Kultur : Das Denkmal liebt

CHRISTOPH FUNKE

Daß der Dichter ein innerlich kindischer, zur Ausschweifung geneigter Scharlatan sei, schrieb Thomas Mann 1907.Mehr als dreißig Jahre später war der Roman "Lotte in Weimar" in Arbeit, die Anverwandlung des schon weltberühmten Erzählers an das Vorbild Goethe.Und dennoch, vom anrüchigen Kindischsein des Dichters ist auch in diesem Buch der Verehrung, des besänftigend weisen Humors noch manches zu spüren.Thomas Mann greift eine Anekdote aus dem Leben des Ruhmbekränzten auf: 1816 hatte er in Weimar, 67 Jahre alt, den Besuch der nur um vier Jahre jüngeren Jugendfreundin Charlotte Kestner geborene Buff, verwitwetete Hofrätin, zu ertragen.Werthers Lotte beim Staatsrat am Frauenplan, nach mehr als vierzigjähriger Distanz - das war schon ein dreistes Abenteuer.Aus dem Stoff hat Birgid Gysi eine szenische Collage gebaut: "Lotte mit Goethe".Die Weimarer Begegnung des Jahres 1816 nimmt sie zum Anlaß, zwei Romane in eine Beziehung zu bringen - Thomas Manns kunstvolle Roman-Phantasie mit dem stürmischen Jugendwerk Goethes, den "Leiden des jungen Werthers".Die Hofrätin Charlotte, nun Mutter von elf Kindern, ruft als Gast in der Residenz die Erlebnisse der Jugend wach.Marion van de Kamp spielt diese Doppelrolle, im Gespräch mit Carl Martin Spengler, der in viele Aufgaben hineinzugleiten hat.Er ist der junge und der alte Goethe, Kellner Mager, Sekretär Riemer und Goethe-Sohn August.Beide Darsteller wechseln vom Spiel in den Bericht, vom Zitat in den Kommentar, sie schaffen ein feines Gespinst von Nachdenklichkeit und Übermut, von Spott und Ernst.Der Werther-Roman, mit dem aufscheinenden Lotte-Goethe-Scherenschnitt im Hintergrund der kleinen Bühne, ist dabei abgesetzt als eine eigene Welt, von herben Akkorden umweht (Musik und am Klavier: Henry Krtschil).Marion van de Kamp und Carl Martin Spengler, schwarz gewandet, schmiegen sich der Poesie der gescheit verknüpften Texte geradezu liebevoll an.Ohne je Wirkung zu provozieren, spüren sie mit staunenswerter Sicherheit den Möglichkeiten einer ganz zeitgenössischen Sicht auf die Romane nach."Werthers Lotte aus Goethes Wagen zu helfen", schreibt Thomas Mann, "das ist ein Erlebnis - wie soll ich es nennen? Es ist buchenswert".

Wieder am 24.April, 16.und 30.Mai, 20 Uhr

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