Kultur : Das deutsche Oxford

JÜRGEN TIETZ

Der Wissenschaftsstandort Dahlem hat eine lange Tradition.Anfang des 20.Jahrhunderts begann das Preußische Kultusministerium damit, in dem dörflichen Villenvorort ein wissenschaftliches Zentrum samt Museen anzusiedeln.Vor allem die Forschungsinstitute der 1911 ins Leben gerufenen "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft" begründeten den Ruf Dahlems als eines "Deutschen Oxfords".Der Erfolg blieb nicht aus.Im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie machten Lise Meitner und Otto Hahn in den dreißiger Jahren mit der Kernspaltung eine Entdeckung, die die Welt wahrlich verändert hat.Während sich die wissenschaftliche Grundlagenforschung in den Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft auf der Höhe der Zeit präsentierte, blieb das äußere Erscheinungsbild der Gebäude noch ganz dem 19.Jahrundert verhaftet.Statt funktional-technischer Architekur, wie sie Peter Behrens für die AEG entwickelte oder Walter Gropius bei seinen legendären Fagus-Werken in Alfeld um 1910 demonstrierte, stellten die Dahlemer Institutsgebäude eine behäbige Villenidylle zur Schau.Mit Türmen, Erkern und Satteldach unterschieden sich die meisten Institute nicht von den noblen Wohnsitzen, die sich finanzkräftige Berliner in der Nachbarschaft einrichteten.

Dies galt auch für das Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie, das Hofbaurat Ernst von Ihne (1848-1917) 1911/12 am Faradayweg errichtete.Heute gehört das Gebäude zur Max-Planck-Gesellschaft.Seit den fünfziger Jahren trägt es den Namen Fritz Habers, der 1918 den Nobelpreis für Chemie erhalten hat.

Jetzt hat das Münchner Architekturbüro Henn (Projektarchitekt Wieland Schorer) einen 10 Millionen DM teuren Erweiterungsbau für die neue Abteilung Chemische Physik des Fritz-Haber-Instituts fertiggestellt.Ihnes gediegenem Historismus stellt sich der strahlend weiße Neubau selbstbewußt gegenüber.Nicht zufällig erinnert er an Vorbilder der klassischen Moderne.

Ein dreigeschossiger gläserner Verbindungstrakt schließt auf Höhe der Dachkante an den Altbau an.Er schafft einen neutralen Raumpuffer, der zwischen der kontrastierenden Architektursprache der Gebäude vermittelt.Gleichzeitig dient der Glastrakt als neuer Eingangsbereich, der in ein reizvolles trapezförmiges Foyer übergeht.Mit seinen Treppen, Brücken und Galerien schiebt sich das Foyer verjüngend zwischen die beiden Flügel des Neubaus.Durch seine zentrale Lage zwischen den Gebäudeflügeln kommt ihm der Charakter eines offenen Kommunikationsbereichs für die derzeit 56 Mitarbeiter der Abteilung zu.

Konsequent bestimmen die unterschiedlichen Funktionen das Erscheinungsbild der beiden Gebäudeflügel.Der südliche Bereich dient als Bürotrakt.Mit weiten Fensterflächen öffnen sich seine Räume zum angrenzenden Garten.Den beiden oberen Stockwerken ist ein großformatiger Sonnenschutz aus Lamellen vorgelagert.Von jedem Büro aus ist die Stellung dieser Lamellen einzeln regulierbar.Dadurch kann die Zufuhr des natürlichen Lichtes individuell gesteuert werden.Die unterschiedliche Stellung der Lamellen vor den Büros sorgt zudem dafür, der Gartenfassade eine zusätzliche Lebendigkeit zu verleihen.Die Metallfenster des Bürotraktes sind innen mit hellem Buche-Multiplexholz verkleidet.Aus dem gleichen Material ist die Ausstattung des Seminarraums im zweiten Obergeschoß.Durch die Verwendung des Multiplexholzes entsteht eine angenehme Wohnlichkeit, ohne daß der bewußt technische Charakter aufgehoben wird, den das Gebäude auszeichnet.

Kernstück des Erweiterungsbaus ist die große, ebenerdig zugängliche Versuchshalle, die sich zusammen mit einigen Nebenräumen als nördlicher Flügel an das Foyer anschließt.Die acht Meter hohe, vollständig verdunkelbare Halle präsentiert sich nach außen als ein monolithisch geschlossener Block.Nur mit einem schmalen Fensterband öffnet sie sich zur Brümmerstraße.

Ein zentraler Gegenstand der Grundlagenforschung im Fritz-Haber-Institut ist die Frage nach der Wirkungsweise von Katalysatoren.Bei den Experimenten werden Mikroskope von sehr hoher Auflösung benutzt.Um sie gegenüber äußeren Einflüssen abzuschirmen und ungestörte Forschung zu gewährleisten, wurde für den Boden der Versuchshalle eine spezielle Lösung gefunden.Er besteht aus acht quadratischen Betonplatten von je sechs Metern Kantenlänge, die über spezielle Luftfederelemente schwingungsentkoppelt sind.Dadurch können selbst heftige äußere Erschütterungen aufgefangen werden, wie sie die nahe U-Bahn in dichter Folge bewirkt.

Der Neubau des Fritz-Haber-Instituts überzeugt durch sein funktionsgebundenes, technisches Erscheinungsbild.Dem entspricht auch die Materialauswahl: karge stählerne Vordächer, Metalltreppen und Geländer sowie ein grüner Kunstwerkstein für den Fußboden des Foyers.Konsequent wird der schwierige Übergang vom Alt- zum Neubau gemeistert, ohne einem der beiden Baukörper in seiner eigenständigen Wirkung zu nahe zu treten.Das gleiche feine Gespür wird bei der Wirkung des Instituts im baulichen Umfeld bewiesen.Durch den Verzicht auf eine überzogene High-Tech-Architektur, mit der die Forschungsinhalte des Instituts nach außen hätten ebenfalls präsentiert werden können, paßt sich das Gebäude in den städtebaulichen Kontext ein und bereichert ihn um eine qualitätvolle zeitgenössische Variante.

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