Kultur : Das Empire schlägt auf

Brit-Pop kann sehr laut sein: Die Kaiser Chiefs und ihr spektakuläres Debütalbum „Employment“

Nadine Lange

Manchmal muss man alles wegwerfen, um weiterzukommen. Dafür braucht man allerdings eine Menge Mut – oder eine große Portion Verzweiflung. Fünf nicht mehr ganz junge Musiker aus dem nordenglischen Leeds waren vor zwei Jahren so verzweifelt, dass sie den Mut fanden, die Arbeit von mehreren Jahren wegzuschmeißen: Sie hatten unter dem Namen Parva ein komplettes Album eingespielt, doch wegen Unstimmigkeiten mit der Plattenfirma kam es nie auf den Markt. Der Vertrag wurde aufgelöst, kein neuer war in Sicht, und langsam ging den fünf Freunden das Geld aus. Sie dachten schon darüber nach, sich richtige Jobs zu besorgen. Stattdessen trennten sie sich von all ihren Songs und ihrem Namen, um noch einmal ganz von vorn zu beginnen.

Von nun an nannten sie sich nach einem südafrikanischen Fußballclub Kaiser Chiefs und gingen auch musikalisch in eine neue Richtung. Sie verabschiedeten sich vom ihrem Garagenrocksound, den sie amerikanischen Bands wie den Strokes abgelauscht hatten und besannen sich auf die britische Pop-Tradition. „Unser Ziel war 2003, das Gegenteil von allem zu machen, was populär war“, beschreibt Drummer und Hauptsongwriter Nick Hodgson die Stimmung in der Band. Ohne es zu wollen, lagen sie damit genau richtig. Denn was damals unpopulär war, ist heute angesagt: Es gibt eine neue Brit-Pop-Bewegung, die die Rock-Weltherrschaft von den USA zurückfordert.

Was im letzten Jahr mit Franz Ferdinand begann, setzt sich in den letzten Monaten mit einer scheinbar enlosen Serie gefeierter Debüts von Gitarrenbands aus London, Leeds oder Newcastle fort. Ein wahrer Hype ist ausgebrochen, woran die mitunter leicht hysterische englische Musikpresse einen großen Anteil hat. Die Euphorie ist allerdings verständlich, denn seit den großen Zeiten von Oasis, Blur und Pulp Mitte der Neunziger gab es keine derart substanzielle und vielversprechende britische Welle mehr. Ganz vorne surfen Bloc Party und Maxhmo Park, die auf ihren fulminanten Debüt-Alben so viel Spielfreude, Arrangierkunst und Leidenschaft bewiesen, dass man auf weitere Großtaten von ihnen hoffen kann.

Zu ihnen gesellten sich bald die Kaiser Chiefs, deren Album „Employment“ (Universal) in Großbritaninnen und den USA bereits im März veröffentlicht wurde. In Deutschland war es bisher nur als Import erhältlich und ist erst gestern offiziell erschienen. Die hiesige Musikpresse befeuert schon seit Monaten die Vorfreude auf diese Platte. Über Auftritte des Quintetts wurden begeisterte Berichte verfasst und einige Indie-DJs spielten schon die Songs „Oh my God“ und „I predict a Riot“. Diese beiden Singles sind unwiderstehliche Mitgröl-Hymnen, die sich schon nach dem ersten Hören im Kopf festhaken. Geschickt staut die Band immer kurz vor dem Refrain die Spannung auf, die sie dann explosionsartig erlöst. Die Stücke sind zweifellos die stärksten auf der Platte. Ihnen verdankten die Kaiser Chiefs ihren Major-Plattenvertrag und sicher auch ihre Auftritte im Vorprogramm von U2 und beim Live Aid-Konzert in Philadelphia.

Der Rest des Albums kann nicht ganz mithalten. Zu durchsichtig kommt der Opener „Everday I love you less and less“ mit Stampfbeat und Eighties-Synthie daher. „Saturday Night“ versenkt sein einfaches, aber charmantes Riff in einem See aus Jaul-Chören, und „I was born to be a Dancer“ plätschert nach dem Piano-Intro in einer öden Kinderlied-Melodie dahin. Die vielen „la la la las“ und „na na na na naas“ – Markenzeichen von Sänger Ricky Wilson – wirken auf die Dauer etwas ermüdend. Das Gleiche gilt für die BeachBoys-haften Harmoniegesänge, die in fast jedem Stück vorkommen. Nur beim melancholischen „Modern Way“ stört das „Ahhhh“ des Background-Chores ausnahmsweise einmal nicht. Der Song entwickelt sich aus dem Kontrast von nervösem Beat und zögerlichem Gesang, der auf dem Weg zum voluminösen Finish immer weiter verwischt wird. Hier erreichen die Kaiser Chiefs noch am ehesten das Niveau der beiden Singles.

„Employment“ ist eine kurzweilige, leicht zugängliche Platte, die ganz offen den großen britischen Ahnen von The Kinks über The Clash bis zu Blur huldigt. Erstaunlicherweise kam das sogar in den sonst eher Brit-Pop-scheuen USA an: 100000 der bisher verkauften 900000 Alben gingen an Amerikaner. Vielleicht sind sie durch Bands wie The Killers und The Bravery vorbereitet worden. Die kommen aus Las Vegas und New York, klingen aber wie originale Inselgewächse – nur der schöne britische Akzent fehlt. Die Kaiser Chiefs bieten mit ihrer Platte eine unterhaltsame Nachhilfestunde.

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