Kultur : Das dralle Leben

Zum Tod des Trash-Regisseurs Russ Meyer

Frank Noack

Russ Meyer hat es seinen Kritikern leicht gemacht. Der New Yorker John Simon stand mit seiner Meinung nicht allein, als er anlässlich von „Supervixen“ (1975) schrieb, Meyer sei „technisch irgendwo zwischen Amateurfilmen und Werbespots stehengeblieben, emotional in dem Hohlraum zwischen zwei überdimensionalen Brüsten und intellektuell zwischen dem siebten und achten Lebensjahr“. All diese Vorwürfe konnten Russ Meyers Aufstieg zum Kultregisseur nicht verhindern. Er war sympathisch offen, ehrlich primitiv und direkt – das machte ihn gegen Kritik resistent.

Ausgerechnet der erzkonservative Meyer, der als Kriegsfotograf in Europa begonnen hatte und prinzipiell nur bullige Kerle mit kurz geschorenem Haar als männliche Protagonisten wählte, wurde zum Liebling der linken Gegenkultur. Er verherrlichte den Feind: den Patriarchen, den Militaristen, den Vergewaltiger – und lieferte zugleich deren Karikatur. Unmöglich, Meyer auf einen Nenner zu bringen: Er hatte einen Blick für Motive, für exzellente Bildkompositionen. Bloß von Dramaturgie verstand er nicht viel. Eine seiner größten Zumutungen, der 76 000 Dollar billige „Vixen“ (1969), enthält belichtetes Material von maximal einer halben Stunde, doch unmotivierte Wiederholungen strecken die Laufzeit auf 90 Minuten. Seine Filme sehen nicht geschnitten aus, sondern gehackt. „Vixen“ spielte trotzdem sechs Millionen Dollar ein.

Meyers Hauptarbeit war das Casten: Er reiste um die Welt, um vollbusige Frauen zu finden. Diese trugen so hinreißende Namen wie Tura Santana (in „Die Satansweiber von Tittfield“, 1965) oder Uschi Digard. Er liebte starke Frauen – die ihm oft jedoch nur als Vorwand für Gewaltdarstellungen dienten. Starke Frauen, so Meyer, vertragen viel. In „Im tiefen Tal der Superhexen“ (1979) greift eine Frau beim Sex nach einer Glühbirne und erhält einen Stromstoß. Meyer fand so etwas lustig.

Der Psychopathologie seiner Busenfixierung zum Trotz: Den kleinen Kult um seine Person hat er verdient. Am vergangenen Samstag starb Russ Meyer im Alter von 82 Jahren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben