Kultur : Das doppelte Rockchen

Zwei junge Berliner Schauspielerinnen wollen Rockstars werden: Jana Pallaske und Julia Hummer

Katharina Wagner

Strubbeliges, schwarzes Haar, große dunkle Augen, Schmollmund – Jana Pallaske, ein Gesicht, das man kennt, vor allem aus dem Kino. Zuletzt war sie in „Was nützt die Liebe in Gedanken“ zu sehen. An der Seite von Daniel Brühl und August Diehl spielte sie ein schüchtern- unscheinbares, braves Mädchen im Berlin der Zwanziger, eine eher ungewöhnliche Rolle. Meistens dominiert sie das Geschehen auf der Leinwand als impulsiver, rastloser Teenager. Junge Mädchen spielt sie, die nach mehr Leben suchen und dafür alles riskieren: als Sabine in ihrem Kinodebüt „alaska.de“ (2000) und als Joe in „Engel & Joe“ (2001). Doch damit ist noch längst nicht alles über die 25- jährige Berlinerin aus Treptow gesagt.

Die Augen tiefschwarz geschminkt, das T-Shirt abgeschnitten, in zerrissenem Jeansrock, schwarzer, löchriger Leggins und Chucks, greift sie zum Mikrophon. Do you want some? Come and get it, dröhnt ihre helle Stimme durch den Raum, sie klettert auf Lautsprecherboxen, hüpft kreuz und quer über die Bühne, springt ins Publikum, reißt ein Gitarrenkabel aus den Boxen, schmeißt den Mikrofonständer um. Ohne Pause tanzt sie, singt sie, die Haare hängen wirr im Gesicht, sie lacht viel: Jana Pallaske im Punkgestus der Achtzigerjahre. Als Frontfrau der Band Spitting Off Tall Buildings nennt sie sich Bonnie Riot. Ihre Musik ist Punkrock – laut, schnell und unzufrieden.

Derselbe Ort, das Zentralberlin, einen Tag später: Mit übereinander geschlagenen Beinen sitzt da ein Mädchen auf einem Barhocker, eine Gitarre ruht auf ihrem Knie. Sie hat einen Zettel auf das Holzgehäuse geklebt, um die Reihenfolge der Songs nicht zu vergessen. Schnell stellt sie noch das Mikrofon richtig ein. Artig stellt sie sich vor: „Hallo, ich bin Julia Hummer und das ist meine Band.“

Die 24-Jährige trägt eine dunkelblaue Kapuzenjacke, darunter ein schlichtes T- Shirt, eine locker sitzende Jeans, weiße Turnschuhe. Die Augen geschlossen, ihr Bein wippt im Takt. Leicht angesoult, mit ein bisschen Pop, viel Folk, in Singer- Songwriter-Tradition mit Akustikgitarre, Mundharmonika und Tambourin: ihre Musik ist melancholisch, ein wenig verträumt, ihre raue Stimme ist leise, aber eindringlich. Auch sie ist eigentlich Schauspielerin. Ihren ersten Auftritt hatte sie 1999 in dem Kinofilm „Absolute Giganten“, zwei Jahre später wurde sie mit „Die innere Sicherheit“ berühmt.

Jana Pallaske und Julia Hummer, beide Mitte 20 sind Autodidakten. Eine Schauspielschule haben sie nie besucht. Sie gelten als Nachwuchstalente des jungen deutschen Kinos, aber jetzt machen sie Musik. Singende Schauspielerinnen wollen sie nicht sein. „Die Schauspielerei macht mich nicht so richtig glücklich. Das ist so wenig von einem selbst, man hat keinen Einfluss, auf das, was man tut. Das hat mich total genervt“, sagt Jana Pallaske. Lässig sitzt sie am Fluss, lässt die Beine über der Spree baumeln. Mit der Musik ist das für sie etwas ganz anderes: „Sie ist das, was ich bin.“ Singen war schon immer ihr Traum, nur der Mut dazu fehlte und die passende Band. Die hat sie jetzt gefunden. „Jana war ein Experiment“, sagt Paule, der Gitarrist, „und es hat geklappt.“

Seit einem Jahr touren Jana, Paule, Andre, Greg und Nils als Punkrockkombo quer durch Deutschland. Im Moment genießen sie die letzten Berliner Sonnenstrahlen, nachdem sie zuletzt von einem Auftritt zum nächsten geeilt sind, bis zu viermal pro Woche. Im Hintergrund ragen riesige Baukräne in den Himmel. „Das wäre doch der perfekt Ort für ein neues Video“, überlegen sie. Die fünf meinen es ernst: I want too much and I want it know, heißt es in einem Lied: „Ich will zu viel und ich will es sofort.“ Dass berühmt werden nicht so schnell geht, darüber machen sie sich keine Illusionen. Halb-berühmt sind sie ja immerhin schon. Für den Erfolg verausgaben sie sich. So oft es geht treten sie live auf, wo immer man sie hören will, sie spielen in kleineren und größeren Clubs in Berlin, Köln oder Giessen, auf Straßenfesten oder Festivals, als Support anderer Bands. Im Januar nehmen sie ihr erstes Album auf.

Und die Schauspielerei? Jana zuckt mit den Schultern: „Wenn ich ein gutes Angebot bekomme, klar.“ Doch im Moment ist die Band wichtiger, auch wenn da der große Durchbruch noch in weiter Ferne liegt. „Wenn du siehst, wie deine Musik, die Leute begeistert, dann macht das super glücklich.“

Auch für Julia Hummer steht die Musik an erster Stelle. Die Schauspielerei läuft so nebenbei, weil es eben läuft. Erst vor zwei Wochen hat sie die Dreharbeiten für den neuen Film „Gespenster“ von Christian Petzold beendet. Auf den ersten Blick wirkt sie ein wenig schüchtern, fast scheu, gar nicht wie man es von jemandem erwartet, der schon 1000 Mal auf der Leinwand zu sehen war. Normal, in Jeans und T-Shirt, fällt sie an diesem Nachmittag gar nicht auf, zwischen all den anderen Leuten in der Oderbergerstraße. Als die Julia Hummer aus dem Kino erkannt zu werden, ist ihr peinlich. Deswegen hat sie eine etwas abgelegene Ecke im Mauerpark als Treffpunkt vorgeschlagen.

Dreharbeiten machen ihr Spaß, bedeuten ihr aber nicht viel, sagt sie. Nie würde sie die Musik gegen die Schauspielerei tauschen. „Meine Musik ist irgendwie alles, was in mir ist, was ich gehört, gesehen und erlebt habe. Und plötzlich kommt es raus.“ Julia streicht sich die Haare aus dem Gesicht, denkt nach. „Wenn ich Texte schreibe, dann bin ich saumäßig nah dran an dem, was man niemals finden wird.“ Musik als Leidenschaft – wann genau das angefangen hat, weiß sie nicht mehr. Auf der alten E-Gitarre ihres Mitbewohners hat sie dies und das ausprobiert, dazu gesungen, Texte geschrieben: „Das klang natürlich furchtbar am Anfang.“

Mittlerweile hat die in Hagen geborene Wahlberlinerin eine eigene Gitarre und eine Band, gute Freunde von ihr. Die suchen noch nach einem Namen, sie selbst möchte keinen Künstlernamen, sie sei auch als Sängerin ganz einfach Julia Hummer. Anfang Oktober gab sie ihr erstes Konzert in Berlin, ihre erste Single kommt Ende des Jahres in England raus. Das findet sie gut, denn in England weiß niemand, dass sie Schauspielerin ist. „Ich lege es nicht darauf an, schnell berühmt zu werden. Beständigkeit und Eigenkontrolle, das ist mir wichtig. Ich will mir nicht sagen lassen, was ich für Töne spielen soll und was ich anzuziehen habe“, sagt sie. Dabei taucht dieser bestimmte Ausdruck in ihren Augen auf, wie immer, wenn sie über ihre Musik spricht. In diesen Momenten erscheint sie einem gar nicht mehr scheu, sondern hartnäckig und fest entschlossen. Ihr Blick fällt auf die Uhr, sie springt auf. Sie muss los, zur Probe. Noch hat sie nicht alle Songs für die erste CD fertig.

Es ist kühl geworden an der Spree, die Sonne ist untergegangen. Jana Pallaske zieht den Reißverschluss ihrer Jacke bis oben hin zu, sie muss auf ihre Stimme achten. Sie steigt auf ihr rotes Mountainbike, das Wochenende war anstrengend. Auch die Anderen sind müde. Und morgen geht es schon wieder weiter. Sie müssen üben. Man muss sich seiner Sache sicher sein, um eine Rolle zu spielen.

Spitting Off Tall Buildings, 29. Oktober, Columbia Club, 21.30 Uhr (mit Abwärts)

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