Kultur : Das Ei des Palastes

Nach dem Abriss: Der Schlossplatz soll begrünt werden. Verspielt Berlin die Chance auf einen Ort für zeitgenössische Kunst?

Kolja Reichert

Egal, wo sie einmal stehen soll, eins wird von niemandem mehr bestritten: Berlin braucht eine Kunsthalle. Aus aller Welt strömen Künstler in die günstigen Atelierräume und Kunstinteressierte in die Galerien. Mehr als ein Viertel der 41 000 Besucher auf dem Art Forum Anfang Oktober kam aus dem Ausland. Die zahlungsschwache Hauptstadt gilt weltweit als Zentrum für Gegenwartskunst, in der Stadt selbst aber fehlt ein solches Zentrum. Die Räume der freien Galerien sind begrenzt, der Hamburger Bahnhof auf Jahre hinaus mit den Sammlungen großer Mäzene belegt und auf arrivierte Künstler festgelegt. Prominente Berliner Künstler haben Ausstellungen auf der ganzen Welt – Tacita Dean in Basel, Olafur Eliasson in London – doch kaum in Berlin. Kunst, die in der Stadt entsteht, hat hier viel zu wenig Platz.

Angesichts dieser Misere könnte man darüber klagen, dass auf dem Schlossplatz gerade ein Gebäude eingestampft wird, das fünfzehn Mal so viel Raum geboten hätte wie die Neue Nationalgalerie. Coco Kühn und Constanze Kleiner denken lieber weiter. Die Künstlerin und die Projektentwicklerin von „White Cube Berlin“ wollen den Leerraum, der nun nach dem Abriss für ungewisse Zeit entsteht, mit mehr füllen als der vom Senat geplanten Grünfläche. „Hier bietet sich eine einmalige Gelegenheit“, so Coco Kühn. Die beiden Berlinerinnen bringen Bewegung in die Kunsthallen-Debatte. Im Juni haben sie beim Senat ihren Vorschlag für eine temporäre Kunsthalle eingereicht, ein schlichtes weißes Gebäude, leicht zu errichten und ebenso schnell zu entfernen, sollte das Humboldt-Forum kommen. Sie veranschlagen drei Monate Bauzeit und drei Millionen Euro Baukosten.

Kühn und Kleiner halten die Idee am Leben, mit der sie Ende 2005 in den abrissfertigen Palast der Republik eingezogen waren. In kürzester Zeit hatten sie die neuntägige Ausstellung „White Cube Berlin“ auf die Beine gestellt, für die drei Dutzend internationale, in Berlin arbeitende Künstler Arbeiten beisteuerten. Die Ausstellung demonstrierte, welche Energien in der Szene schlummern und was entstehen kann, wenn sie nur den nötigen Raum bekommen.

Das Büro Welte plus Kader Architekten hat in seinem Entwurf den Ausstellungsraum von einst in den Originalabmessungen auf Stützen gestellt. Im Erdgeschoss sind Veranstaltungsräume und ein Restaurant vorgesehen. Geräumige Freitreppen und eine Dachterrasse sollen zum Ausblick auf die Museumsinsel einladen. Es ist ein simpler, pragmatischer Entwurf, „aus dem Bedarf heraus entstanden“, wie Coco Kühn sagt. Sie versteht ihn als Diskussionsgrundlage. Der White Cube ist der pure Raum, ein Ideentransporter, der die Gegenwartskunst auf die Museumsinsel bringen soll.

Das Konzept einer temporären Kunsthalle findet wachsende Unterstützung. Inspiriert von der White-Cube-Ausstellung stieß die Kunstzeitschrift „Monopol“ im August die Initiative „Museum auf Zeit für die Kunst von heute“ an. Fünf Architektur-Büros lieferten die Bilder für die Debatte: Architektonische Visionen zwischen Containerstadt und Wolke. Auch wenn das erste Ziel, den Grünflächen-Wettbewerb aufzuschieben und Kunsthallen-Vorschläge einzubinden, nicht erreicht wurde, fühlt sich Ingolf Kern von „Monopol“ nach der Senatsentscheidung erst recht motiviert, das Projekt einer temporären Kunsthalle voranzutreiben: „Die Vorschläge für die Grünflächengestaltung sind an Mutlosigkeit und Ideenlosigkeit nicht zu überbieten.“

Die von „Monopol“ vorgestellten Entwürfe gehen weit über den Pragmatismus des White Cube hinaus. „Wir wollten weniger ein Haus als eine Skulptur“, erklärt Thomas Willemeit, Geschäftsführer von Graft Architects, „uns ging es um die poetische, erzählerische Ebene.“ Sein Büro entwarf eine wolkenförmige Seilkonstruktion als Hülle für Ausstellungsräume, die gerade nicht schlicht und nüchtern sein sollen. Graft haben in ihren Museumsbauten schon lange mit dem Prinzip des neutralen Raums gebrochen. „Wir glauben nicht daran, dass es einen neutralen Hintergrund gibt. Ein weißer Raum macht sich nur am wenigsten angreifbar.“ Auch wenn der Entwurf bisher noch reine Vision ist, wagt Willemeit bereits eine optimistische Kostenschätzung: ein bis zwei Millionen Euro.

Einmal mehr prallen auf dem Schlossplatz entgegengesetzte Vorstellungen aufeinander: Diesmal ist es die Idee von Schlössern und Palästen, die für die Ewigkeit errichtet sind und die einer Architektur des Provisorischen, Nomadischen, in der sich Gegenwart zum Ausdruck bringt. Beide müssen sich keineswegs in die Quere kommen. Sobald der Bau des Schlosses beginnen kann, wäre die Kunsthalle wieder verschwunden. Auch die geplante Humboldt-Box, die für das Humboldt-Forum werben soll, bliebe ungestört. Platz gibt es genug für alle.

Woanders sind die Gedanken einer Architektur auf Zeit schon lange angekommen. In London lässt die Serpentine Gallery jährlich Stararchitekten einen neuen Ausstellungs-Pavillon errichten um ihn anschließend wieder einzureißen. Ein Stil, der auch Berlin gut stünde, das, wie es Coco Kühn ausdrückt, „wie keine andere Stadt für Gegenwart steht“.

Vorerst sind noch viele Fragen offen. Wer soll in einer temporären Kunsthalle ausstellen und zu welchen Bedingungen? Coco Kühn und Constanze Kleiner denken an vier Ausstellungen pro Jahr, die von wechselnden Kuratoren organisiert werden. Sabrina van der Ley, künstlerische Leiterin der Kunstmesse Art-Forum, warnt davor, „die einmalige Eigeninitiative und Selbstausbeutung, welche die White-Cube-Ausstellung möglich gemacht hat, zur Tagesordnung zu machen.“ Künstler und Kuratoren sollten wie üblich bezahlt werden. Doch von wem? Aus der Politik ist keine finanzielle Unterstützung zu erwarten. Ingolf Kern glaubt, dass das Geld privat gesammelt werden kann. Der Unterstützerkreis der Monopol-Aktion zählt bisher über 130 Mitglieder, darunter Peter Raue vom Freundeskreis der Neuen Nationalgalerie und der designierte DSO-Chefdirigent Ingo Metzmacher.

White Cube Berlin und Monopol arbeiten nun gemeinsam daran, in der Politik die Türen zu öffnen. Unions-Kulturpolitikerin Monika Grütters ist schon gewonnen. „Deutschland isoliert sich im Vergleich zu anderen Ländern, was die öffentliche, institutionelle Vermittlung zeitgenössischer Kunst betrifft“, ist Grütters überzeugt. Sie möchte den Bundestag mit den Vorschlägen befassen. Auch die Berliner Kulturstaatssekretärin Barbara Kisseler „fände einen temporären Ort hochspannend“. „An dieser zentralen Stelle sollte auch das stattfinden, womit wir uns sonst so gerne schmücken: Kreativität und junge Kunst.“

Obgleich niemand der Beteiligten offen Partei gegen das Humboldt-Forum mit der rekonstruierten Schlossfassade ergreift: Es könnte geschehen, dass eine gegenwartsbezogene Nutzung den Schlossplatz noch einmal neu definiert und die bisherigen, noch recht diffusen Nutzungskonzepte nicht unberührt bleiben. Wilhelm von Boddien vom Förderverein Berliner Schloss ahnt es und wehrt sich vehement gegen die Kunsthallen-Pläne. Den Sieger-Entwurf für die Grünfläche findet er „hervorragend, weil erkennbar ist, dass es sich um ein Provisorium handelt. Jede aufwendigere Lösung“, so fürchtet er, „könnte dazu führen, dass die Zwischenlösung endgültig wird.“ Dass sich das Geld für einen Bau findet, der bald wieder abgerissen werden würde, hält von Boddien für „unvorstellbar“. Er selbst setzt weiter darauf, dass er die 80 Millionen zusammenbekommt, um das teuerste Gebäude der Bundesrepublik (Schätzungen rangieren zwischen 670 Millionen und 1,2 Milliarden) mit der Schlossfassade zu versehen.

Auf dem Schlossplatz hat sich die Geschichte in sich selbst verkeilt. Doch vor seinem Tod hat der Palast der Republik, das Vorzeit-Monster aus Glas und Stahl, noch ein Ei gelegt: den White Cube. Mal sehen, was daraus schlüpft.

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