Kultur : Das erste Cabrio

Eine Kinderwagen- Ausstellung in Dahlem

Christian Schröder

Der Kinderwagen in der Filmgeschichte: ein bislang stark vernachlässigtes Thema. Dabei ist es ein mutterloser Kinderwagen, der im Stummfilmklassiker „Panzerkreuzer Potemkin“ eine endlos lange Treppe herunterrumpelt und so die Brutalität der zaristischen Soldaten offenbart, die einen Demonstrationszug zusammenschießen. Auch in „The Untouchables“ rollt ein Kinderwagen durch eine Schießerei, wie durch ein Wunder verfehlen die Kugeln den Säugling. Und in „Vom Winde verweht“ gibt es eine wunderbare Szene, in der Clark Gable und Vivien Leigh mit einem Kinderwagen durch Atlanta paradieren.

Zu sehen sind die drei Sequenzen in der Ausstellung „Kindermobil. Kleine Helfer für kleine Helden“, mit der das Museum Europäischer Kulturen die Kulturgeschichte des Kinderwagens schildert. Es ist eine Geschichte, die streng genommen nicht allzu weit über die Epoche hinausreicht, in der „Vom Winde verweht“ spielt. Kinderwagen kamen erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf, sie waren eine Weiterentwicklung der Stubenwagen, in denen Kleinstkinder ab dem 16. Jahrhundert durch Wohnungen geschoben worden waren. 23 Kilo schwer ist das älteste Modell, das die Ausstellung präsentiert: ein hölzernes, 1880 entstandenes Gefährt mit wuchtigen Griffen, das an eine Schubkarre erinnert. Daneben steht auf schmalen Eisenrädern ein englischer „Parade-Kinderwagen“ von 1900 und ein deutscher „Standardwagen“ aus den vierziger Jahren, dessen Achse verstärkt wurde. „Fluchtfahrzeug?“, fragt das Hinweisschild.

Die Ausstellung reflektiert den Zuwachs an Mobilität, der sich an der Entwicklung immer leichterer Kinderwagen ablesen lässt, dabei streift sie auch die gesellschaftlichen Debatten, die damit verbunden waren. Kinderwagen galten als fortschrittlich, bis die Achtundsechziger in ihnen den Ausdruck autoritärer Erziehungsmethoden und körperlicher Distanz zu erkennen glaubten. Damals begann die Renaissance der Tragetücher, die in Deutschland zu diesem Zeitpunkt völlig in Vergessenheit geraten waren. Zum Katalog hat Ursula von der Leyen ein aufmunterndes Vorwort beigetragen: „Kinder machen mobil und halten beweglich“. Familienfreundlich ist die Ausstellung sowieso. Kinder können sich am Eingang Bobbycars und Puppenwagen leihen.

Museum Europäischer Kulturen, Arnimallee 25 (Dahlem), bis 1. Januar, Di.–Fr. 10–18, Sa./So. 11-18 Uhr.

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