Kultur : Das erste Hemd

Kampf der Künstlerinnen: Der Frauenkunstverein Gedok Berlin wird 50

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Wenn ein Künstlerinnenverein seinen 50. Geburtstag feiert, sollte man nicht eine einzelne Frau herausgreifen. Aber Erika Schewski-Rühlings Arbeit, die in der großen Jubiläumsschau der „Gedok“ im Haus am Kleistpark zu sehen ist, passt einfach zu gut zum Anlass. In einem Koffer hatte die Künstlerin Hemden gefunden, die sie in den 60er und 70er Jahren trug.

Schewski-Rühling holte die Erinnerungsstücke heraus, tauchte sie in Wachs, ließ sie zu fragilen Hüllen erstarren und hängte sie lose übereinanderlappend an die Wand. Wo sie nun seltsam starr abstehen und nicht nur Modeerscheinungen, sondern ein halbes Leben repräsentieren, ein privates und ein Künstlerleben. „Tempi passati“ heißt der Titel, so schnell vergeht die Zeit. 1960 wurde die Gedok Berlin gegründet, als Ableger der 1926 ins Leben gerufenen „Gemeinschaft Deutscher und Österreichischer Künstlerinnenvereine aller Kunstgattungen“. Ziel war die Förderung der Gleichstellung im Kulturbetrieb. Es hat sich bis heute nicht geändert.

Einst kämpften die Mitglieder für Professorinnen an den Kunsthochschulen, heute sind Frauen auf diesen Posten nicht mehr überraschend. Der Senat fördert die Gedok im Rahmen seines Künstlerinnenprogramms mit 7500 Euro pro Jahr. Aber noch immer werden Frauen auf dem Kunstmarkt benachteiligt und sind in Museen unterrepräsentiert. „Wir dürfen nicht nachlassen“, erklärt die Vorsitzende Erika Großmann kämpferisch.

Von 1930 bis 1942 hatte bereits eine Berliner Regionalgruppe existiert. Dann wurde sie der nationalsozialistischen Kulturpolitik gleichgeschaltet. 1960 schlossen sich einige Berlinerinnen wieder zusammen, „gut situierte Frauen aus dem Südwesten Berlins“, wie die Kunsthistorikerin Anke Scharnhorst im Katalog schreibt, der zum Jubiläum erschienen ist. Zunächst fanden Ausstellungen in Privatwohnungen statt.

Den Ruf, ein Verein für betuchte Damen zu sein, die sich in ihrer Freizeit mit Kunst beschäftigen, konnte die Gedok längst abschütteln. Heute hat die Berliner Organisation 170 Mitglieder, bundesweit und in Wien sind es 3600. Wer aufgenommen wird, entscheidet eine wechselnde Jury. Ebenso müssen die Künstlerinnen vor jeder Ausstellung ein kuratorisches Auswahlverfahren durchlaufen. Männer können Förderer werden. Das Besondere an der Gedok gegenüber anderen Künstlerinnenvereinen ist, dass sie sich aller Sparten der Kunst interdisziplinär annimmt.

Bildende und Angewandte Künstlerinnen, Schriftstellerinnen, Tänzerinnen, Schauspielerinnen und Musikerinnen gehören zu dem Netz, die jüngste ist 30 Jahre alt, die älteste wird 100. Zum Förderungsgedanken gehört außerdem die Vergabe von Preisen in den unterschiedlichen Sparten, wie der Theobald-Simon-Preis für die bildende Kunst, der Ida-Dehmel-Literaturpreis oder der alle zwei Jahre ausgeschriebene Komponistinnenwettbewerb „BundesKonzert“. Außerdem lobt die Gedok den Gabriele-Münter-Preis mit aus.

„Unser nächstes Ziel ist es, eigene Ausstellungsräume zu bekommen“, sagt die Vorsitzende Großmann. Bisher ist der Verein in anderen Berliner Institutionen zu Gast. So auch für das große Festprogramm „Positionen 1960 bis 2010“ mit Lesungen, Vorträgen, Konzerten und Ausstellungen. Die Schau im Haus am Kleistpark schlägt den Bogen von den Anfängen bis in die Gegenwart. Das Verborgene Museum zeigt Zeichnungen, Holzschnitte und Aquarelle.

Ende Oktober werden im Kunstraum Bethanien aktuelle Arbeiten jüngerer Künstlerinnen präsentiert. „Die sind in den vergangenen Jahren wieder mehr geworden in der Gedok“, sagt Vorsitzende Erika Großmann. „Vielleicht liegt es daran, dass wir uns wieder verstärkt auf frauenpolitische und gesellschaftliche Themen konzentrieren.“

Zum Jubiläum hat die Videokünstlerin Betina Kuntzsch die filmische Collage „Täglich Kunst“ mit lauter Kurzporträts von Mitgliedern gedreht. Sie ist auch im Haus am Kleistpark zu sehen. 90 Sekunden für jede einzelne Künstlerin. Zusammen ergibt das einen gut einstündigen inspirierenden Überblick über die vielfältige Arbeit dieser Frauen.

„Positionen + Rückblenden“, Haus am Kleistpark, Grunewaldstr. 6/7, bis 24. 10., Di–So 11–19 Uhr. „Positionen + Nähe“, Das Verborgene Museum, Schlüterstraße 70, bis 10. 10., Do/Fr 15 – 19 Uhr, Sa/So 12 – 16 Uhr. „Positionen + Gegenwart“, Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2, 23. –28. 11., Mo–So 12 – 19 Uhr. Weitere Infos: www.gedok-berlin

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