Kultur : Das Eigene und das Andere

JOCHEN SCHMIDT

Aus Amerika schwappt die Debatte herüber: Brauchen wir - gegen die Bestsellerlisten der Medien - einen literarischen Kanon? VON JOCHEN SCHMIDT

Die seit einiger Zeit diagnostizierte "neue Unübersichtlichkeit" hat den Ruf nach einem Kanon verstärkt.Namhafte Literaturwissenschaftler, so der in Amerika zu einer Leitfigur aufgestiegene Harold Bloom, plädieren für die Bildung eines Kanons, andere wittern darin einen Angriff gegen Pluralismus, Offenheit und Liberalität.Es gibt fundamentalistische, aber auch pragmatische Positionen in dieser Auseinandersetzung.Der "Kanon", dem Wortsinn nach eine "Stange", die in der Antike als Meßinstrument im Bauwesen und als Verhältnismaßstab in der Bildhauerkunst verwendet wurde, geriet schon in alter Zeit zum Inbegriff des Normativen.Eine von dem Bildhauer Polyklet fragmentarisch überlieferte Schrift macht unter dem Titel "Kanon" das Gelingen des Kunstwerks von Zahlenverhältnissen abhängig, die dem "Normalmaß" eines Menschen entsprechen."Kanon" hieß eine berühmte Statue Polyklets: der "Speerträger" (Doryphoros), der die theoretisch vollzogene Normensetzung plastisch verkörperte.Doch bald gewann der Begriff "Kanon" andere Wertigkeiten.Da die rechtsgültigen Bestimmungen der altchristlichen Konzilien "Kanones" hießen, kam eine juristisch-dogmatische Valenz hinzu.Vor allem: In einem lange sich hinziehenden Ausleseprozeß erhielten diejenigen biblischen Schriften, aus denen heute das Neue Testament besteht, allmählich ihre Sonderstellung, bis dann im vierten Jahrhundert diese nun unter Ausgrenzung alles anderen allein als orthodox geltenden Schriften mit dem Begriff "Kanon" bezeichnet wurden.Damit war die heute im Vordergrund stehende Vorstellung der verbindlichen Bücherliste da. Ausgrenzung anderer Schriften - das beunruhigt Gegner von Kanonbildungen am meisten.Außerdem sehen sie jede Kanonbildung als willkürlich, von keineswegs allgemeinen Interessen bestimmt.Nach ihrer Meinung führt sie zur Verengung, schlimmstenfalls zur Erstarrung literarischer Wahrnehmung.Mindert ein Kanon nicht die Chancen des Neuen? Eine offene, Gesellschaft tut sich schwer mit dem Gedanken an einen Kanon.Und den Liebhabern des Ausgefallenen, den leidenschaftlichen Nonkonformisten müssen Kanonbildungen an sich schon ein Greuel sein, ganz zu schweigen von den postmodernen Anhängern des "anything goes". Wer aus dem Vollen schöpfen kann und eine weite und sichere Orientierung besitzt, braucht keinen Kanon.Sind Kanonbildungen für solche Leute gedacht? Die Befürworter eines Kanons, wenn sie ihn nicht in apokalyptischer Stimmung wie Bloom als Arche Noah für die happy few betrachten, führen denn auch pragmatische Argumente ins Feld.Für sie dient eine moderne Kanonbildung nicht der Abschottung gegen anderes, nicht als Instrument des Ausschlusses und der dogmatischen Festschreibung.In einer Zeit, in der sich kulturelle Selbstverständigung im totalen Medienklamauk aufzulösen droht, suchen sie nach einem Fels in der Brandung.In der Flut der Information und auch der Bücher, die kein Nicht-Experte sinnvoll auswählend zu organisieren vermag, verheißt der Kanon eine erste Orientierung vor allem für diejenigen, die sich erst noch zurechtfinden müssen. Wer einmal erlebt hat, wie sehr Studenten in der Anfangsphase ihres Studiums nach Grundorientierungen suchen und wie sehr sie später darüber klagen, wenn sie ihnen nicht rechtzeitig geboten wurden, vermag den praktischen Wert eines Kanons in einem seiner größten Anwendungsfelder zu ermessen.Rücken nicht, wo ein Kanon fehlt, die Augenblicksprodukte auf den Bestseller-Listen in die Leerstelle ein, wenn nicht gar Resignation Platz greift? Fundamentalistische und individualistische Argumentationen gegen Kanonbildungen sind weltfremd.Nicht zuletzt gehen sie von der Utopie einer grenzenlosen Lesebereitschaft, Lesefähigkeit und Lesezeit aus.All das ist abhanden gekommen - wenn es überhaupt jemals vorhanden war. Jede Zeit wird einen veränderten Kanon hervorbringen.Es kann aber nicht schwerfallen, einem Grundbestand, der aufgrund eines nachvollziehbaren historischen Konsenses feststeht, eine Zahl anderer bedeutender Werke hinzuzufügen, die, auch wenn sie nicht alle aus jüngerer Zeit stammen, den spezifischen Sensibilitäten und Fragestellungen der Gegenwart angemessen sind.Wichtig ist es, daß ein Kanon Orientierung für Wesentliches bietet, lebendiges Lektüre-Interesse verspricht, mehrdimensional angelegt ist.Er erfüllt seine Aufgabe nur, wenn er nicht im Historisieren steckenbleibt und doch Markierungen des kulturellen Gedächtnisses setzt. Wenn sich der Kanon nicht steril kulturkonservativ präsentiert und wenn man ihn pragmatisch einsetzt, wirkt er lebendig orientierend in einer immer mehr ins Horizontlose verschwimmenden Gesamtszene.Nicht nur jungen Menschen gibt er ein stabilisierendes Richtmaß in einer Situation verunsichernder universeller Beliebigkeit.Und nicht zuletzt schafft ein Kanon eine geistig-kulturelle Kommunikationsbasis.Wir leben, so versichert man uns täglich, in einer Informations- und Kommunikationsgesellschaft.Daß der Begriff der Information den der Bildung weitgehend abgelöst hat, ist kein Unglück.Fatal aber ist die neue Informations- und Kommunikationsideologie, die dem platt funktionalistischen Genügen an instrumenteller Verfügbarkeit verfällt. Auf der anderen Seite wabert das haltlose Gerede von den "Werten", als wüßten wir nicht längst, daß Werte bloß Ergebnisse geschichtlich sich wandelnder Wertungen sind.Wer sinnvoll wählend und gestaltend mit Informationen umgehen will, wer kulturelle Kommunikation nicht aus dem Leeren ins Leere hinein betreibt, braucht einen primären Fundus.Jede Gesellschaft, wenn sie sich nicht im Nirvana des Virtuellen verlieren will, bedarf eines gemeinsamen Repertoires.Dazu kann auch ein Kanon seinen Teil beitragen.Es gibt keine legitime Modernität ohne Gedächtnis.Am besten kennen die Franzosen den dialektischen Zusammenhang von memoire und modernite.Und Bloom formuliert zu Recht: "Without the Canon, we cease to think". Die Rede von der Identität ist problematisch geworden.Aber Sprache und Literatur sind nun einmal ein zentrales Element kultureller Identitätsbildung.Nicht als ob ein Kanon zur nationalen Selbstbefestigung dienen müßte.Diese Zeiten sind vorbei wie die der Siegfried- und Maginot-Linien.Ein moderner, zugleich in guter alteuropäischer Tradition stehender Kanon schließt große Werke der Weltliteratur ein, um die kulturelle Selbstwahrnehmung und Selbstdefinition im größeren Zusammenhang zu ermöglichen und um neben dem Eigenen das Andere schätzen zu lernen, das nicht nur aus fernen Meeren und exotischen Inseln besteht.Nichts allerdings wäre schlimmer als die Diffusion in das seichte Allerweltsprogramm, das sich in Amerika unter dem Namen cultural studies ausbreitet: als fast food für Eilige.Ein Kanon hat Stärke nur durch den Anspruch, den er entschlossen aufrecht erhält. Der Autor ist Ordinarius für neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Freiburg.

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