Kultur : Das chaotische Geschehen der Schöpfung

KLAUS HAMMER

Die Galerie Gunar Barthel blickt zurück auf das Münchner Künstlerkollektiv Herzogstraße.Vor einem Jahrzehnt eröffnete Barthel seine Berliner Galerie in der Fasanenstraße mit der damals noch weitgehend unbekannten Münchner Künstlergruppe.Später stellte er dann auch die einzelnen Gruppenmitglieder vor - etwa Helmut Sturm, Heimrad Prem, Thomas Niggl und Armin Saub.Jetzt wird erneut an diese Vereinigung erinnert, die sich mit ihrer gemeinschaftlichen, von der Abstraktion geprägten gegenständlichen Malerei in den Jahren 1975 bis 1982 querstellte zu den Kunstströmungen der Zeit, zu Popkultur und Fotorealismus.Von den Gruppen Cobra, Spur, Wir und Geflecht bis zum Kollektiv Herzogstraße ist eine direkte Linie erkennbar.Berührungen gab es mit Karl Horst Hödicke und den Berliner Neuen Wilden.

Das Münchner Kollektiv, das mehrere Gruppenaufenthalte in Drakabygget in Südschweden, im ehemaligen Atelier von Asger Jorn, verbrachte, setzte sich intensiv mit dem Bildraum auseinander: Er expandiert, erfährt eine neue Hierarchisierung, findet eine Mitte wie im Barock, wo der Schöpfergott diese Mitte einnimmt.Konstruktivistische Reminiszenz und assoziative Bedeutung fallen bei den Bildelementen stets zusammen.Irritationen stören die reine Selbstbezüglichkeit der Formen.Dissonanz und Harmonie, Tumultuarisches und Gelöstes, Organisches und Technoides, Konstruktion und Dekonstruktion, Gegensätze und Gleichgewichte sind miteinander verklammert.Richtungspfeile zeigen den Weg, der sich als Irrweg erweist, Balken stürzen, Leitern enden im Nichts, Räder werden zu Ellipsen, ein harmloser Rechen erweist sich als bedrohliches Instrument.Vergeblich sucht der Betrachter Skripturales aufzulösen.Obwohl es sich auf den Bildern meist um banale, vertraute Gegenstände handelt, haben diese doch die Ausstrahlung eines einzigartigen Relikts.

Unter den gut ein halbes Dutzend Gemeinschaftsbildern, die erhalten geblieben sind, kommt dem Triptychon "Fra Gra" von 1978 und dem Tafelbild "Modehaus Jeannette" programmatischer Charakter zu.Ein energetisches Skelett soll in den Gegenständen ausfindig gemacht werden.Gezielt und aggressiv wird mit der Lücke, der Leere operiert, die durch Fehlübersetzung oder Auslassung entsteht.Die Bilder sind von kreisenden Farbbewegungen erfüllt und von einer umfangenden Formgeste, einem Bogen zusammengefaßt, so daß sich alles in einem Zentrum ballt und von hier aus zu den Rändern und in den Bildgrund übergeht.

Wenn wir uns in barocken Deckenbildern, die den Raum gleichsam zum Himmel öffnen, das figürliche Szenarium wegdenken, dann bleibt ein aus Kontrasten aufgebautes Weltall im chaotischen Geschehen der Schöpfung.In den Gruppenbildern erweitert sich die Bildfläche zum Relief, läßt flächenhafte Formelemente plastisch enden.Das Bild tendiert zum Gesamtkunstwerk, zur Raumgestaltung, bei der die gemalten Flächen in den Raum eingreifen.So war es auch die Absicht der Gruppe, eine "begehbare" Malerei zu schaffen, von der allerdings kaum etwas erhalten geblieben ist.

Schaut man sich die gleichzeitig entstandenen Einzelbilder der Gruppenmitglieder - Hans-Matthäus Bachmayer, Heiko Herrmann, Thomas Niggl, Dieter Strauch Diri oder Helmut Sturm - an, werden die Unterschiede zwischen den Künstlern deutlich.An die Stelle beabsichtigter Objektivierung tritt das subjektive Selbstbekenntnis.Gerade der Trieb, sich in uneingeschränkter Individualität zu offenbaren und nicht in der Anonymität einer Gruppe, hat das Kollektiv Herzogstraße schon in den Endsiebzigern wieder auseinandergetrieben.Geblieben aber ist eine alternative Kunstszene von hohem Anspruch und die geistreiche Umkehrung der Abstraktion in eine neue Gegenständlichkeit.

Galerie Gunar Barthel, Fasanenstraße 15, bis 17.April; Dienstag bis Freitag 11-19 Uhr, Sonnabend 11-14 Uhr.

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