppelnamen „Frau Wohl-Wa(a)ge“ zu, um die von der Zensur unterdrückte Zeitschrift „Waage“ demonstrativ zu unterstützen. Als Erste erkannte sie, dass die Briefform Börnes literarische Stärke war: „Ich lebe und sterbe nun darauf, die Briefe müssen gedruckt werden… und wenn Sie nicht einwilligen, so lasse ich sie auf eigene Kosten drucken, sie sind ja doch mein Eigentum.“ So entstanden die Briefe aus Paris. Dokumentiert wurde aber auch ein Psychogramm der Leidensgeschichte des Autors, der erkennen musste, dass die Gefährtin ihn nicht heiraten wollte und konnte. Gegen eine Ehe mit Börne sprachen nicht nur die Regeln des orthodoxen Judentums, sondern mehr noch das zerbrechliche Gefüge von Kunst und Leben. 1832 heiratete Jeanette Wohl in Paris den zwölf Jahre jüngeren Kaufmann Salomon Strauss, verlangte aber eine Garantie der Fürsorgepflicht für ihren Freund – denn der habe „niemanden auf der Welt“ als sie.

Das Ehepaar nahm Börne in die Wohngemeinschaft auf und kümmerte sich auch um seinen literarischen Nachlass. Was hat Heine daran so gestört? War es die Angst vor dem Nachruhm des Konkurrenten oder Neid auf eine andere Lebensform? In seinem Buch über Börne hatte er die „sogenannte Madame Wohl“ als „hässliche“ und „zweideutige Dame“ charakterisiert, die den Ehemann Strauss nur als „Laufburschen“ benutzt und sich dafür umso mehr „am süßen Geist Börnes“ gelabt habe. Daraufhin stellte Strauss den Beleidiger handfest zur Rede und verletzte ihn im späteren Duell durch einen Streifschuss an der rechten Hüfte. Nach Heines Ehrenerklärung schien die Affäre erledigt. Doch die eigentliche Wirkungsgeschichte seiner „Denkschrift“ sollte erst beginnen: Börne wurde zum „kleinen Tambourmaitre“ degradiert und Jeanette Wohl ins Domestikengeschoss der Kopisten verwiesen. Am Sonntag hat sich ihr Todestag zum 150. Mal gejährt. Willi Jasper

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