Kultur : Das Eckige muss ins Runde

Design verbessert die Welt: Luigi Colani feiert seinen 75. Geburtstag

Christian Schröder

Ein Jahr nach der ersten Mondlandung kam die Zukunft auch im Allerheiligsten des deutschen Alltags an: am heimischen Herd. Die „Kugelküche“, die Luigi Colani 1970 für die Firma Poggenpohl entwarf, sah aus wie eine gerade gelandete Raumkapsel. Künftige Hausfrauen würden die Küchenzelle mit einem Durchmesser von 2,40 Metern durch eine Luke mit einem schmalen Laufsteg betreten und auf einem Drehstuhl Platz nehmen, von dem aus die in einer orangefarbenen Plastikverkleidung eingelassenen Hightech-Geräte spielend zu bedienen wären. Der visionäre Entwurf mit dem Titel „Experiment 70“ war nur ein kleiner Schritt für seinen Urheber, aber ein großer Schritt für die deutsche Designgeschichte.

Colani hatte schon vorher die gestalterischen Möglichkeiten neuer Kunststoffverfahren durchdekliniert und mit seinem für den Hersteller Cor entwickelten „Schlaufenstuhl“ Furore gemacht, der aus einem einzigen, kunstvoll ineinander geschlungenen Plastikstreifen bestand. Doch erst mit seiner Kugelküche fand das von der Formenstrenge des Bauhauses beherrschte deutsche Design Anschluss an die internationale Pop-Avantgarde eines Verner Panton oder Ettore Sottsass. In Serie ging die Küche allerdings nie.

Luigi Colani, der heute seinen 75. Geburtstag feiert, ist inzwischen längst zum Design-Tausendsassa aufgestiegen, der im Auftrag des Innensenators Schill neue Uniformen für die Hamburger Polizei schneidert und seinen Namen für allerlei Nippes von der tropfenförmigen Sonnenbrille bis zum ergonomischen Klodeckel hergibt. In seiner besten Zeit, den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren, war der Mann mit dem beeindruckenden Seehundbart aber durchaus mehr als bloß das Enfant terrible der Szene: ein großer Utopist. Eine retrobegeisterte Gegenwart ist gerade dabei, seine Entwürfe aus dieser Ära wieder zu entdecken. In einer vom Ingolstädter Museum für Konkrete Kunst organisierten Ausstellung, die durch Süddeutschland tourt, wird der Prototyp der Kugelküche bestaunt, das Begleitbuch feiert den Designer als „Ein-Mann-Revolution“ (A. Grunewald/T. Hoffmann: Experiment 70 – Designvisionen von Luigi Colani und Günter Beltzig, Edition Braus, Heidelberg 2003, 152 S., 29,90 €).

Beflügelt vom Geist der Studentenrevolte, wollte Colani, der sich gerne in der Nachfolge der Gesamtkunstwerk-Ideen des Jugendstils sieht, nicht bloß Produkte verbessern, sondern Gesellschaft verändern. In seinem Traktat „Ylem“ beschrieb er 1971 eine schöne neue Welt, in der die Menschen – ähnlich wie in der Fernsehserie „Raumpatrouille Orion“ – unter den Meeren in „subaquatischen Siedlungen“ oder weit über der Erde schwebend in „Pilzhäusern“ leben, bei denen sich an einen elliptischen Zentralraum kugelförmige Nebenzellen mit Küche, Bad, Ess- und Sanitäreinheiten anschließen. Mit den biomorphen Formen seiner Behausungen bezieht er sich auf den Uterus und die Höhle, in denen er perfekte Metaphern für Schutz und Geborgenheit sieht. „Der weiche, kantenlose Raum der Ellipse“, schreibt er, „strahlt in seiner horizontlosen Harmonie eine Nestwärme aus, die das Wohnen in eckigen früheren Räumen als unzumutbare Quälerei erscheinen lassen wird.“

Luigi – eigentlich Lutz – Colani wird 1928 als Sohn eines Italo-Schweizers und einer Polin in Berlin geboren. Er legt Wert darauf, nebem einem Flughafen aufgewachsen zu sein. Sein Kunststudium an der Berliner Hochschule der Künste bricht er ab, um an der Pariser Sorbonne Vorlesungen über Aerodynamik zu hören. 1953 heuert er als Leiter der Materialforschung beim kalifornischen Flugzeughersteller McDonell-Douglas an, kehrt aber schon ein Jahr später nach Europa zurück, um für VW, Alfa-Romeo und Fiat Karosserien zu entwickeln. Mitgebracht aus Amerika hat er eine Vorliebe für Stromlinienformen. Colanis Design folgt fortan einem einfachen Grundsatz: Das Eckige muss ins Runde.

Colani sieht sich als „Übersetzer der Natur“, die ecken- und kantenlose Geschwungenheit seiner Objekte begründet er mit dem menschlichen Körperbau, „der keinen einzigen rechten Winkel kennt“. Seine Kollegen beschimpft er immer wieder mal als „Designbeamte“, vom Möbeldesign hat er sich Ende der Siebzigerjahre zurückgezogen, weil er „mit den Gehirnlosen nichts mehr zu tun haben“ wollte. Sein Lebenswerk besteht neben einigen spektakulären Erfolgen wie der Rosenthal-Teekanne „Drop“ (1972) vor allem aus vielen Prototypen und abgebrochenen Projekten. Zur Zeit ist er Gastprofessor in China und plant eine Wissenschaftlerstadt in der Nähe von Schanghai. In seinem Kopf hat Luigi Colani, der in Karlsruhe lebt, noch Ideen „für mindestens 500 Jahre“.

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