Kultur : Das Ende einer Dynastie

Auch Franz Josef Strauß musste manche Schlappe einstecken - und kam doch immer wieder hoch. Seine Kinder scheinen weniger Glück zu haben.

Heinz Höfl

Ludwig der Bayer (1282-1347), deutscher König und römischer Kaiser, regierte das Land vor den Alpen 45 Jahre lang. Franz Josef Strauß (1915-1988) beherrschte den weiß-blauen Freistaat als CSU-Vorsitzender und Ministerpräsident über ein Vierteljahrhundert.

Die zwei Potentaten hatten einige Gemeinsamkeiten. Beide sind in München geboren. Ludwig hätte, wenn nötig, auf den Titel verzichtet und einen anderen Monarchen unter sich als Kaiser geduldet. Und auch Strauß, der 1980 vergeblich fürs Kanzleramt kandidierte, war es „wurscht, wer unter mir Kanzler ist“. Am Ende sind beide überraschend bei der Jagd in bayerischen Wäldern gestorben.

Kaiser Ludwig hatte sich um 16 Kinder aus zwei Ehen zu kümmern. Einem seiner sieben Söhne vermachte er schon als Achtjährigem das ganze Land Brandenburg einschließlich der frisch gegründeten Doppelstadt Cölln und Berlin. Doch unter Sohn Otto dem Faulen ging alles wieder flöten. Bruder Ludwig der Römer war sogar zum Altwerden zu faul und starb schon mit 31 Jahren. „Was blieb“, so der Historiker Eberhard Straub, „war die Erinnerung, einen Kaiser gestellt zu haben.“

Ganze Latifundien im Ausmaß heutiger Bundesländer hatte Papa Strauß seinen drei Kindern natürlich nicht zu vermachen, es sei denn, man zählt den so lange von ihm beherrschten weiß-blauen Freistaat zum Erbgut. Aber dazu müsste sich erst ein geeigneter Erbe finden – oder eine Erbin. Aber die Fußstapfen, die der Alte seinen Kindern hinterlassen hatte, waren zu groß.

Sein ältester Sohn Max Josef (geboren 1959), obschon wie der Vater ausgestattet mit einer imposanten Figur, war nicht einmal stark genug für die Verwaltung des Familienvermögens und landete wegen Steuerhinterziehung vor Gericht und wegen schwerer Depressionen in der Klinik.

Der jüngere Filius Franz Georg (geb. 1961) lebt sehr zurückgezogen mit Frau und Kindern im väterlichen Haus, nicht weit vom Münchner Waldfriedhof entfernt. Früh hat er sich aus dem belastenden Schlagschatten des übermächtigen Vaters mit seinem Sender „TV München“ in die Welt der Television verzogen. Ein in Österreich erworbener Doktortitel erleichtert ihm seine Medienarbeit.

Nur das jüngste Strauß-Kind, die 1963 geborene Monika, schien mit dem „Strauß- und Macht-Gen des Vaters“ („Süddeutsche Zeitung“) ausgestattet zu sein. Schon nach dem frühen Unfalltod der Mutter Marianne im Jahre 1984 hatte die gelernte Hotelfachfrau an der Seite des Vaters die Landesmutter-Funktion übernommen und Geschmack am politischen Geschäft gefunden.

Rasch eroberte sie einen Sitz im Bayerischen Landtag und bald auch einen Platz im Kabinett, erst als Staatssekretärin und dann als Kultusministerin. Und rasch war die ehrgeizige Aufsteigerin auch schon als Nachfolgerin von Ministerpräsident Edmund Stoiber im Gespräch.

Doch der schickte die Erfolgreiche erst einmal in die politische Kleinwelt der Münchner CSU, in der sich nach jahrzehntelangen Misserfolgen intrigante Rivalitäten und mafiose Strukturen entwickelt hatten, die von der neuen Ortschefin Monika Hohlmeier geduldet, mitgetragen, wenn nicht sogar angestiftet und belebt wurden.

Wegen der undankbaren Münchner Parteiarbeit musste sie satzungsgemäß den Vize-Posten im bayerischen CSU-Landesvorsitz räumen, was Landeschef Stoiber wohl sehr zupass kam. Der halbierte dann auch noch ihren Ministerposten, indem er ihr Ressort teilte und ihr für den Bereich Wissenschaft einen zweiten Minister zuordnete. Und ausreichende Gefolgschaft in der Partei fand sie auch nicht. Vor wenigen Wochen musste sie zurücktreten. Ein Untersuchungsausschuss wurde eingesetzt.

Ist das das Ende der Dynastie Strauß? Die endgültige historische Bewertung des Strauß-Clans steht noch aus. Doch gewisse Konturen lassen sich schon heute in der Familiengeschichte erkennen. Der Vater von Franz Josef, ein Metzgermeister aus Franken, war Anhänger der „Bayerischen Volkspartei“ (BVP), radelte durch die Dörfer und propagierte die separatistische Losung: „Los von Preußen“. Straußens Großvater kämpfte als königlich-bayerischer Schwerer Reiter 1866 gegen die Preußen und 1870 gegen die Franzosen. Auch von ihm hörte der Knabe eine ähnliche politische Formel: „Woaßt Bua, d’Franzosen san schlimm, aber no schlimmer san d’Preißen.“

Mutter Walburga stammte aus dem niederbayerischen Unterwemdling, einem kleinen Bauerndorf in der Nähe von Kelheim an der Donau. Der Historiker Benno Hubensteiner bescheinigte den Niederbayern, seinen Landsleuten, eine „gemüthafte Brutalität“.

Der Metzgerssohn Franz Josef aus der Münchner Maxvorstadt, dem alten, eigentlichen Schwabing der Künstler und Lebenskünstler, wuchs inmitten politischer Turbulenzen auf. Als Kind erlebte er hautnah Anfang und Aufstieg der Nazi-Partei: Im nahen „Schellingsalon" und in der „Osteria Bavaria“ (beide heute noch in Betrieb) war Adolf Hitler Stammgast. In der Nachbarschaft hatte auch Hitlers Leibfotograf Heinrich Hoffmann mit seiner Assistentin Eva Braun sein Atelier. Und gleich vis-à-vis der väterlichen Metzgerei Strauß wurde das Nazi-Organ „Völkischer Beobachter“ gedruckt.

Doch politisch infiziert hat derlei Nähe den damals noch frommen Knaben „aus einer militant katholischen Familie“ (Strauß) nicht mehr als andere. Mit 19 Jahren wurde er 1934 bayerischer Radrennmeister. Und nach seinem Kriegseinsatz in der Kalmücken-Steppe südlich von Stalingrad startete er seine politische Karriere im Alpenfreistaat. Er wurde NS-Offizier für wehrgeistige Führung in der oberbayerischen Kaserne Altenstadt. Der studierte Altphilologe konnte ja Latein und Griechisch, und sogar ein wenig Englisch. Das Letztere half ihm, um sich nach dem Krieg im nahen Schongau bei den amerikanischen Besatzern beliebt zu machen.

Aus dem 30-jährigen „Mr. Strauß“ wurde in den Akten der Militärregierung bald „Dr. Strauß“, zuweilen sogar „Dr. Franz Josef von Strauß“, und schließlich durch Verdrängen des Vorgängers Franz Xaver Bauer der Landrat von Schongau. Die US-Besatzer bescheinigten dem politischen Anfänger außer einigen Schönheitsfehlern („faults and weaknesses“) schon damals „leadership quality“.

Doch schon bald wurde dem unruhigen Aufsteiger Schongau im so genannten Pfaffenwinkel zu eng. Er besorgte sich eine Beamtenstelle im Münchner Kultusministerium und nahm Kontakt zu CSU-Kreisen in München auf.

An Familie und Kinder verschwendete der lebensfrohe Junggeselle und wohlbestallte Beamte und Landrat Strauß zu dieser Zeit noch keinen Gedanken. Später, als Familienvater, kümmerte er sich dann rührend um die drei Kinder, die er gerne auf Fernreisen mitnahm und in das internationale politische Geschäft einzuführen versuchte – nicht mit durchschlagendem Erfolg.

In seinen kurz vor dem Tod angefangenen, fast 600 Seiten starken Erinnerungen kommt die später so ehrgeizige Tochter Monika nur ein einziges Mal vor – als Empfängerin eines Meißner Kaffeegeschirrs aus den Händen des soeben von Strauß mit einem Milliardenkredit bedachten DDR-Führers Erich Honecker.

Als Nachfolger für das Amt des Ministerpräsidenten nannte Strauß in dem Buch allein Max Streibl (Jahrgang 1932) und Gerold Tandler (Jahrgang 1936), die er auch gerne auf Weltreisen mitnahm. Edmund Stoiber (Jahrgang 1941) hingegen sei „altersmäßig noch nicht in dieser Etage“.

In der Parteiarbeit pflegte die CSU nach Kräften althergebrachte weiß-blaue Strukturen. Die Bayerische Volkspartei lehnte einst in der Nationalversammlung die Weimarer Verfassung ab – die CSU-Mehrheit im Bayerischen Landtag 1949 das Grundgesetz. In einem Schreiben an die Bezirksregierung von Oberbayern, das erst 50 Jahre später gefunden wurde, forderte Strauß als Schongauer Landrat sogar eine Einwohnerwehr für die „Ordnungszelle Bayern“.

Schon zur Zeit der Weimarer Republik hetzte der BVP-nahe „Miesbacher Anzeiger“ in unerhörten Tönen gegen die „Schieber- und Gaunerrepublik“, die „Banknotenfälscherrepublik“ in Berlin und ihren „Quasselkanzler“ an der „dreckigen Spree“. Dieser Hauptstadthass wiederholte sich fatal in der Polemik von Strauß in seiner berühmten Wienerwald-Rede von 1976 gegen die „politischen Pygmäen der CDU“, diese „Reclam-Ausgaben von Politikern“ mit ihrem „total unfähigen“ Vorsitzenden Helmut Kohl. (Als die Strauß-Rede für den Fassbinder-Film „Deutschland im Herbst“ gesucht wurde, fand sie sich schließlich in der privaten Musik-Kassetten-Sammlung von „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein mit der Aufschrift: „Strauß, Wienerwald“.)

Manche Parteifreunde in München sahen in dem lauten Gehabe von Strauß und seinem Lehrer Josef „Ochsensepp“ Müller, einem der Mitgründer der CSU, schon frühzeitig „Hitler-Allüren“. Denn, so verriet Annelore, die erste Frau des damaligen CSU-Ministerpräsidenten Hans Ehard, einem US-Geheimagenten, „wenn die, mit Müller als Ministerpräsidenten und ohne Koalition, zur Regierung gekommen wären, so hätten sie eine Diktatur in Bayern aufgezogen“.

Nur zu verständlich, dass Hans Ehard und viele seiner Landsleute sich den damaligen CSU-Generalsekretär Strauß „als unseren Wau-Wau nach Bonn“ wünschte. Ungestüme Drängler wie ihn verehren die Bayern lieber aus der Ferne. In Bonn bellte „dieser körperlich so nachdrücklich und unverwechselbar vorhandene Mann“ (Kuby) die gesamte Korona um Konrad Adenauer so lange an, bis ihn der Kanzler 1953 das Familienministerium schmackhaft machen wollte. Aber dort passte der christsoziale Junggeselle, dem der sittenstrenge Landwirtschafts- und Kultusminister Alois Hundhammer im Landtag vorgeworfen hatte, allein in München „zu fünf Frauen gleichzeitig intime Beziehungen“ zu pflegen, überhaupt nicht hin.

Schließlich richtete Adenauer dem Widerspenstigen aus Bayern ein ziemlich arbeitsarmes Sonderministerium ein. „Mein Ressort hat in einem Aktenkoffer Platz“, sagte Strauß selbst und nutzte die Zeit zu umfänglicher Lektüre. Hatte er als Schüler die Sagen des klassischen Altertums oder Felix Dahns „Kampf um Rom“ bevorzugt, so vertiefte er sich nun in die Frühschriften von Karl Marx, in Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen“, eine Hitler-Biographie, Hirschbergers zweibändige „Geschichte der Philosophie“ und die kompletten, achtbändigen Memoiren von Winston Churchill. Ähnlich unverdrossen will die 43jährige Ex-Kultusministerin Monika nun übrigens ein betriebswirtschaftliches Studium beginnen. Man wird sehen, wohin sie das führt.

Erst nachdem der Kanzler im Alleingang auf alle ABC-Waffen, auf schwere Bomber und Raketen verzichtet hatte, wagte er, dem wilden Mann aus Bayern das Atomministerium anzuvertrauen. Strauß fühlte sich wie vor der „Erfindung des Feuers“ und päppelte den Versuchsreaktor in Garching bei München hoch. Der Freistaat Bayern bemühte sich, im Kaoko-Land im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika Schürfrechte zu sichern – für Gold, Eisen, Diamanten und Öl, aber vor allem auch für „radioaktive Materialien“.

Wieder ein Jahr später, nun als Bundesverteidigungsminister, forderte Strauß bereits „nukleares Mitspracherecht“ und „Atomwaffen für die Bundeswehr“. Der FDP-Abgeordnete Reinhold Maier: „Wer so spricht, der schießt auch.“

Zum Schießen ist Franz Josef der Bayer bekanntlich nicht gekommen. So konnte es „dieser edelste Spross am bajuwarischen Stamm“, so Maier ironisch, seinem mittelalterlichen Vorbild Ludwig in diesem Punkt nicht gleichtun, der seinen Rivalen um die Königswürde, den Habsburger Friedrich den Schönen in zwei blutigen Schlachten bei Gammelsdorf und Mühldorf ausschalten konnte. Im Vergleich dazu wirkt die aus der BVP übernommene und immer wieder erprobte aber stets erfolglose „Kanzlersturzbewegung“ der Bayern armselig. Strauß agierte eher hinter den Kulissen: „Schon vier Augen sind zu viel, um darüber zu reden.“ Erfolgreich war er damit nicht. Er musste sich damit begnügen, Deutschland von Bayern aus zu regieren.

Tochter Monika hielt sich bei ihrer Arbeit wohl allzu penibel an die Vorgaben des Vaters. Denn der hatte ja in der Frühzeit der Partei auch ziemlich ungeniert, damals allerdings weitgehend folgenlos, ein Dutzend Abtrünnige, die die CSU in Richtung Bayernpartei verlassen hatten, wieder zurückgekauft (Kostenpunkt: zwei Millionen Mark). Rivalen und Widerspenstige landeten mithilfe von übler Nachrede, Dossiers und Meineiden im Exil oder im Gefängnis wie die Bayernpartei-Größen Ludwig Volkholz oder die CSU-Mitgründer Joseph Baumgartner und Fritz Berthold.

Rechtsanwalt Berthold, der einen in Ungnade gefallenen Politiker der Bayernpartei verteidigt hatte, wurde aus dem Auto heraus von der Polizei verhaftet. Er bekam später vom Gericht eine sechsstellige Entschädigung, ließ sich im fernen Südtirol begraben und liegt laut Testament im Grab „mit dem Hintern in Richtung Bayern“.

Als Strauß 1962 auch noch den „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein wegen einer kritischen Geschichte ins Gefängnis brachte und die Chose mit Lügen zudecken wollte, zog er den Kürzeren und musste sein Ministeramt quittieren – so wie jetzt Tochter Monika. Doch der Alte fiel schön weich in das geräumige weiß-blaue Auffangbecken zurück, das er unbehelligt als Landes-Chef weiter beherrschen konnte. Die Tochter ist ohne politische Hängematte und muss jetzt sehen, wo sie bleibt.

Vielleicht hält auch sie sich an den Rechtfertigungssatz des Vaters: „Der heilige Petrus hat drei Mal gelogen und wurde trotzdem Papst.“ Jedenfalls war sie schon bald wieder obenauf und mit Bruder Max im Privatjet einer Münchner Unternehmerin zur Amtseinführung des bayerischen Papstes Benedikt XVI. – gute Gelegenheit für mancherlei Stoßgebete. Doch bis die erhört werden, bleibt der Familie, ähnlich wie beim mittelalterlichen Kaiser Ludwig, vorerst nur die Erinnerung, einen Ministerpräsidenten und Parteichef, Bundes- und Landesminister und einen stets unterhaltsamen oder auch verhassten „Alpen-Churchill“ (wie sich Strauß gerne nennen ließ) gestellt zu haben.

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