Kultur : "Das Erdbeben in Chili": Die Untergeher

Alexander Haas

Was ist ein Klassiker? In der Literatur gibt es eine einfache Antwort: Ein Klassiker ist ein Text, der die Zeiten überdauert.

Im Renaissance-Theater gaben sich am Sonnabend gleich drei Klassiker die Hand. Gespielt wurde Becketts "Letztes Band" als leider nur kurzes Gastspiel des Düsseldorfer Schauspielhauses. Inszenierung: Peter Palitzsch. In der Rolle des Krapp: Volker Spengler. Etwas tiefer gehängt hatte man die Latte nur zwei Stunden früher im Studio des Gorki-Theaters: Zur Premiere kam dort eine Bühnenadaption von Kleists rätselhafter Novelle "Das Erdbeben in Chili".

Aber ein genuiner Kleist ist diese Novelle allemal. Am Ende: das Gemetzel. Nicht sparsamer als bei "Penthesilea" oder den "Schroffensteins". Davor: die Verwirrung. Dazwischen: das mögliche Glück auf Erden. Anhand des historischen Erdbebens von Santiago 1647 erzählt Kleist eine Liebesgeschichte. Und er stellt die philosophische Frage, wie viel Unglück nötig ist, damit andere Erfahrungen als Glück gelten können. Gewiss eine Frage für das Theater. Wenn sie mit genügend gespieltem Leben gefüllt wird.

Monika Lennartz erzählt uns die Geschichte von Josephe und Jeronimo. Erzählt von der Rettung dieser beiden bereits zum Tode Verurteilten. Und wie sie durch die Fügung eines Erdbebens gerettet scheinen, um zu guter Letzt im Blutrausch des Mobs umzukommen. Dazwischen gibt es viele Kleistsche Handlungs- und Syntaxwindungen. Monika Lennartz muss diese nachvollziehbar machen. Das ist ein Problem. Oft gelingt es ihrem aufmerksamen und intensiven Spiel, den Zuschauer in die eigentümliche Novellenwelt hineinzulocken. Dann wieder ist man doch zu sehr damit beschäftigt, die immer kompliziertere Personenverwirrung nachzuvollziehen. Wer die Erzählung nicht kennt, dürfte Mühe haben. Monika Lennartz gestikuliert viel und deutlich, will das Gesagte veranschaulichen. Alles, damit wir verstehen, was da vor sich geht, und damit wir besonders vor der Kirche, beim Schlussgemetzel, auch alle Namen auseinander halten können. Das ist gut gemeint. Und manchmal entfaltet die Sprache der Schauspielerin eine märchenhafte Sogwirkung. Aber der junge Regisseur Erich Sidler nicht mehr gewagt als eine gespielte Lesung. Zumal von den interessanten Baudrillard-Thesen, die im Programmheft zu lesen stehen, und die die philosophische Frage nach dem Verhältnis von Gut und Böse provokativ zuspitzen, auf der Bühne nichts zu sehen ist. Eine Sache des Mutes wohl.

Leergefegt

Gut und Böse. Auch ein Beckett-Thema? Am Ende schon. Auch er zuletzt: ein Moralist. Weil er sich mit dem Sinn des Ganzen beschäftigte. Auch wenn er ihn negierte. Das Dürre seiner Person, es schrieb sich weiter in der Reduktion seiner Texte. Ein Philosoph der Literatur - und des Theaters zumal. Aber nicht wie Kleist. Alles halb so lang. Alles weniger dramatisch. Natürlich. Zwischen Becketts "Letztem Band" und Kleists Novelle liegen 150 Jahre. In ihnen wurde auf dem Theater alles von der Bühne gefegt. Was dann Tschechow noch da ließ - Beckett hat es vollends abgeräumt. Auf solchen Bühnen ließ sich vorzüglich warten. Oder endspielen. Oder eben nur ein Band anhören. Aber dieses Band, das sich ein gewisser Krapp anhört, hat es in sich. Natürlich wissen das die beiden Altmeister dieses Abends: Peter Palitzsch und der Schauspieler Volker Spengler. Palitzsch, einst Assistent bei Brecht am Berliner Ensemble, wohin er dann fast fünfzig Jahre später - im Fünfer-Direktorium des Nachwende-BE unter anderem mit Peter Zadek und Heiner Müller - noch einmal zurückkehrte, Palitzsch macht in seiner Inszenierung ganz wenig. Wie alle großen Regisseure dieses Texts.

Becketts "Letztes Band", fast ein Hörspiel, ist ganz Sprache. Palitzsch macht noch weniger als Beckett selbst in seiner Inszenierung mit Martin Held im Berliner Schillertheater 1969. Sogar in der Videoaufzeichnung tritt das Clowneske groß in Erscheinung. Die Aufführung im Renaissance-Theater kann sich gleichwohl damit messen. Auch, oder gerade weil Palitzsch und Spengler sich zum Beispiel gegen die Banane entscheiden. Krapp hört sich jenes Band an, das er an seinem 39. Geburtstag aufgenommen hat. Hört sich vom Bananenessen reden. Stoppt das Band und holt sich eine. Palitzsch und Spengler genügt eine Mini-Banane, die gleich wieder verschwindet. Bei Beckett und Held war die Banane Anlass für eine Slapstick-Nummer. Hier ist sie ein kleiner Gruß an die beiden großen Vorgänger.

Volker Spengler sitzt vor seinem Band. Vor seiner Vergangenheit. Vor seinem - vertanen? - Leben. Und er sitzt vor einer Video-Leinwand. Darauf: ein bilderbuchblauer Himmel mit kleinen vorbeiziehenden Wölkchen. Die Zeit. Das Glück. Dann beginnt er zu sprechen, mit hoher, fistelnder, gebrochener Stimme. Kommentiert mal verächtlich, mal sinnierend das, was er da in der Mitte seines Lebens geglaubt hat, sagen zu müssen. Und - Palitzschs Akzentuierung - er trauert.

War das ich?

Er weint. Weint, als er sich selbst von einer großen Liebe erzählen hört. Spult besessen zurück, zitternd - Krapp zückt hin und wieder, sich vom Publikum abwendend, den Flachmann -, um dieselbe Stelle noch einmal zu hören. Augen und Mund aufgerissen, fassungslos, entgeistert: War das ich? War das mein Leben? Dann wieder, die Augen geschlossen, träumend bei der Schilderung, wie sie beide im Boot ineinander lagen: "Da lag alles drin, alles". Und, auflachend: "Aber das hätte ihn von seinen Hausaufgaben abgehalten!". In Palitzschs Version des "Letzten Bandes" steht am Ende die Erinnerung an die Liebe - anders als bei Beckett, der die Vergeblichkeit betont. Allmählich senkt sich vor dem nur noch lauschenden Volker Spengler ein transparenter, dunkel getönter Gazestreifen herab. Langsam. Man sieht den Schauspieler gleichsam verklärt. In solchen Momenten entscheidet sich jedesmal neu, ob wir ein Theaterstück zu den Klassikern zählen oder nicht.

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