Kultur : Das doppelte Pünktchen

ANDREA JULIETTE GROTE

Nur wenigen kulturellen Ereignisse gelingt es, gleich drei Generationen zu begeistern.Die Romane des Erich Kästner, zumal die verfilmten, verstehen es bestimmt: Siebtklässler freuen sich auf die Filme genauso, wie ihre Großeltern es schon vor über 50 Jahren taten.Und auch Mütter und Väter schauen, gemeinsam mit ihrem Nachwuchs, "Emil und die Detektive" oder "Das doppelte Lottchen" - und sehen dabei auch ein Stückchen Film der eigenen Kindheit.

Den 100.Geburtstag Erich Kästners am 23.Februar nehmen Berliner Kinos zum Anlaß, die ersten Verfilmungen seiner Romane zu zeigen.Dazu gehört etwa "Emil und die Detektive" von 1931, für den Gerhard Lamprecht Regie führte und Billy Wilder das Drehbuch schrieb: Kameraeinstellung und Szenenwechsel sind so realistisch und mitreißend, daß diese Verfilmung zu Recht zu den Meisterwerken der frühen deutschen Tonfilmzeit zählt.

Der Weg dorthin aber war nicht einfach.In dem soeben bei dtv erschienenen Kästner-Buch (Ingo Tornow, Erich Kästner und der Film, 157 Seiten, 24,90 Mark) erfährt man einiges über die Probleme, Romane in gute Drehbücher und Filme umzusetzen: So lehnte Kästner ein erstes Drehbuch ab, das den Titelhelden Emil eher zum schlichten Lausbub werden ließ.Mit Billy (damals noch Billie) Wilder fand er einen Drehbuchautor, der in seinem Sinne Stimmungen erzeugte und mit realistischen Bildern Spannung aufbaute.Im Buch, das Kommentare und Briefzitate Kästners versammelt, kann man aber nachlesen, daß der Autor auch mit einem Wilder nicht ganz zufrieden war: Seine Polly in "Emil und die Detektive", der von 10-14jährigen Kindern handelt und für eben diese Altersstufe gemacht wurde, wollte er burschikos und lustig, bei Wilder wurde sie ihm zu altklug und kokett.Offenbar hatten Lamprecht/Wilder hier eher die Wünsche des erwachsenen Publikums mit im Blick.

Bei vielen Filmen schrieb Kästner selbst das Drehbuch oder beeinflußte die Produktion.Ihm ist es wichtig, daß sich die kleinen Filmhelden immer im realen Umfeld, auf dem Schulhof, den Straßen Berlins oder Münchens tummeln.Die idealisierenden zeitgenössischen Geschichten sind nicht seine Sache.Kästner nimmt die Kinder ernst.Filme wie "Das doppelte Lottchen" zeigen ihre Sorgen, ihre Ängste - und auch die finanziellen Nöte der Eltern aus der Kinderperspektive.Kästner verniedlicht nicht, und dies gefällt auch den Kindern von heute.In "Emil und die Detektive", aber auch den anderen Verfilmungen seiner Romane, entwickeln die Kinder Macht - aber nicht durch Mechanismen, die die Erwachsenen verwenden und beherrschen, um ihre Interessen durchzusetzen: Emil ist trickreich, und gemeinsam mit seinen Freunden wird das schwächste Glied der Gesellschaft handlungsfähig und stark.Kästner ging es vor allem um Zivilcourage.Heute mag es als Kuriosum erscheinen, daß der Film, obwohl Kästners Bücher bereits 1933 verbrannt wurden, noch bis 1937 im Kino zu sehen war.Den Nationalsozialisten kam wohl eher die dem Buch innewohnende Solidaritätsbotschaft zupaß, das gemeinsame, straff organisierte Zusammenstehen der Jungs gegen das Böse.

"Emil und die Detektive" wurde in 24 übersetzt und ist bis heute eines der erfolgreichsten Kinderbücher.Schon 1935 gab es eine englische Version, dann 1954 den ersten deutschen "Emil"-Farbfilm.Zwei Jahre später verfilmten die Japaner den Roman und 1964 die Amerikaner.Die Filme, die jetzt in Berliner Kinos gezeigt werden, verlangen danach, verglichen zu werden.Bei Lamprecht noch fährt der Kinofreund mit Emil in der Straßenbahn durch ein unzerstörtes Berlin.Die Fassung von 1954 zeigt das Ausmaß des Krieges.Die Filme sind somit nicht nur unterhaltend, sondern auch vom Historischen her spannend.Gerade wer sich die Neuverfilmungen der Kästnerschen Kinderwelt im Kino ansieht - etwa Joseph Vilsmaiers "Charlie & Louise" (1994) oder Caroline Links "Pünktchen und Anton", der auf der kommenden Berlinale Premiere feiert -, kann hier im Blick auf Früheres erst richtig fündig werden.

"Das doppelte Lottchen" (1950) und "Emil und die Detektive" (1954) im Filmtheater am Friedrichshain; "Emil und die Detektive" (1931) und "Pünktchen und Anton" (1953) im Broadway; "Das fliegende Klassenzimmer" (1954) und "Die Konferenz der Tiere" (1969) im Kino Rollberg

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