Kultur : Das Ende der Milchmädchen

Der Kniefall der Kunst vor dem Internet: Kroatische Konzeptkunst in Berlin spielt mit dem Bild von Ostkunst im Westen

Constanze Suhr

Künstler aus dem Osten sind faul. Ob sie faul bleiben, jetzt, wo sie nicht länger Ostkünstler sind, ist abzuwarten. Künstler im Westen sind nicht faul und deshalb keine Künstler, sondern eher Produzenten... Mladen Stilinovic stellt seine ironische These frei nach Marx auf: Ohne Faulheit keine Kunst. Stilinovic ist einer von elf konzeptuell arbeitenden Künstlerinnen und Künstlern, deren Arbeiten im Rahmen der Kroatischen Kulturwochen im Berliner Kunsthaus Bethanien gezeigt werden. Er präsentiert in Berlin die Installation „Weiße Abwesenheit“, in der das Weiße für Ausgeblendetes, nicht Vorhandenes, Verlorenes auf zahlreichen Objekten des Alltags erscheint. In seiner Fotoserie „Begräbnis des Schmerzes“ wird das groß auf Matratzen geschriebene Wort Schmerz mitsamt diesem Lager in der Erde versenkt und verschüttet.

Tanja Dabo meditiert ebenfalls über das Künstlerdasein im heutigen Wertesystem. Wenn sie hingebungsvoll den Boden im Eingangsbereich einiger Berliner Ausstellungsorte wie dem Gropius-Bau putzt, lässt sie für zahlreiche Philosophien Raum, und sei es nur der Kniefall einer „faulen“ Künstlerin vor der im Laufe der Zeit immer mehr entwerteten physischen Arbeit.

Körperlicher Einsatz gehört bereits seit den 70er Jahren zur Kunst Tomoslav Gotovacs, der in seiner Foto-Serie „Foxy Mister“ ziemlich mutig zur Sache geht und die provokativen Posen der scharfen Ladies einer Pornozeitschrift schamlos nachahmt.

Geschlecht und Identität waren seit Mitte der 70er Jahre Themen von Sanja Ivekovic. Nachdem sie ihre privaten Schnappschüsse neben Bilder genormter Werbeschönheiten gestellt hatte, um den Blick für die klaffende Lücke zwischen Sein und Schein zu schürfen, wurden ihre Aktionen immer provokativer. Für die „Documenta 11“ hat Ivekovic ein Internet-Projekt entwickelt, das sie weiterführte und in Berlin vorstellt. Gegenstand ihrer Arbeit war zunächst das Forschen nach der Identifikationsnummer ihrer Mutter, die 1942 wegen „antifaschistischer Aktivitäten“ verhaftet wurde und bis 1945 im KZ Ausschwitz eingesperrt war. Mit Hilfe einer Gruppe von Wissenschaftlern stellte Ivekovic eine Website zusammen ( www.biondanera.net ), die nicht nur persönliche Informationen über eine Frau aus der jugoslawischen Widerstandsbewegung bietet, sondern ein Diskussionsforum zu Themen wie zum Beispiel staatliche Gewalt und nationale Identität.

Auch Andreja Kuluncic nutzt das Internet seit Ende der 90er Jahre, um gesellschaftliche und politische Fragen zu thematisieren. Mit ihrer Arbeit „Closed Reality – Embryo“ von 1999, in der jeweils zwei Spieler online einen Embryo ihrer Wahl erschaffen, regt sie nach statistischer Auswertung der Ergebnisse zahlreiche Forumsdiskussionen an. Ebenfalls zur Documenta 11 konzipiert war Kuluncics Projekt „Distributive Justice“, eine spielerische Diskussions- und Informationsreise durch diverse Möglichkeiten der „gerechten Verteilung von Gütern“ ( www.distributive-justice.com ).

Nicht nur der auf dem Zagreber Markt in offenen Schälchen angebotene Quark ist durch den EU-Beitritt Kroatiens in Gefahr. Kristina Leko beschäftigt sich in ihrer Aktion „Milch 2002“ mit dem Schicksal der letzten kroatischen Milchmädchen, deren Beruf im Zuge der Anpassung an die europäische Gesetzgebung genauso verschwinden wird wie unsere Tante-Emma-Läden. Ein Beispiel für die Veränderung unserer Lebensqualität durch Standardisierung.

„The Misfits: Konzeptuelle Strategien in der zeitgenössischen kroatischen Kunst"; Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2; bis 24. November, Di bis So 14 bis 19 Uhr.

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