Kultur : Das eingesperrte Gürteltier

FALK JAEGER

Was hat er nicht schon für hinreißende Gebäude entworfen! Luzide Bürohäuser, technoide Fabriken, den britischen Pavillon der Weltausstellung in Sevilla, den schlangengleichen gläsernen Endbahnhof der Kanaltunnelbahn an der Waterloo Station in London, allesamt mit brillanter Tragwerkstechnik und elegantem High-Tech-Design.Und nun dieses Desaster in Berlin! Doch der Reihe nach: Bei dem Entwurf, mit dem der Londoner Architekt Nicholas Grimshaw 1991 den Architektenwettbewerb zum Neubau der Berliner Börse und eines Service- und Kommunikationszentrums der Industrie- und Handelskammer (IHK) überzeugend für sich entschied, hatte er sich von den Besonderheiten des Ortes und der Aufgabe zu einer außergewöhnlichen Lösung inspirieren lassen.Auf dem Grundstück stand neben dem Delphi-Kino das Domizil des "Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller" (VBKI), dessen Saal, ein wunderbares Kleinod der Architektur der fünfziger Jahre, unter Denkmalschutz stand.Dieser Saal sollte in den Neubau integriert werden.Dazu ein neues Börsenparkett, ein Konferenzsaal mit 450 Plätzen, Restaurants und stützenfreie Ausstellungsflächen unter anderem für das Internationale Design Zentrum (IDZ).

Grimshaw wählte ein mächtiges Tragwerk aus Betonbögen, mit denen er die Säle überspannen und an denen er gleichzeitig die oberen Bürogeschosse abhängen konnte.Zudem reagierte der Bogen mit unterschiedlichen Dimensionen auf das unregelmäßige Grundstück, so daß sich ein dynamisch bewegter, gerippter Baukörper ergab, den irgend jemand einmal Gürteltier nannte.Vor der Bogenkonstruktion war eine haushohe Passage mit interner "Straße" geplant, gegen die Fasanenstraße hin weitere Büros mit einer sanft geschwungenen Glasfassade entlang dem Bauch des Gürteltiers.Der dynamische Schwung sollte einerseits auf den Altbau der IHK zulaufen, andererseits als Passagendach bis vor das Delphi reichen.

Doch es kam alles anders.Gleich anfangs wurde die Verbindung zum Delphi gekappt.Dann durfte der Saalbau des VBKI doch geschleift werden.Die Börse bekam nur noch ein Drittel der erhofften Fläche.Schließlich wurden aus Kostengründen auch der Konferenzsaal und die Passage gestrichen, und mit einem Mal hatten Entwurf und aufwendiges Tragwerk ihre Begründung und damit jede Plausibilität verloren.Der gute Nick hätte sein Modell eigentlich ins Architekturmuseum tragen müssen.

Doch es kam noch schlimmer.Der damalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann zwang das Haus in die preußisch-hobrechtsche Ordnung und nahm ihm den vorwitzigen Schwung.Er bestand auf strikter Blockrandbebauung mit 22 Metern Traufhöhe, eine halsstarrige Entscheidung, womit der ambitionierte Entwurf endgültig auf Berliner Normalniveau zurechtgestutzt war.

Wer heute die Fasanenstraße entlanggeht, erlebt nichts von der Faszination, die der Wettbewerbsentwurf einst versprochen hatte und ahnt höchstens hinter dem Rastergitter der Fassade das gefangene Gürteltier.Aus den einhüftigen Bogen sind halbelliptische geworden, aus den eleganten Hängesäulen der Fassade plumpere Stützen, die irgendwie an den Flanken der Bogen aufgesattelt sind.Die Bogen selbst, ursprünglich in Beton gedacht, wurden aus Stahl errichtet, weil sich alle anbietenden Berliner Firmen während der Ausschreibung plötzlich auf hohem Niveau einig waren und die eingeholte Stahlbaualternative deutlich günstiger ausfiel.Stahl jedoch hat die Unschuld der frühen Jahre verloren.Die augenfälligen Konstruktionen früherer Zeiten, die ihre Schönheit aus der konstruktiven Klarheit und Nachvollziehbarkeit gewannen, sind nach heutigen Bauvorschriften nicht mehr realisierbar.So müssen beim Ludwig-Erhard-Haus nicht nur die 15 Bogen mit Feuerschutz ummantelt und dann mit einer Karosserie umkleidet werden, sondern auch viele sekundäre Tragelemente wie die Abhängungen der Geschosse.

Da die Decken aus Ortbeton und Fertigteilplatten bestehen und die vielfältigen Änderungen und das komplizierte Raumprogramm zu zahlreichen Kompromißlösungen zwangen, entstand insgesamt ein hybrides Bauwerk, dem der sonst bei Nicholas Grimshaws Bauten anzutreffende Charme und die aus der Konstruktion gewonnene gestalterische Raffinesse völlig fehlt.Sicher sind hier und da interessante Detaillösungen zu entdecken, sind vor allem anregende räumliche Qualitäten entstanden, etwa im hellen, einladenden Foyer, das den Charakter der öffentlichen Straße erhalten hat mit Kiosk, Restaurants und Einblick in die Börse.Im ersten Obergeschoß bekam der VBKI wieder einen festlichen Saal, ein edel gestaltetes Oval, dessen Dynamik ein wenig an den Vorgängerbau erinnert.Zwei gleißend helle, acht Geschosse hohe Atrien belichten die Büroräume im Inneren.Silberne Aufzugskabinen, Projektilen gleich, schweben auf und ab wie in einem James Bond-Film, gläserne Brücken verbinden Lifts und Geschosse miteinander.Leider wurden die Atrien nicht begrünt, weil man sie für Empfänge nutzen möchte.So fehlt Farbe im gläsern-silbernen Einerlei.Schade auch, daß die gewölbten Räume unter dem Dach ihre besondere Charakteristik nicht entwickeln können, weil der Nutzer, die IHK selbst, sie durch hineingebastelte Trennwände in viele Kabäuschen tranchierte.Dafür bieten die drei Fluchttreppenhäuser unter der gewölbten Außenhaut überraschende Raumerlebnisse - und Anlaß zur Heiterkeit: Trockensteigleitungen der Feuerwehr dürfen nur vertikal oder horizontal verlaufen, und so steigt das rote Rohr nicht entlang der Gewölbekurve, sondern in kuriosem Zick-Zack bis hinauf in die zehnte Etage.Die Fluchttreppen führen in den Hof hinter dem Gebäude - und dort endlich erlebt man das Gürteltier mit seiner matt schimmernden Edelstahlhaut (mit shark skin finish).Dort ruht es auf seinen gußedelstählernen Tatzen und scheint davon zu träumen, wie es sich stolz hätte zeigen können, wenn es nicht vom früheren Senatsbaudirektor eingesperrt worden wäre.

Das Ludwig-Erhard-Haus wird am 21.September offiziell eröffnet.

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