Kultur : Das erste Evangelium - Matthäus

Jan Gympel

"Was hat denn Ostern mit Jesus zu tun?" Eine heute durchaus nicht unübliche Frage. Wie gut, dass es - neben der Kirche - auch das Kino gibt, das Informationslücken über die größte Weltreligion schließen kann. Dessen Produzenten greifen freilich am liebsten auf Stoffe aus dem Alten Testament zurück: Mit seinem Maß an Mord und Totschlag und dem stets hart strafenden Gott ist dessen "Unterhaltungswert" schlichtweg höher als der des Neuen.

Kaum jemand hat daraus radikaler die Konsequenz gezogen als Pier Paolo Pasolini mit seinem 1964 entstandenen Werk Das erste Evangelium - Matthäus (Regenbogenkino, Karfreitag bis Ostermontag). Selten wirkte die formale Strenge dieses ebenso bejubelten wie befehdeten Italieners so kraftvoll wie in dieser Darstellung des Leben Jesu: Die schwarzweißen, kargen, exakt komponierten Bilder, die zahlreichen, teils stummen Großaufnahmen, die meist unbewegten Mienen der Darsteller, die gelegentlich Handlungsläufe brüsk abbrechende Montage - dies alles übt eine fast hypnotische Wirkung aus, über die man die Laufzeit von 140 Minuten kaum bemerkt.

Pasolini erschafft so eine eigene filmische Welt, in der auch die Wundertaten nicht wie in vielen anderen Jesus-Filmen als billige Jahrmarktsattraktionen erscheinen, sondern im Kontext der Story und der Form ihrer Erzählung als plausibel. Die ergreifende Archaik der Bilder findet ihre Entsprechung in der verwendeten Sprache. Pasolini bedient das weit verbreitete Bedürfnis nach Hehrem (man denke nur an die geringe Beliebtheit "moderner" Bibel-Übersetzungen) aber nicht glatt. Zum Beispiel verwendet er nicht nur Musik von Bach oder Webern, sondern auch Spirituals und Revolutionslieder.

Pasolinis Sympathien für den Kommunismus haben Kritiker immer wieder darauf hinweisen lassen, der Regisseur hätte hier besonders die kämpferische Seite Jesu herausgearbeitet und in den Film marxistische Aspekte eingebaut. Aber sind die Parallelen zwischen den Anfängen des Christentums und denen des Marxismus nicht unübersehbar? Gerade weil Pasolini sie nicht mit dem bibelkinoüblichen Kitsch zukleisterte, ist sein Jesus-Film nicht nur etwas für überzeugte Christen.Aus der Serie "Delikatessen"

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