Kultur : Das Ende des Underground

VANESSA LIERTZ

Linda ist ein Star, ein Popstar.Ihr Lied "Ja sche kak worona - ich bin doch wie ein Rabe" dröhnt aus den Kassettenrekordern russischer Teens und Twens.Tausende strömen in ihre Konzerte, bejubeln sie auf ihren Tourneen.Lange Zeit war Linda in der ehemaligen Sowjetunion unangefochten, heute müssen sie und ihre russischen Kollegen mit westlichen Stars um ihre Hörerschaft buhlen: Neun von zehn Liedern, die russische Jugendliche konsumieren, stammen aus England oder Amerika, schätzt Wolodija Poluparen, Musikkritiker der Zeitung "Argumenti i Fakti" .Nicht nur er hatte vor dem ersten Konzert der "Rolling Stones" in Moskau prophezeit, ein Auftritt einer einheimischen Gruppe vor den "Rollis" - wie ihre russischen Fans sie nennen - käme einem Selbstmord gleich.Zumindest war der Abend für die populäre St.Petersburger Gruppe "Spleen", die als Vorgruppe russischen Rock durch die Lautsprecher des Moskauer Sportstadions Luschniki jagten, eine Niederlage: Der Mob forderte sie mit eindeutigen Fingerzeichen zum Abgang auf und rief nach: "Rolli, Rolli".Das, sagt Poluparen, wäre vor zehn Jahren nicht geschehen.

Die Zeiten sind vorbei, in denen Rockmusiker auf der schwarzen Liste des sowjetischen Kultusministeriums standen, damit zum "Underground" gehörten und für viele Menschen Helden waren.Manche sind es bis heute.Etwa der Sänger der St.Petersburger - oder genauer Leningrader - Rockgruppe "Kino", Wiktor Zoj, der vor knapp zehn Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam."Kino", das sind das russische Pendant der "Beatles", sagt Poluparen.Daß viele Menschen Wiktor Zoj heute außerdem als Regimegegner verstehen, sei allerdings "eine Verklärung".

Politische Songs machen heute nur ein paar nationalistische Rockbands.Die meisten "Superstars" besingen in ihrern Liedern nicht das öffentliche Leben."Spleen" zum Beispiel, die ihres Stils und ihrer Herkunft wegen dem "Underground"-Rock von damals besonders nahe stehen, singen nicht von Bergarbeitern, vom Tschetschenienkrieg oder von der Mafia, sondern von "Gott, der uns vergessen hat".

Den "Underground" gibt es nicht mehr, auf den Konzerten riecht es nur noch selten nach polnischer Seife, dafür aber öfter nach Chanel oder Dior.Heute flimmern Videoclips auf den Fernsehern, schallen Songs über Sex und Drogen in jeder Lautstärke aus den Musikboxen, heute floriert in der ehemaligen Sowjetunion eine Stilvielfalt wie im Westen.Gespielt wird Rock, Reggae oder Acidjazz mit russischen Texten, ukrainischer Brit Pop mit Akkordeon-Einlagen.Der Moskauer DJ Fonar mischt Töne und Beats in einem der Techno-Klubs, die wie anderswo aus dem Boden sprießen und wieder verschwinden.

"Bis vor ein paar Jahren", sagt Linda, "gab es außer dem russischen Rock fast nichts.Ich kenne aus der Zeit nur Bands, die zu simplen Akkorden und Schlagzeugrhythmen irgendwelchen Popkram produzierten, der so ähnlich klingt wie das, was offizielle Musikgruppen zu Sowjetzeiten fabriziert hatten".Inzwischen lernen viele in den "Schulen des Westens", wie das Jugendmagazin "OM" vor kurzem schrieb.Allerdings sagt Linda, daß sich der Westen auch russischer Ideen bediene: Madonna habe sich für ihren Videoclip "Frozen" von "Worona" inspirieren lassen, glaubt sie."Aber wir haben den schon zwei Jahre früher gedreht."

Anders als Madonna sieht Linda ein bißchen aus wie ein trauriger Vogel.Ihr langer Wildledermantel mit dem Frillkragen erinnert an ein Gefieder."Ich trete eben genauso auf, wie ich aussehe", sagt sie.Oder sieht sie so aus, weil sie so auftritt?, wie viele Musikkritiker meinen.Poluparen sagt etwa, Lindas Produzent und Liederschreiber, Max Fadejew, habe aus dem "komischen, unscheinbaren Vogel" einen Star gemacht.Er benutzt das englische Wort "Imagemaking" und zählt neben Linda die russischen Girlgroups "Armia" (Armee) oder "Blestjiaschie" (Die Glänzenden) auf, von denen bis vor einem Jahr noch niemand etwas gehört habe und von denen auch bald niemand mehr etwas hören werde.

Aber noch wollen alle Lindas Lieder hören, ein deutscher Medienriese, der noch ungenannt bleiben möchte, spielt sogar mit dem Gedanken, die jungen Musiker in Deutschland zu vermarkten.Die Bankierstochter genießt ihren Erfolg und macht zusammen mit Fadejew im Parterre eines verwitterten Altbaus in Moskau Musik.Längst ist sie nicht mehr auf das Geld des Vaters angewiesen, der ihr vor vier Jahren das Startkapital gab.Wieviel, mag sie nicht sagen.Alleine der Clip zu "Worona", den Linda und Max auf einem Fabrikgelände bei Moskau gedreht haben, soll 30 000 Dollar gekostet haben.Inzwischen gibt es zehn Videoclips, Linda und Max haben eine halbe Million CDs verkauft.Das ist für den russischen Markt, auf dem die meisten Stars 10 000 oder 20 000 CDs herausbringen, eine astronomische Ziffer, zumal CDs für die meisten Teens und Twens in Rußland zu teuer sind: zehn oder 15 Dollar sind bei einem durchschnittlichen Monatsgehalt von ungefähr 300 Dollar viel Geld.Daher sind der CD- und Kassettenmarkt auch nicht gerade Goldgruben.Weitaus mehr verdienen Musiker und Produzenten an den Konzerten.Linda etwa, schätzt der Insider Poluparen, verlangt pro Abend 10 000 Dollar, die Rockgruppe "Spleen" ungefähr ein Drittel davon.

"Spleen" und Linda kannte vor zwei Jahren noch kaum ein Jugendlicher - die Wladiwostoker Gruppe "Mumij Troll" hingegen schon - zumindest in Wladiwostok.Seit 15 Jahren macht das Sextett Musik, früher Rock, heute eine Art Brit Pop mit assoziativen Fantasie-Texten auf russisch.Wenige hätten vor zwei Jahren geglaubt, daß dem Trupp mehr als sein Provinzruhm vergönnt sein würde.Heute zieren Fotografien des Sängers von "Mumij Troll", Ilja Ljagotjenko, zahlreiche Jugendzeitschriften, und das Jugendmagazin "OM", feiert die Gruppe als "die neuen Helden, auf die wir so lange gewartet haben".Mit ihnen könne Moskau endlich eine Musikmetropole werden: "Moskau neben London oder Paris".

Und das ist es vielleicht, warum diese neuen "Superswjesda", ihre eigenen Superstars doch ein bißchen mehr glänzen als Madonna oder Mick Jagger: Sie machen ihnen Hoffnung auf einen neuen, eigenen, auf einen russischen Stil.

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