Kultur : Das deutsche Publikum hat trotzdem etwas dazulernen dürfen

Harald Martenstein

Im Jahre 1995 wollte die Firma Shell eine alte Ölplattform im Atlantik versenken, die Brent Spar. Das schade der Umwelt fast gar nicht, sagten die Sprecher von Shell. Greenpeace entfesselte gegen die Versenkung der Brent Spar eine der erfolgreichsten Public-Relations-Kampagnen des Jahrhunderts. Am Ende war fast die ganze Welt überzeugt: Shell lügt. Der Konzern muss lügen, so dachten die meisten, denn die tapferen Umweltschützer sind bestimmt aufrichtig. Die Brent Spar wurde nicht versenkt, sondern nach Norwegen geschleppt, wo ihre Reste als Fundament einer Kaianlage Verwendung fanden. Inzwischen wissen wir, dass die Aussagen von Shell, zumindest in einigen Bereichen, näher bei der Wahrheit lagen als die Aussagen von Greenpeace. Und? Sind wir klüger geworden? Eher nicht. Denen, die wir für die Sympathischeren halten, glauben wir noch immer ein bisschen leichter.

Die Auseinandersetzung um die Wehrmachts-Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung hat Gemeinsamkeiten mit der Affäre um die Brent Spar. Auch hier sind es das jeweilige Interesse, die politischen Sympathien und Antipathien, die den Tenor der Wortmeldungen voraussehbar machen. Zweifel an der Seriosität der Ausstellung, die es seit langem gab, wurden nicht nur von den Ausstellern, sondern auch von großen Teilen der linken oder liberalen Öffentlichkeit mit geradezu heiliger Empörung zurückgewiesen. Jetzt, wo diese Zweifel sich zum Teil bestätigt haben, mischt sich in die Empörung einiger konservativer Kommentatoren ein triumphaler Unterton.

Wem nützt es? Das ist die Frage, um die sich wieder einmal alles dreht. Vielleicht ist dieses "Wem nützt es" die meistgestellte Grundsatzfrage des Jahrhunderts. Dabei ändert der Streit an den Fakten nicht das Geringste: Die Grundaussagen der Ausstellung - dass Wehrmachtssoldaten Verbrechen verübten, dass die Wehrmacht im Laufe des Krieges immer mehr zu einem Teil des NS-Terrorsystems wurde, dass es aber keine Kollektivschuld der Wehrmacht gibt -, diese Aussagen waren schon vor der Ausstellung bei den meisten Historikern unbestritten. Dass auch die Sowjetunion in großem Ausmaß Kriegsverbrechen verübt hat, ist ebenfalls keine Neuigkeit. Der Streit um die Ausstellung hat die Erkenntnislage der Geschichtswissenschaft so wenig verändert wie der Streit um die Brent Spar den Pegelstand des Atlantik. Die Bedeutung, die wir diesem Streit beimessen, hat mit unserer Bildergläubigkeit zu tun. Auch der Holocaust wurde erst durch die gleichnamige Fernsehserie und durch "Schindlers Liste" im Bewusstsein vieler Deutscher verankert.

Jetzt hört man oft: Es seien schließlich nur neun Fotos, von mehr als 1400, die falsch zugeordnet wurden, neun Fotos nur, die Verbrechen des sowjetischen NKWD zeigen, und nicht Verbrechen der Wehrmacht. Was ändere das schon! Mit diesem Argument machen die Verteidiger der Ausstellung es sich zu einfach. Über unsere Erkenntnisschwäche, über unsere eilfertige Bereitschaft, wegzuhören, über den fatalen politischen Reflex der Frage "Wem nützt es" sollten gerade die ein bisschen länger nachdenken, die gerne - und manchmal zu Recht - anderen vorgeworfen haben, dass sie aus politischem Interesse wegsehen. Es ist ja kein Zufall, dass es ein polnischer Historiker sein musste, Bogdan Musial, der die falschen Fotos entdeckt hat. Einem deutschen Historiker hätten viele gar nicht erst zugehört.

"The german army and genocide", die deutsche Armee und Völkermord, so soll die Wehrmachts-Ausstellung heißen, wenn sie ab dem 2. Dezember in New York gezeigt werden soll: Als habe es nie eine andere deutsche Armee gegeben als Hitlers Wehrmacht, als ginge es um Verbrechen der Bundeswehr. Als sei der Nationalsozialismus ewig. Ist er das?

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die nationale Identität der Deutschen verbrannt und vergiftet. Die Stelle, die im Herzen eines Franzosen, Polen oder Amerikaners das Nationalgefühl einnimmt, war bei uns leer. Wir haben diese Stelle mit dem Antikommunismus oder mit dem Antifaschismus besetzt, je nachdem, wie wir gestrickt waren, rechts oder links, östlich oder westlich. Wo sich bei den Franzosen oder Amerikanern ein positives Gefühl befand, saß bei uns eine Feindschaft. Diese Tatsache gab vielen deutschen Debatten ihren erbitterten Grundton. Nun, am Ende eines Zeitalters der politischen Glaubenskriege, hat die deutsche Rechte ihre Ersatzidentität verloren. Es gibt keinen Antikommunismus mehr, weil es keinen Kommunismus mehr gibt.

Den Antifaschismus aber gibt es immer noch. Der Kommunismus war, nach gängiger Meinung, ein verbrecherisches System, wie es in der Menschheitsgeschichte eben leider hin und wieder vorkommt. Auschwitz dagegen war einmalig. In gewisser Hinsicht: ewig. Wenn aber Auschwitz ewig ist, dann kann auch die deutsche Ersatzidentität Antifaschismus von ewiger Dauer sein, im Gegensatz zum Antikommunismus.

Seit 1989 spürt nicht nur die Linke einen Phantomschmerz, sondern auch die Rechte. Die einen haben ihre Hoffnung verloren, die anderen ihr Feindbild. Die deutsche Rechte verfolgt in den letzten Jahren zwei Strategien: Zum einen greift sie immer wieder die These von der historischen Einmaligkeit des Holocaust an, jene These, aus der die deutsche Linke den größten Teil ihrer Restidentität bezieht. Zum zweiten versucht sie, mit aller Vorsicht, die leere Stelle in den Herzen neu zu besiedeln. Es geht darum, die nationale Identität, vielleicht sogar den Nationalstolz neu zu erfinden. Dieser Versuch ist legitim. Die Linke täte gut daran, ihn nicht zu denunzieren, sondern sich an der Debatte zu beteiligen. Der gemeinsame Nenner eines Landes sollte nicht aus einem Bündel von Anti-Gefühlen bestehen.

Den Nationalsozialismus aber kann man nicht mit einer Bypassoperation umgehen, wie der Chirurg ein krankes Herz. Trotzdem experimentiert die deutsche Rechte immer wieder damit, Brücken über das historische Sumpfgelände der Nazizeit zu bauen: Teile der deutschen Identität - Institutionen, Traditionen oder Werte -, die angeblich heil geblieben sind, und die immer noch, mehr oder weniger unbeschädigt, als Vorbild zur Verfügung stehen. Die Armee zum Beispiel. Deswegen die heftigen Proteste, und jetzt die heftige Empörung. Aber was nützt das schon? Ob die Wehrmacht Tausende von Verbrechen begangen hat oder nur ein paar hundert: Der Nationalsozialismus ist ein Bruch, den niemand kitten kann. Ein neuer deutscher Patriotismus, wie nicht nur Rechte tastend suchen, sondern auch Sozialdemokraten, darf über den Antifaschismus hinausgehen. Aber er muss sich den Antifaschismus einverleiben, oder er wird weder salon- noch mehrheitsfähig sein.

Soweit das Allgemeine. Im Besonderen der Wehrmachtsausstellung aber geht diese Runde an die Rechte. Statt die Einwände gegen die Ausstellung unbefangen zu prüfen, haben sowohl die Ausstellungsmacher als auch ein großer Teil der Medien die Kritiker unter ideologischen Generalverdacht gestellt. Sollten wir, zehn Jahre nach 1989, nicht allmählich einen etwas freieren Blick auf die Landschaft riskieren? Die Frage "stimmt das" müssen wir dabei wichtiger nehmen als die Frage "Wem nützt es".

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