Kultur : Das doppelte Leben

Ideale ohne Pathos: Die Publizistin Carola Stern ist mit 80 Jahren in Berlin gestorben

Hermann Rudolph

Vielleicht wird man am Ende zu dem Schluss kommen, dass sie mit ihrem langen Leben ein grosses Pensum deutschen Schicksals ausgetragen hat. Ein Mädchen von der Insel Usedom, das eine namhafte Publizistin und für viele eine moralische Instanz war. Eine Schriftstellerin, die, in ihren späteren Jahren, einfühlsame Biografien schrieb, zumal über Frauen der Romantik, dazu Paare in der Künstlerwelt der zwanziger Jahre. Eine Zeitgenossin, die den Anteil, den sie in ihrer Jugend an den Verwirrungen und Versuchungen der jüngsten Geschichte hatte, niemal hat ganz abwerfen können.

Carola Stern, die am Donnerstagabend kurz nach ihrem achtzigsten Geburtstag in Berlin gestorben ist, hat sich dieser Vergangenheit gestellt, gelegentlich in schonungsloser Offenheit, doch ganz ohne den peinlichen Sündenstolz. Dass sie, das vaterlose Kind aus kleinen Verhältnissen eine Jungmädelführerin von, wie sie schrieb, „bescheuerter Gläubigkeit“ war, hat sie lebenslang umgetrieben – so wie das kurze Eintauchen in den Dunstkreis des sozialistischen Beginns nach 1945. Aber Lehrerin an der Parteischule in Kleinmachnow wurde sie im Auftrag eines amerikanischer Geheimdienstes, bis sie aus Angst vor Entdeckung nach West-Berlin floh. Sie hat das fast ihre ganzes Leben verborgen und es erst in ihrem 2001 erschienen Erinnerungsband „Doppelleben“ bekannt, unter starken Schuldgefühlen. Was nicht leicht nachzuvollzieren ist:War es für sie ein Problem, dass die angebliche Abkehr vom Kommunismus, die Feuerprobe einer ganzen Generation, keine war?

Was sie zur Zuträgerin der Amerikaner machte, war ja – neben der Sorge um die Medikamente für die krebskranke Mutter, die ihr die Amerikaner verschafften - , eher die Unsicherheit der Nachkriegssituation und die Ratlosigkeit einer jungen Frau. Und die eigentlich spannende Geschichte handelt deshalb davon, wie hier jemand aus der Überwindung der eigenen „Lebensschäden“ (Stern) Kraft und Mut gewinnt. Wie also aus Erika Assmus – wie sie mit bürgerlichen Namen hieß – Carola Stern wurde: erst der Deckname der Autorin – wegen der Drohungen der rachsüchtigen Stasi –, dann ein publizistisches Markenzeichen.

Ihre journalistische Laufbahn begann mit dem, was damals DDR-Forschung hiess, mit Büchern über die SED, „Porträt einer bolschewistischen Partei“, und einer ersten, 1964 erschienenen Biografie über Walter Ulbricht. Da war sie schon Lektorin bei Kiepenheuer und Witsch geworden und das lebendige Köln mit seiner Bonn-Nähe und Bonn-Distanz zu ihrem Lebensmittelpunkt. Mit dem Wechsel zum WDR-Hörfunk in dessen besten Zeiten gewann sie das Forum, das sie bekannt machte – eine starke entschiedene Stimme, eine anregende, inspirierende Redakteurin.

Von hier aus wurde sie zu einer öffentlichen Figur. Viele Jahre saß sie auf vielen Podien, war Gast in dem seinerzeit berühmten Frühschoppen Werner Höfers und wurde zu einer wichtigen Kommentatorin im Fernsehen.Wo immer sie Unrecht witterte und Menschenrechte zur Debatte standen, war sie zur Stelle. So wurde sie zur Mitbegründerin von Amnesty International. Es entstand eine Freundschaft mit Gustav Heinemann, vielleicht der politischen Gestalt, bei der sie sich am meisten zu Hause fühlte, und, nicht weniger wichtig, mit dem Theologen Helmut Gollwitzer. Mit Erhard Eppler und Johannes Rau rief sie die Gustav Heinemann-Initiative ins Leben, mit Heinrich Böll und Günter Grass die Zeitschrift „L 76“, seit 1980 „L 80“, die ein Forum der Linken sein sollte.

Für gut zwei Jahrzehnte gehörte sie zum politisch-publizistischen Personal der Bundesrepublik, fraglos im linken Spektrum, vor allem aber unverwechselbar – eine kleine, untersetzte Person mit einer Vorliebe für weich gebundene Halsschleifen und grosse Hüte, eine Idealistin ohne Pathos, eine Rebellin aus citoyenhaftem Anstand. Ausgestattet mit einer handfesten, irgendwie noch in ihrer pommerschen Herkunft verwurzelten Vernunft, besass sie eine grosse Präsenz, formulierte klar, stets auf den Punkt, mit geradezu schauspielerischer Prägnanz. Dahinter stand großer Fleiß – nie ging sie unvorbereitet auf ein Podium – und die spürbare Bereitschaft, sich zu engagieren und zu exponieren. Es ist wohl richtig, dass sie für ihre Arbeit lebte. Man kann nur ahnen, welchen Anteil daran die starke Verbundenheitmit ihrem Mann hatte, Heinz Zöger, auch er Journalist, aber Alt-Kommunist und in der DDR in die Mühlen der Parteijustiz geraten. Ihrer beider, so unterschiedlichen Lebenswege waren der Gegenstand ihrer ersten Autobiografie-Versuch, „In den Netzen der Erinnerung“.

Und dann, mit knapp sechzig Jahren, die Schriftstellerei. „Ich möchte mir Flügel wünschen“ hieß das erste Buch, über Dorothea Schlegel. Weitere Bücher folgten: über Rahel Varnhagen, Fritzi Massary, über Brecht und Helene Weigel, über Johanna Schoopenhauer, zuletzt über Gustav Gründgens und Marianne Hoppe. Alle erfolgreich – man hatte den Eindruck, dass ihr selbst Flügel gewachsen waren.

Im Fernsehen war Carola Stern übrigens die erste Frau, die Kommentare sprach, und der Einsatz für Frauen im Journalismus und in der Politik war für sie ein wichtiges Anliegen. Dabei war sie alles andere als eine militante Feministin. Aber dass die Verhältnisse sich geändert haben, verdankt sich auch ihr. Der Talk-Geschwätzigkeit von heute stand sie allerdings mit Distanz gegenüber. Vom Tagesspiegel vor zwei Jahren gefragt, ob sie Christiansen, Illner und Maischberger als ihre Nachfolgerinnen betrachte, bekannte sie kühl: Sie wisse nicht, wer die Damen seien.

Es mag zu Carola Sterns Verstrickung in die Netze des Deutsch-Seins gehören, dass sie an ihrer Herkunftsinsel mit erstaunlicher Treue hing. Es war nicht zuletzt die Aussicht, näher an Usedom zu sein, dessentwegen sie nach der Wende nach Berlin umzog. Sie erwarb auch ein Haus und versuchte, mit den Menschen dort wieder heimisch zu werden. Es war ein leiser Schmerz ihrer letzten Lebensjahre, dass das nur begrenzt gelang.

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