Das DSO unter Roger Norrington : Schlacht um Hiob

Very British: Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin spielt Ballettmusik von Ralph Vaughan Williams, dirigiert von einem munteren Sir Roger Norrington.

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Der britische Dirigent Sir Roger Norrington
Der britische Dirigent Sir Roger NorringtonFoto: Manfred Esser

Im Himmel herrscht Krieg, Satan und der Allmächtige kämpfen um den Thron und um Hiobs Seele. Weil die Schlachtenmusik dazu von Ralph Vaughan Williams (1872 –1958) stammt, klingt es auch mal nach Western, nach endlos weiter Prärie, Tomahawk, Kavallerie. Der Brite, den Sir Roger Norrington und das Deutsche Symphonie Orchester den Berlinern in dieser Saison mit einem Konzertzyklus näherbringen wollen, machte sich auch als Filmkomponist einen Namen.

Zum Abschluss des Zyklus (2017/18 folgt Martinu) nun also in der Philharmonie Williams’ Ballettmusik „Job“, mit einer weltumspannend pentatonischen göttlichen Sphäre und der harsch drängelnden Chromatik des Teufels. Auch wenn die Motivik eher simpel erscheint, hat Williams doch exquisite Programmmusik daraus zusammengefügt, mit signalhaften Leitmotiven und archaisierenden Tanzformen, impressionistischen und spätromantischen Einschlägen, Jazz- und Barockelementen. Ob wirbeliges Xylofon, laszive Saxofon-Locktöne oder die honigsüße Solo-Geige – die Musiker des DSO kehren die Sinnlichkeit des szenisch eher selten aufgeführten Werks hervor. Wobei man sich vor lauter kreiselnden Fünfton-Passagen irgendwann fragt, ob der Gott des Alten Testaments womöglich nicht aus dem Nahen, sondern dem Fernen Osten stammt.

Eine Art Anti-Brexit-Programm

Ein komplett britischer Abend, eine Art Anti-Brexit-Programm: England gehört unverbrüchlich zur abendländischen Musikgeschichte. Vielleicht liegt Norrington dieser Hinweis ja am Herzen. Jedenfalls wendet der muntere, aus Altersgründen bloß nicht mehr ganz standfeste 83-Jährige sich auf seinem Drehstuhl bei Haydns in London entstandener Symphonie Nr. 95 c-Moll immer wieder fröhlichen Blicks dem Saal zu, überlässt die Musiker im Menuett auch mal sich selbst und sucht den Blickkontakt zum Publikum. Sein Haydn, wie immer: eine prägnante Klangrede, schlackenfrei, feierlaunig, tänzerisch-burschikos. Jeder Ton eine Geste der Zugewandtheit.

Ungemein klar konturiert singt Ian Bostridge dann auch die somnambulen Texte von Percy Shelley bis Shakespeare bei Benjamin Brittens Liedzyklus „Nocturne“ (1958). Tenor, Streicher, sieben Soloinstrumente, darunter Pauke, Harfe, Flöte. Man muss Brittens aseptische Manier nicht mögen, um sich von Bostridges Kunst der Deklamation betören zu lassen. Ein superber Lautmaler, jedes Intervall blitzsauber, jede Silbe glasklar. Groteske Nachtmahre, erotisierende Traumgespinste – Bostridge beschwört sie alle herauf.

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