• Das Ende der Sekundärtugenden oder: Warum S-Bahn-Betreiber ihre Fahrgastsitze beschmieren

Kultur : Das Ende der Sekundärtugenden oder: Warum S-Bahn-Betreiber ihre Fahrgastsitze beschmieren

JAN GYMPEL

Seit der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) mit der Industrialisierung in Gang gekommen war, sahen seine Fahrzeuginterieurs mehr oder minder gleich aus: Holz, oft dunkel und unlackiert, dominierte; Milchglaslampen, Messingbeschläge, Emailschilder, dicke Polstersitze.Diese Form der Gestaltung hielt sich mehr als ein Jahrhundert lang.Ziel war eine behagliche Atmosphäre, die auf Grund der verwendeten Materialien und ihres "reinen" Einsatzes gediegen wirkte.Die von der Eisenbahn übernommene Trennung zwischen Plattform, also Zustiegsbereich und Fahrgastraum verstärkte die Intimität, auch wenn sie nur noch durch Wandzungen angedeutet wurde.Anheimelnd wirkte die sparsame Beleuchtung: Noch in den siebziger Jahren erhellten die meisten BVG-Busse nackte Glühbirnen.

Heute wirkt eine Besichtigung solcher Wagen, von denen in Berlin 1996 mit den "Reko"-Straßenbahnen und 1997 mit den nicht durchgreifend modernisierten alten S-Bahnzügen die letzten aus dem Verkehr gezogen wurden, wie eine Reise in eine andere Zeit.Sie sind Boten einer untergegangenen Gesellschaft.Wer sich den Museumszug der Berliner S-Bahn ansieht, findet viele Dinge, die in den zwanziger Jahren selbstverständlich waren, die man sich heute aber nicht mehr trauen würde einzubauen: Gepäcknetze, Tischchen, Armlehnen, Vorhänge, es fehlen nur die dereinst auch gern verwendeten Zierleisten - lauter Dinge, die sich aufschlitzen, beschmieren, abbrechen, zerschlagen oder sonstwie demolieren lassen.

ÖPNV - Beförderung für Arme

Es ist kein Zufall, daß sich das ästhetische Leitbild gegen Ende der sechziger Jahre grundlegend wandelte: Die berühmten "Sekundärtugenden" gerieten vollends in Verruf, rücksichtslose Selbstentfaltung wurde zum Ideal erhoben.Seither leben wir in einer Gesellschaft, die sich so wenig schmutzabweisend und vandalismusresistent gestaltete ÖPNV-Fahrzeuge nicht mehr leisten kann.Die Verzweiflung der Betreiber geht inzwischen so weit, daß beispielsweise die S-Bahn GmbH dazu übergegangen ist, ihre Sitze gleich selbst zu beschmieren - oder wie soll man die mit dicken Farbstrichen übersäten Polsterbezüge sonst deuten?

Zugleich wandelte sich das Ansehen des öffentlichen Verkehrs: War man bis in die sechziger Jahre hinein auf ihn angewiesen, wenn man nicht laufen wollte oder ein Fahrrad besaß, erfolgte nun die Massenmotorisierung.Busse und Bahnen verkamen zur Domäne von Armen und Alten, Jugendlichen und Leuten, denen man den Führerschein entzogen hat.Dies wirkte sich auf den Grad der Verschmutzung und Zerstörung aus, andererseits wurde das Image des Arme-Leute-Gefährts ästhetisch noch verstärkt: Gediegene Wohnzimmeratmosphäre galt nun als "muffig"; antiseptisch wie ein Wartezimmer sollte das Innere von Bussen und Bahnen wirken, als ob der Reiz des Autofahrens nicht auch darin bestünde, daß viele Menschen ihre Fahrgastzelle als Fortsetzung ihres Wohnzimmers betrachten.

Doch mit den kühlen Interieurs, der starken Neonbeleuchtung und dem elektronischen Gefiepse wird das Ziel eines größeren Gefühls von Sauberkeit und Sicherheit (auch diese spielt nun eine große Rolle, früher mußte man sich in Bussen und Bahnen nicht so fürchten) verfehlt; vieles in den Fahrzeugen, die seit einigen Jahren beschafft werden, ist undurchdacht.So finden sich an den Deckenkanten neuer Doppeldecker weiße Leisten, auf denen man jeden Fingerabdruck sieht - was besonders gut wirken sollte, führt zu einem schmuddeligen Bild, weil die erforderliche intensive Pflege nicht zu leisten ist.Bei der Farbe der neuen U-Bahnzüge beachtete man nicht, daß das Kunstlicht in den Tunnelstationen extrem blaustichig ist.Das neue "Sonnengelb" bekommt dadurch einen grünen Schimmer, statt "strahlend und fröhlich", wie uns die Designer weißmachen wollen, wirkt die neue Farbgebung unappetitlich und kränklich.

Die Plastikverkleidung der S-Bahnzüge aus BVG-Zeiten läßt sich kaum richtig von Schmierereien säubern.Auf der rauhen Oberfläche bleiben immer Farbspuren zurück, die Alternative heißt: kostspieliger Austausch oder Schmuddel.Bleche und Holz könnte man neu lackieren oder abschleifen.

Eine abgeschnittene Wurst

Doch Holz gilt heutzutage als zu feuergefährlich, außerdem will man das Gewicht der Wagen reduzieren.Was auf diese Weise eingespart wird, gibt man dann für eine technische Hochrüstung aus, die nicht nur zu höheren Anschaffungskosten, längeren Lieferzeiten, sondern bisweilen zum Stillstand führt - ob durch die Belüftungsprobleme der neuen Berliner oder die bockenden Türen der Hamburger S-Bahnen, oder wenn komplizierte Stellwerks- und Fahrgastinformationssysteme ein Chaos anrichten.Während das Äußere der Busse und Bahnen klobiger wird und man die Frontseite, an der sich einst die Begeisterung für Eleganz und Stromlinie austobte, gestaltet wie eine abgeschnittene Wurst (siehe neueste U-Bahnzüge), werden die Fahrzeuge in Wahrheit empfindlicher.Hier waltet derselbe naive Technik- und Fortschrittsglaube, dem auch die Plastikeuphorie geschuldet ist; man ignoriert, daß dem Kunststoff immer der hautgout des Billigen anhaftet, daß er keine Patina ansetzt, sondern nur schäbig wird.

Wenn damit wenigstens ästhetische Haltbarkeit erzielt würde! Mit ihren Resopalverkleidungen, dunkelgrünen Kunstlederbänken, blanken Abdeckleisten und Haltestangen zeigen U-Bahnwagen der fünfziger, sechziger Jahre, die bis heute den Wagenpark dominieren, noch einen Nachklang des alten Ideals der Wohnlichkeit; sie sind nicht vorbildlich gestaltet, wirken aber immer noch nicht veraltet.Neuere Modelle orientieren sich oft an Modeeskapaden wie Pastellfarben, neckischen Bögen und Wellen, und wirken dann bald lächerlich: wie die blauvioletten Haltestangen in West-S-Bahn-Zügen der achtziger Jahre.

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