Kultur : Das englische Patent

Amerikas Einigkeit und die europäische Vielfalt: ein transatlantischer Sprachenvergleich

Marcia Pally

Im Jahr 2003 verfassten einige der bedeutendsten Denker Europas, darunter Derrida, Habermas und Eco, ein Manifest, das die Unterschiede zwischen Europa und den USA verdeutlichen sollte. Das heißt, sie versuchten, ein Manifest zu verfassen, schrieben dann aber jeder ein eigenes in seiner Landessprache. Nur wenige Franzosen oder Deutsche lasen den Aufsatz von Umberto Eco oder kannten den Kerl, der für Spanien schrieb (Fernando Savater). Die Briten hatten sich naturgemäß gar nicht beteiligt.

Frustrierte Euro-Unionisten schlugen die Hände über dem Kopf zusammen: Wie sollte die EU eins werden, solange ihre Mitglieder die Ideen der anderen nicht lesen können? Die EU-isten führen den Erfolg der Vereinigten Staaten darauf zurück, dass diese vereinigt seien. Zwar mag Henry Higgins, der verstaubte Brite aus „My Fair Lady“, erklärt haben, die Amerikaner sprächen schon seit Jahren alles andere als Englisch. Die EU-isten wenden ein, wenigstens in der Nichtbenutzung welcher Fremdsprache auch immer seien die Amerikaner vereint.

Der europäische Frust scheint sich der Vorstellung zu verdanken, politische Einheit gehe aus kultureller Einheit hervor, die wiederum an eine sprachliche Einheit gebunden sei. Über diese verfügten die USA, Europa aber nicht. Die Erkenntnisse der Historiker strafen dies allerdings Lügen: Trotz gemeinsamer Sprache können Menschen unterschiedliche Weltbilder und politische Vorlieben vertreten (Sprecher des Mandarin in Taiwan und Rotchina). Sie können über ein gemeinsames kulturelles Erbe verfügen und trotzdem auf unterschiedlichen politischen Seiten stehen (Nazis und Demokraten in der Weimarer Republik). Sie können unter dem Dach eines gemeinsamen politischen Systems verschiedene Sprachen sprechen und in eigenen Kulturen leben – so wie fast immer in den USA. Das kulturelle Leben Amerikas sieht aus wie ein Bild von Jackson Pollock, durch ein Kaleidoskop betrachtet. Wir lesen nicht dasselbe, und wir lesen es nicht auf dieselbe Weise. Der Erfolg der USA ist weder text-, noch sprach-, nicht einmal TV-basiert.

Die Mitgliedsstaaten der EU teilen dagegen eine imposante Kultur. Erwähnen Sie den Namen Goethe, und zwischen St. Petersburg und Madrid werden ihn viele Menschen kennen. In den USA ist das, etwa mit dem Namen Hawthorne, ganz anders. Aber das gemeinsame kulturelle Erbe wird Europas politischen Erfolg so wenig garantieren wie das gemeinsame Englisch den der USA.

Wer die Kultur Europas begreifen will, muss sich nur die Miesepetrigkeit ansehen, mit der die europäische Einheit diskutiert wird – den Pessimismus, das Gefühl, behindert zu sein. Eine sehr deutsche Stimmung: Die EU hat sie als Ganzes angenommen. Auch die paneuropäische Vorstellung von der kulturellen Einheit Amerikas bezeugt sehr schön die Einheit der europäischen Kultur. In Amerika ist diese Vorstellung nicht weit verbreitet (wir sind nicht einmal eins genug, die Idee einstimmig abzulehnen).

Dass die Soldaten der Union und der Konföderierten einander vor allem auf Englisch verfluchten, hat sie nicht vom Bürgerkriegführen abgehalten. Andererseits werden in den USA über 170 Sprachen gesprochen, für viele gibt es eigene Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen. Zwar benutzen die meisten Englisch als Zweitsprache, zu einer gemeinsamen Vision hat das jedoch noch nie geführt. Die Trennlinien verlaufen auch nicht zwischen Klassen (eine europäische Sichtweise), sondern zwischen Weltbildern.

Die interne Polarisierung der USA hat eine lange Tradition: Mitte des 19. Jahrhunderts verlief die Front zwischen den Föderalisten und den Verteidigern der Rechte der einzelnen Staaten. Heute haben Amerikaner, die mit derselben Partei sympathisieren, sonst oft nicht viel gemeinsam. Louisiana und Montana sind republikanisches Territorium, mehr verbindet sie nicht. Die ungeheure Breite des Angebots ist Zeugnis der kulturellen Bruchlinien, wie sie selbst einzelne Stadtviertel durchlaufen. Die politischen Haltungen sind nicht einmal an Rassenzugehörigkeit oder Religion gebunden: Etwa die Hälfte der Weißen, Protestanten, Katholiken, Latinos und asiatischen US-Amerikaner wählten Bush; die andere Hälfte stimmte für Kerry. Vielleicht lesen wir alle die gleichen Zeitungen, aber wir verstehen jeweils etwas anderes. Wir sprechen alle englisch, gehen einander aber trotzdem an die Kehlen: So sieht es aus.

Was auch immer der Grund für das kulturelle Chaos sein mag – das jugendliche Alter des Landes, die Einwanderung –, aus amerikanischer Sicht ist die europäische Kultur beneidenswert. Sie eint Nationen, zieht sich quer durch soziale Schichten. In einem Aufsatz wie diesem kann man Habermas, Derrida und Eco erwähnen und sich halbwegs sicher wähnen, von Feuilleton-Lesern verstanden zu werden. In den USA stieße die Erwähnung amerikanischer Äquivalente – Rorty, Rawls – weitgehend auf Unverständnis.

Im Vergleich zu den USA ist die kulturelle Gemeinschaft Europas weit tiefer begründet. Laut OECD erwerben zwar mehr Amerikaner eine weiterführende Bildung als Europäer. Aber in den USA werden dabei technische Ausbildungen bevorzugt; Qualität und Ausrichtung schwanken stark. Die Grundschul- und High-SchoolBildung variieren noch stärker: Es gibt Schulkinder, die nach der biblischen Schöpfungslehre erzogen werden, und andere, denen man die Evolutionstheorie lehrt. Europäische Abiturienten erfahren eine konsistentere Ausbildung als amerikanische College-Absolventen. Mit dieser Grundlage können sich europäische Zeitungen ein breiteres Themenspektrum leisten als ihre US-Pendants – selbst in einem schrumpfenden Zeitungsmarkt.

Natürlich haben auch die US-Amerikaner Gemeinsamkeiten: Die Kraft der amerikanischen Vision wird von allen geteilt – die vitale, ungeduldige, erfindungsreiche, in Schnelllösungen verliebte, optimistische Aggressivität. Diese energiegeladene Mission basiert nicht auf einer gemeinsamen Sprache oder einem Kanon tradierter Texte, obwohl sie in Geschichte und Mythologie eingeschrieben ist. Vielmehr erleben die meisten Amerikaner sie in ihrem täglichen Tun, so wie auch Europa seinen Gemeinschaftssinn bei der Entwicklung der EU geschärft hat. Tatsächlich haben die heutigen Europäer mehr gemeinsam als die frühen Amerikaner, die sich als Bürger des Staates Virginia oder Massachussetts fühlten und ein Lexikon brauchten, um sich verständigen zu können.

Für die EU geht es nicht um eine gemeinsame Kultur, sondern um die Ausrichtung der europäischen Vision. Mit ihr werden sich die Kulturen Europas noch fester verbinden – in Ungarn (das nicht zur indo-europäischen Sprachfamilie gehört) wie in Serbien und eines Tages vielleicht auch in der Türkei. Allzu häufig geht es gar nicht um kulturelle, sondern um wirtschaftliche Probleme – und das sollte dann auch deutlich ausgesprochen werden. Die Diskussion über die Disparatheit Europas verhindert ein produktiveres Gespräch über die Verteilung von Industrien, Kapital und Arbeitskräften.

In den USA gibt es kein Problem mit islamistischen Terroristen aus der eigenen Bevölkerung, die Barbara Streisand erschießen, Synagogen schänden oder Terrorzellen bilden. Und zwar vor allem, weil alle die wirtschaftlichen Vorzüge des Systems genießen. Die US-Wirtschaft und -Gesellschaft verlangen vergleichsweise wenig kulturelle Einheit für ihr Funktionieren. Im Großen und Ganzen ist die europäische Kultur für eine gemeinsame Zukunft also vereint genug. Die Europäer müssen nur unterscheiden lernen, wann es um eine gemeinsame Kultur geht und wann um Wirtschaft und Politik. In einem ungarischen Text hieß es: kürzlich: „Fuck Identity!“ Das wird auf der ganzen Welt verstanden.

Die Autorin lehrt Literaturwissenschaft an der New York University. Gekürzter Vorabdruck aus dem Essayband „Kultur in Europa“ (hg. von Rüdiger Fikentscher, Mitteldeutscher Verlag), der im Februar erscheint. Aus dem Amerikanischen von Robin Detje.

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