Kultur : Das Ende im Anfang

Moskauer Bühne zeigt Gorkis „Die Letzten“ im Gorki Theater

Christoph Funke

Ein Stück wie ein Alptraum. Schon 1907 sieht Maxim Gorki in seinem vieraktigen Drama „Die Letzten“ ein Jahrhundert voraus, das dem Guten im Menschen, wenn es überhaupt zu entdecken ist, kaum eine Chance lässt. Scheinbar wird nur eine Familiengeschichte erzählt, aber die birgt politischen Sprengstoff. Kolomizew, ein aus dem Amt entfernter Kreispolizeichef, richtet Frau und Kinder zugrunde. Sein Heim ist ein Spiegel der Gesellschaft: Es gibt Aufbegehren gegen Unterdrückung, Korruption und Totschlag. Doch jedes aufrichtige Gefühl ist schon in seinem Entstehen pervertiert: Gorki beschreibt ein Ende, das doch erst am Anfang steht. Dieser düstere Blick in die Zukunft prophezeit auch das Scheitern der mit der Revolution des Jahres 1917 entfachten Hoffnungen. „So ein schreckliches Leben, und am Ende der Tod... wofür?“

Mit dieser Frage endet das Stück – und entscheidend ist, wie man diese Frage liest. Bleibt man bei der Familiengeschichte, geht es allein um die wirkungsmächtigen Erschütterungen im Kreis von Vätern, Müttern, Kindern und Verwandten. Stellt man sich der politischen Dimension des Werkes, müssen die Schicksale der Kolomizews in geschichtliche Zusammenhänge gehoben werden. Adolf Schapiro aber, Regisseur der Aufführung an der Tabakerka Moskau, geht bei seiner im Maxim Gorki Theater gezeigten Inszenierung einen mittleren Weg.

Ganz der Tradition russischen realistischen Theaters folgend, erschließt er die Figuren nur aus ihren Dialogen. Dabei gibt er den Darstellern Gelegenheit, große Gefühle auszukosten, sie gestisch auszumalen und in tönendes Klagen oder eine Art geballte Stummheit zu übersetzen. Schapiro zeigt exaltierte Menschen, die sich in ihrer Unruhe und Nervosität eingerichtet haben. Am deutlichsten offenbart sich das beim Protagonisten Oleg Tabakow. Für diesen großen Schauspieler, unvergesslich durch den Film „Leuchte, mein Stern, leuchte“ ist die Aufführung gemacht.

Den blutdürstigen Polizisten, gibt Tabakow ganz bewusst nicht. Er zeigt einen verlogen Väterlichen, einen eitlen Spieler. Dieser Weißhaarige mit dem vorspringenden, stets befingerten Bauch ist ein feiger Tyrann, der großartiges Getue gegen kriecherische Unterwürfigkeit setzt, aber, und das macht der Schauspieler hinreißend deutlich, immer an sich glaubt. Takakow kann in der Rolle des Kolomizew so warmherzig sein, dass das Grauen über sein Tun sich aufzulösen beginnt. Auf diese raffinierte Zwiespältigkeit kommt es Schapiro an, als Hinweis auf die verführerische Kunst von Machtausübenden, die sich ihrer Verbrechen nicht bewusst sind. Und auch hierin kann man eine politische Dimension entdecken.

Das Ensemble um Tabakow zeigt sehr unterschiedliche Leistungen, wobei die rührend anmutende Hinhabe an heftige Gefühlsregungen überwiegt. In einem mit tausenderlei Gegenständen vollgestopften, dennoch offenen Raum (Mart Kitajew) „leben“ die Darsteller wie in einem muffigen Gehäuse – ein Militärorchester liefert dazu den schmetternden, auch heiter ironischen Kommentar. Und doch, die Aufführung bleibt in einem Ungefähr zwischen dem Privaten und dem Politischen, vielleicht aus dem Willen heraus, ein emotional hochgeladenes Theater nicht völlig in Vergessenheit geraten zu lassen.

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