Kultur : Das Evangelium hat ausgedient

Peter Schneider klagt über die Gier der Finanzmärkte

Erleben wir gerade eine neue Zeitenwende? Eine, die so einschneidend ist wie der Mauerfall vor 22 Jahren? Damals gruppierten sich die großen Spieler auf dem globalen Schachbrett neu. Die Völker in den mittel-und osteuropäischen Staaten jagten ihre kommunistischen Regierungen davon und votierten für die Freiheit und den westeuropäischen Kapitalismus. Die Sowjetunion schrumpfte zu einem Riesenland namens Russland und ergab sich den Weisungen der neoliberalen „Chicago-Boys“, unter deren fürsorglicher Beratung das Land zur Beute von Finanzgurus, Ölmilliardären und ehemaligen Geheimdienstleuten wurde. China, die verbliebene kommunistische Supermacht, führte eine besonders brutale Version des Manchester-Kapitalismus ein und stieg, unter Beibehaltung der kommunistischen Diktatur, zur erfolgreichsten Wirtschaftsmacht der Welt auf. Der Kommunismus, der alte Feind im Kalten Krieg, schien besiegt, und die Neoliberalen – nicht zu vergessen ihre frommen Anhänger von der FDP – verkündeten unwidersprochen ihre Heilslehren: Der Staat hat in der Wirtschaft nichts zu suchen, Freiheit für die Märkte, die sich nie irren und sich selbst korrigieren, weg mit allen Regeln, weg mit der Bevormundung des Bürgers durch den Sozialstaat: „Gier ist gut.“

Es kam die Finanzkrise von 2008, die in allen Staaten, die an der irren weltweiten Wette mit Schrottpapieren teilgenommen hatten, zu einer gewaltigen Erhöhung der Staatsschulden führte. Denn dieselben Banken und deren arrogante Lenker, die sich eben noch jede Einmischung des Staates in ihre Händel verbeten hatten, mussten vom Staat, genauer vom Steuerzahler, gerettet werden. Der Beweggrund für diese „Hilfe“ war reine Erpressung: Wenn ihr uns jetzt nicht heraushaut, sagten die Bank-Rotteure ihren erschrockenen Komplizen in der Politik, droht das Armageddon der Finanzwirtschaft; eure Wähler werden vor geschlossenen Schaltern stehen! Für die ungeheuren Kosten dieser Rettung werden zwei Generationen zahlen müssen. Die aktuellen Opfer sind die arbeitslosen Jugendlichen in Spanien und Portugal (40 bis 50 Prozent), in Italien (30 Prozent) und in Großbritannien (20 bis 25 Prozent).

Ich glaube keine Sekunde lang an irgendein alternatives Wirtschaftsmodell, dessen Name mit dem Wort „sozialistisch“ anfängt. Der real existierende Sozialismus/Kommunismus war ein Irrweg und ist durch die Geschichte widerlegt. Wahrscheinlich sind die einzigen, die von diesem Irrweg jemals profitiert haben, die Bürger in den kapitalistischen Nachbarländern gewesen: Nicht zuletzt die Konkurrenz mit dem untüchtigen anderen System hat die westeuropäischen Staaten dazu gezwungen, ihre Wähler durch soziale Garantien an sich zu binden. Aber ist es jetzt nicht Zeit zu fragen, ob der konkurrenzlose Sieger im Kalten Krieg, der total entfesselte Finanzkapitalismus, sich nicht ebenfalls ad absurdum geführt hat? Hat sich dessen Glaubenssatz „Märkte korrigieren sich selbst“ nicht als ebenso verrückt erwiesen wie das Gospel einiger 68er, das da hieß: „Kinder erziehen sich selbst“? Es hat sich doch gezeigt, dass ihrer Gier überlassene Erwachsene in der Finanzwelt viel gefährlicher sind als verwahrloste plündernde Kinder.

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