Kultur : Das Ende der Lügen

Die erste Finanzkrise begann mit dem Betrug der Investmentbanken in den USA. Sie kauften in Massen faule Verträge von Kreditnehmern auf, von denen viele weder eine Arbeit noch eine Wohnung nachweisen konnten. Vorsätzlich unverständliche, zweihundert Seiten starke Verträge wurden in einer Viertelstunde auf dem Heck eines ramponierten Ford oder Toyota abgeschlossen. Die Investmentbanken mixten diese wertlosen mit ein paar seriöseren Verträgen und übergaben das Bündel jungen Harvard-Mathematikern. Die schneiderten daraus vorsätzlich komplizierte Finanzprodukte, die weder die Verkäufer noch die Kunden verstanden. Nun schlug die Stunde der Rating-Agenturen. Ihre Aufgabe war es, die neuen Finanzprodukte zu benoten. Zufällig ergab es sich, dass die Rating-Agenturen von denselben Banken bezahlt wurden, deren Produkte sie zu bewerten hatten.

Für einen freien Schriftsteller eine verführerische Konstellation: Ich stelle mir vor, dass alle Kritiker, die sich zu einem Buch von mir äußern, von mir oder meinem Verlag bezahlt werden und nichts als Lobeshymnen schreiben. Da ich jedoch vorsätzlich verständlich schreibe, bliebe ich immer noch dem Urteil der Leser ausgesetzt. Nicht so die „Autoren“ von Goldman/Sachs und der Deutschen Bank. Die spekulierten erfolgreich auf eine Art Minderwertigkeitskomplex des Publikums, auf den auch manche Schriftsteller zielen: Bevor der Kunde zugibt, dass er ein neues Produkt nicht versteht, applaudiert er lieber und kauft es. Nicht nur die Politiker, auch die Medien haben vor der Aufgabe versagt, die Legende von der „ungeheuren Kompliziertheit“ des Betrugsspiels zu zerpflücken. In unseren Theatern werden Prosaschriften von Tolstoi und Dostojewski dramatisiert, es gibt (außer von Elfriede Jelinek) keinen Versuch, dem epochalen Enteignungsspiel auf den Leib zu rücken. Als das Spiel dann aufflog, schlugen die Politiker, durch deren Kumpanei der ganze Betrug erst möglich wurde, die Hände über dem Kopf zusammen: Wir haben ja nicht gewusst, wir haben ja nicht geahnt...!

Inzwischen haben wir die zweite Finanz- oder Schuldenkrise, und es geht mit dem Lügen und Vernebeln weiter. Allerdings fangen die Bürger an zu begreifen: Es ging nie um die Rettung Griechenlands. Es ging von Anfang an um die Rettung der europäischen Banken und Versicherungen, die griechische Staatsanleihen halten. Kaum ein Cent von den „Hilfe-Milliarden“, die nach Griechenland überwiesen werden, kommt bei den Griechen an. Hätten Herr Schäuble und Frau Merkel dies von Anfang an gesagt, es wäre uns viel rassistisches Geschwätz und auch viel Geld erspart geblieben. Endlich haben sich die Finanzminister angesichts des bevorstehenden Bankrotts Griechenlands zu einem Schritt in Richtung Wahrheit entschlossen: Griechenland braucht einen Schuldenschnitt. 50 Prozent davon müssen Griechenlands Gläubiger übernehmen. Allerdings fehlt immer noch der zweite Teil der Wahrheit: Europas Regierungen und Regierte befinden sich in einem permanenten Zustand der Erpressung. Es darf nie mehr vorkommen, dass irgendein großer Spieler mit fremdem Geld – dem Geld der Anleger – gewaltige Risiken eingeht, ohne dass er auch in vollem Umfang für diese Risiken haftet.

Peter Schneider ist Schriftsteller und lebt in Berlin. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Kultur und Politik.

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