Kultur : Das Echte ist immer das Fremde

MANUEL BRUG

Die Berliner Staatsoper im Land des ewigen Yen-Lächelns: erlaubt ist, was europäisch ist.Denn auch die Kulturtour nach Tokio folgt dem strengen Markenkonformismus der Japaner.Das lassen sie sich einiges kosten.Und die Gäste aus dem fernen Westen genießen den Triumph.VON MANUEL BRUGLauter Erscheinungen aus einem Modejournal, Fernostausgabe.Schwarz, schwarz und nochmals schwarz.Die Haare lang, strähnig, oftmals heller gefärbt, die Dolce & Gabba-na-, Gucci-, Prada- und Helmut Lang-Schriftzüge stolz auf dem Hemd prangend, Tüten auf dem angewinkelten Arm vor sich her stemmend.So balancieren sie grazil auf beachtlichen Plateausohlen.Selbst der gleichmachenden Schuluniform wird ein Rest modisches Rebellentum beigesellt.SiehÕ her: Ich bin ein anderer, verkünden die Lettern lautlos, doch deutlich. Tokios Jugend huldigt Kaufrausch, Markenfetischismus und Labelheiligsprechung.Ein Konformismus der anderen Art als jener der Väter, die im Einssein mit der Firma aufgingen.Ruhiggestellt, weil die Droge Shoppen im alltäglich offenen Einkaufsparadies spärliche Freizeit füllt und die Millionen bei Laune hält.Man ist fasziniert von diesem lebendigen Hochglanzmagazin, schon weil das Auge außer wildgewordenen Neonreklamen nichts hat, an dem es sich festhalten kann. Das Eigene freilich zählt nicht, europäisch oder amerikanisch muß es sein.Deshalb ist das größte Wunder von Tokio nach wie vor Tokio Disneyland.Europäische Mythen, amerikanisch inszeniert, japanisch gründlich betrieben.Cinderellas Neuschwanstein-Castle in Asien, da ist selbst der Europäer froh, der Silhouette jenes Gothic-Placebos ansichtig zu werden, wo ihm die schreckensweiten Augen kaum Möglichkeiten lassen, sich am Gewohnten festzukrallen.Gurgelnde Laute des Erkennens sind die Folge.Ein Volk von Adepten, denkt er.Das Hotelcafé namens "Edelweiß" und Notre-Dame als Druck an der Zimmerwand bestätigen dies.Vor dem Balkonfenster ragt unter pastellfarbener Duckglocke aus der mäandernden Häuserlandschaft der dem Eifelturm nachgebaute Tokio Tower. Dabei ist es dieses Europäische, für welches sich der Langnasige in das Land von Sony und Fujij, Toyota und Canon begibt.Von den Segnungen seiner Zivilisation will er künden, von den Beglückungen die ausgehen von seiner Kultur, seine Musik insbesondere."O Freunde, nicht diese Töne", so wird bald wieder René Pape beim Eröffnungskonzert des vierwöchigen Gastspieles der Deutschen Staatsoper Berlin mit machtvoll schlanker Stimme eine wohlvertraute Melodie anstimmen, manche nennen sie Japans zweite Nationalhymne, seit sie 1916 zum ersten Mal in einem Gefangenenlager erklang: "Freude, schöner Götterfunken", das empfinden die Japaner wahrhaft und wirklich und tief."Seid umschlungen, Millionen", schickt der Europäer heimlich nach."Dieser Kuß, der ganzen Welt", darin sind sich dann alle einig.So also interpretiert man hier den Satz, der als Menetekel an der Flughafenwand mahnt: "Enjoy your stay but please follow the rules". Doch wo die Plattenläden überquellen von japanischer Popmusik, die in schrägschriller Unbekümmertheit und unterschwelliger Laszivität mehr ist als nur Nische im dörflich globalen Rockgeschäft, da werden eigene Anstrengungen auf dem Gebiet der sogenannten Ernsten Musik mit einem Mauerblümchendasein im von europäischen und amerikanischen Interpreten beherrschten CD-Regal beschieden.Mag auch in einem drauf spezialisierten Club im Vergnügungsviertel Ropongi jede Woche eine andere Band die Beatles gar nicht schlecht nachahmen - zur Freude vornehmlich der Langnasen.Die Japaner wollen keine Kopien.Nur das Echte, das Fremde zählt. Dies zu besitzen, adelt den Eigentümer.Kleine Fluchten, mögen die 27 Millionen im Ballungsraum Tokio sich mit dem Nachgemachten begnügen.Wer ganz viel Geld hat, der bereist Bayreuth vor allem, Salzburg, Paris, London, Mailand, New New York - oder Berlin.Wer viel Geld hat, der hört sich deren Opernhäuser und Orchester live an, wenn sie nach Japan kommen, dem gelobten Land für den von schwindenden Subventionen, Sinnverlust und Routinefrust gebeutelten abendländischen Klassikverweser. In diesem Land des ewig sanften (und so stabilen) Yen-Lächelns läßt man sich den elitären, weil importierten Klang einiges kosten (was sich auch in Gagen niederschlägt), ist wissend, um zu verstehen, aber naiv genug, um in ehrlicher Bewunderung zum Idol aufzublicken.Manche sinken gar nach dem Konzert vor Daniel Barenboim zusammen, danken ihm auf den Knien ihres Herzens, auch Kußhände sind zu erleben.Labsal auf der wunden Seele der Berliner.Vorher herrscht Stille, Versenkung, so erwartet man es von den Töchter und Söhnen Nippons.Höchstens ein hungriger Tamagochi meldet sich, von seinem verlegenen Besitzer schnell zum Schweigen gebracht. Die Invasion der Europäer im Fernen Osten kennt in dieser Saison zwei Hauptstoßrichtungen.Zum einen, das verdichtet sich noch einmal um die Weihnachtszeit und Silvester, beherrschen duidu-verliebt und Champagnergläser klirrend die Wiener das Terrain: kein Wunder, daß Tokio auch eine Filiale der k.u.k-Hofzuckerbäckerei Demel aufzuweisen hat.An zweiter Stelle rangiert bereits Berlin.Die Philharmoniker gaben sich letztes Jahr die Ehre, das Rundfunk-Orchester ist wieder weg, Hansjörg Schellenberger naht, die Philharmonischen Solisten und das Salonorchester "Die Berliner". Auch Wolfgang Wagner ist da.Der inszeniert "Lohengrin" an einem neuen Opernhaus, wo man nun endlich, mit satten 300 Millionen Jahresetat aus einem plötzlich offenen staatlichen Fleischtopf, eine Kompagnie installieren will.Da das Haus aber nur 1800 Sitze hat, wird man kaum auf große Einspielergebnisse kommen.Eingeweihte geben dem Versuch nicht mehr als drei Jahre.Trotzdem wird mit einer Bayreuther und einer japanischen Besetzung probiert, Zefirelli hat sich bereits mit "Aida" angekündigt. Die größten Stücke vom Tokioer Opernkuchen machen aber zwischen den Auftritten der Met und der Slowakischen Staatsoper die Gastspiele sämtlicher drei Berliner Opernhäuser aus: Nach der Lindenoper wird bereits im Januar die Deutsche Oper mit "Rosenkavalier", "Fliegendem Holländer" und "Tannhäuser" erwartet, im Juni folgt die Komische Oper mit "Hoffmanns Erzählungen" und der "Fledermaus".Wahrhaft ein "Berlin Opera Festival", wie in der Stadt an vielen Stellen plakatiert. Nun mag man über die Geschicke der drei zu Hause lamentieren, doch daß sich alle in einer solchen Musikmetropole präsentieren, das darf man einen Werbecoup erster Klasse nennen.Der nichts kostet, weil alle Gastspiele vom Veranstalter finanziert werden.Vom Geld ist auch auf der Pressekonferenz der Lindenoper viel die Rede, denn die notorisch gut informierten Japaner wissen selbst über die Schließung des Metropol-Theaters Bescheid.Barenboim dagegen beschwört die Zukunft Berlins als Kulturhauptstadt (weshalb er wohl zu Hause unlängst wieder mehr Geld für sich und die Lindenoper gefordert hatÉ), mahnt, daß, was jetzt weggeschnitten wird, auf ewig verloren gehe. Trotzdem schien es keiner der notorisch reisefreudigen Berliner Politiker für nötig zu finden, bei dieser Berliner Opernsaison in Fernost anwesend zu sein.Daniel Barenboim, darauf angesprochen, winkte nur müde ab.Dafür beehrte der wagnerliebende Kronprinz Nauhito die erste "Walküre".Beim ersten Beethoven-Konzert dagegen ist die Südwestdeutsche Landesbank mit japanischen Kunden vertreten."Spielen die Berliner Beethoven, spare ich mir eine Woche Verhandlungen", so rechnet sich das deren Chef aus.Nur ein Herr von Mercedes Tokio wirkt nach der aufrüttelnden 9.Sinfonie zerknirscht; muß er doch die aus der Bahn gekommene A-Klasse verdauen. Während Häuser wie das Teatro Communale Bologna sich für ihre Japan-Tour mit Solisten wie Freni, Baltsa und Carreas schmücken, Namen, denen man in den Marken selten begegnet, sind die Berliner Opernhäuser so gut und schlecht vertreten, wie sie in Berlin auch zu erleben sind.So darf man es beinahe ehrlich nennen, wenn sich die Deutsche wie die Komische Oper einzig mit Inszenierungen von Götz Friedrich und Harry Kupfer aufmachen - schließlich dominieren beide die Spielpläne zu Hause. Die Lindenoper wartet bei den Dirigenten, zu Spitzenkartenpreisen von bis zu 700 Mark, mit ihrem Superstar Daniel Barenboim im Alleingang auf (nur zweimal darf Sebastian Weigle), läßt aber mit Arbeiten von August Everding, Harry Kupfer und Patrice Chéreau mehr Regie-Pluraliät walten.Die auch wegen Papagenos vielbelachten japanischen Zwischenrufen begeistert aufgenommene "Zauberflöte" sieht sich zwar in ihrer eleganten Schinkel-Historizität dank eines schwarzen Bühnenrahmens vortrefflich an.Doch Everdings platte Spaßigkeiten wirken hier noch verstaubter. Die "Walküre", zu der das selbst mit uralten Eterna-Platten zum späteren Signieren - sei es am Bühneneingang, in der U-Bahn, oder Hotelhalle - bestens ausgestattete Publikum stolz mit den Bayreuth-Tüten vom Sommer strömt, täuscht auch hier nicht über die Problematik eines schalen Kupfer-Bayreuth-Aufgusses hinweg.Besonders der dritte Akt, wo diesmal keine Podienfahrten den musikalischen Walkürenritt verdoppeln, wo Wotan auf der blanken Erde von seiner Tochter die Göttlichkeit küßt, gerät anrührend und ausgeglichen.Naturhaft strömt Musik, Sänger und Orchester bewegen sich in magischer Balance, man meint hier die Aura des mystischen Abgrunds zu spüren. Wie auch in den anderen Sälen wird anhand der glänzenden Akustik wieder der dumpfe Klang der Knobelsdorffschen Preußischen Puderdose zu Hause schmerzlich bewußt.Hier entfalten sich die Wogen, breiten sich aus, hier ist von Barenboims in Berlin oft bräsiger Lärmigkeit nichts zu spüren.Was aber auch daran liegen mag, daß der Chef und seine Staatskapelle, die stärker herauszustellen und auf höheres Niveau zu bringen seit Amtsantritt sein Ziel war, sich gefunden haben.Fünf Jahre gemeinsames Musizieren lassen nun einen Klangduktus ahnen, der spezifisch genannt werden kann. Auch interpretatorisch schärfen sich die Kanten.Bei Barenboims Wagner sowieso, das Prinzip Repetition trägt hier Früchte.Aber auch seinen, diese Saison geschickt auf Berlin, eine Europatour, Japan und Chicago verteilten Beethoven hat Barenboim inzwischen weit über den Notentext hinaus drauf.Das 1.Klavierkonzert gerät zu mehr als nur gepflegt sich austauschendem Dialog zwischen Solist und Orchester: da fliegen Fetzen.Die Bläser sind immer noch eine Schwachstelle, freilich nicht in der zelebralen, doch strukturalistisch feingesponnenen Eroica-Deutung, die im wie gemeißelten, so dringlich wie plastisch gestalteten Trauermarsch Furtwänglers Schatten mehr als ahnen läßt und doch eigenmächtige Akzente - vor allem im hurtigen Schlußsatz - setzt. Wie überhaupt in den Konzerten das Orchester sich bestens bewährt.Obwohl fast jeden Tag gefordert und auch mit Proben reichlich ausgelastet, sind keine Ermüdungserscheinungen hörbar.Im Gegenteil, der konzertante "Parsifal", zur Halbzeit und einen Tag nach Barenboim nach dem üblichen Tusch auf der Probe still begangenen 56.Geburtstag, steigert sich noch einmal an Brillanz und Versenkung, kulminierend im Kuß der Waltraud Meyer, deren sinnlich schmelzende Kundry jeden Mann im Saal nach der nächsten Geisha japsen läßt. Auch der für Poul Elming als Parsifal eingesprungene Stig Andersen; der Gurnemanz von John Tomlinson, der sich ebenso als Sarastro und Wotan vernehmen läßt; Tina Kiberg, die beweist, daß auch eine Sieglinde noch eine respektable Pamina sein kann; Endrik Wottrich, Roman Trekel, Peter Schreier, Günter von Kannen, René Pape, Rosemarie Lang; vor allem aber die auf leise Töne setzende Brünnhilde der souveränen Deborah Polaski, sie alle künden von der achtbaren Ensemble- und festen Gastsängerpolitk der Lindenoper.Die Polaski setzt solchem mit einem für eine Hochdramatische überraschend innigen Liederabend in der Suntory Hall eins drauf.So mancher kam da in seliges Dämmern, nicht nur weil fünf Stunden "Parsifal" unmittelbar vorausgegangen waren. Die Berliner, sie spielen wirkliches Theater.Oper als übermenschliche Sache zum Staunen und Träumen.Kein japanisch trippelndes, graziös feinsinniges, sich hintergründig mit Symbolen maskierendes Puppenspiel.Hier geht es zur Sache.Laut, kräftig und direkt.Deshalb will man in Japan das Original.Sooft wie möglich.Koste es, was es wolle.

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