Kultur : Das Drama im Kopf

JAN SCHULZ-OJALA

Enzensbergers "Voltaires Neffe" am Renaissance-Theater VON JAN SCHULZ-OJALA

Fast wäre das Werk, das Original zumindest, auf immer verschollen geblieben.Zwar hatte Diderot-Bewunderer Goethe dessen damals schon 40 Jahre alten Dialog "Rameaus Neffe" 1804 nach einer Abschrift ins Deutsche übersetzt, zwar war bald danach dieser Text ins Französische rückübertragen worden - aber damit hätte es womöglich aus sein können.Wäre da nicht der Bibliothekar der Comedie Française, Georges Monval, eines Tages zufällig auf die wahre Quelle gestoßen: 1890 entdeckte er Diderots Text bei einem Bouquinisten am Quai Voltaire, verborgen in Band 126 einer 300bändigen Tragödiensammlung.Fast komisch, daß Denis Diderots auf zwei Stimmen verteilter, selbstkritischer Monolog über Zynismus und Moral hier als Tragödie figuriert - aber ist er überhaupt Theater? Diese Frage darf man stellen, und sie lastet über jedem Versuch, Diderots Denk-Stück oder seine möglichen Abwandlungen auf die Bühne zu stellen."Ich" und "Er" heißen die beiden Figuren, die sich in einem Pariser Cafe zufällig begegnen; im Ich des skeptischen, an der Pflicht zum Guten festhaltenden Philosophen und im Er des antimoralischen Genießers ist das vorandrängende und sinnenhafte Denken Diderots, dieses modernsten aller europäischen Aufklärer, jederzeit zu erkennen.Ein Drama im Kopf also, keine dramatische Konstruktion.Reden, nicht: Handeln.Und am Ende gehen die beiden auseinander, wie sie gekommen sind."Ist es nicht so, daß ich immer derselbe bleibe?" fragt Rameaus Neffe triumphierend, und das Ich stimmt bedauernd zu.Und noch einmal der Neffe: "Hauptsache, dieses Unglück bleibt mir noch die nächsten vierzig Jahre." Nun hat Hans Magnus Enzensberger, in seiner vielseitig forschenden Weltläufigkeit so etwas wie der Diderot unserer Tage, "Voltaires Neffe" geschrieben, einen Text für das Renaissance-Theater, dem er als Berater, Stoffbeschaffer und guter Geist in manchem Sinne zur Verfügung steht.Natürlich rühmt sich jetzt dieses nach wie vor kriselnde Haus, die gedankliche Vorlage 1963 mit O.E.Hasse erstmals auf eine deutsche Bühne gebracht zu haben, so wie es nun stolz die Uraufführung der "Fälschung in Diderots Manier" (so Enzensbergers Untertitel) präsentiert - doch, so fröhlich das Werk am Premierenabend beklatscht wird, ein wahrer Theaterstoff ist auch dieses nicht.Nicht nur, weil hier dem Philosophen mit "Das ist ja das Fatale.Sie und ich, wir bleiben, was wir sind" das ganz und gar undramatische Schlußwort überlassen bleibt, sondern weil Enzensberger seine Vorlage allenfalls behutsam modifiziert und aktualisiert.Diderot hat nur einmal, sehr spät, ausdrücklich für die Bühne geschrieben - und ist damit prompt durchgefallen.Und Enzensberger ist ein Denker wie er, ein Raisonneur par excellence. Also reden auch hier nur zwei, begeben sich in einen eleganten Clinch über das richtige Leben im falschen, über Neid, Günstlingswirtschaft, Klatsch und Erpressung, über Hofnarren und Genies und das ganz normale Verrücktsein.Enzensberger ist immerhin Optimist, das Kräftemessen endet unentschieden. Kein wuchtiger Bühnenabend, gewiß - aber tut es nicht gut, wenn da einer zur Abwechslung eben 75 Minuten unseres Lebens beansprucht und man dabei, ein paarmal nur, seine Hand auf der Schulter spürt? Enzensbergers Text ist ein sanftes Beiseitenehmen, und Piet Drescher als Regisseur hat das, was darin nach Theater schmeckt, nach Kräften aufgewürzt.Also dürfen Matthias Günther als Philosoph und vor allem Veit Schubert ihr komödiantisches Talent dort, wo es sich ziemt und gefällt, aufs hübscheste entfalten, und die Puppenspieler unter der Leitung Atif Husseins geben dem Ganzen in der Visualisierung der Hofchargen einen zusätzlichen Reiz.Der Kern aber ist und bleibt Text, und der Kern des Textes das Denken; nur wer diese Zwiebel bis zur Mitte schält, hat wirklich gesehen. Vor allem die Widersprüchlichkeit des Philosophen hat Enzensberger interessiert, weniger der eher naturbelassene Berserker von Gegenspieler - und das dürfte der Grund gewesen sein, aus dem Neffen des Komponisten Rameau den falschen Neffen des zweiten Großlichts des siecle des lumieres zu machen: Voltaire.Also darf dieser Philosoph, der ausdrücklich nicht Diderot ist (aber auch nicht ausdrücklich Enzensberger), sich durchaus hochmütig an Voltaires Ruhm reiben, an dessen schlechten Versen, an dessen seltsamer Freundschaft zum Preußenkönig auch; und wohl auch aus diesem Grund hat er den Schauplatz vom Cafe in das Foyer eines Auditoriums verlegt (das Dieter Klaß, wohl um einen Kontrast zum Prunk zu schaffen, in eine allzu häßliche Rumpelkammer verwandelt hat).Drinnen nämlich tönen die Verfechter blankesten Kolonialismus, die der Philosoph ebenso verabscheut wie fürchtet, denn das offene Streitgespräch, das der Geist fordert, könnte ihn ins Gefängnis bringen.Ein Galilei, kein Giordano Bruno ist dieser Mann, höchst anfechtbar das und höchst menschlich auch.Und einer, der oft von seinem Job die Schnauze voll hat: "Die Vernunft ist gebrechlich.Manchmal muß man aufpassen, daß man nicht verrückt wird, wenn man über das Nachdenken nachdenkt." Es ist die alte Geschichte, 220 Jahre alt und von heute zugleich: der Moralist, auch der offenste, muß sich von zwei Seiten verspotten lassen.Von den Realisten, die nach dem Prinzip homo homini lupus verfahren - und das, wie man immer schon wußte, teuflisch gut; und von den Genies, die mit Fesseln jedwelcher Art sowieso nichts anfangen können.So zynisch ist das Leben.Vielleicht war es doch nicht so verkehrt, daß "Rameaus Neffe", dieses wunderbare Hirnkastengewitter, unter den Tragödien firmierte, damals beim Bouquinisten am Quai Voltaire.

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