Kultur : Das ewige Licht

Jens Malte Fischer hat ein kleines Buch über den großen Dirigenten Carlos Kleiber geschrieben

Christine Lemke-Matwey

Die Frage lautet: Wer wird schneller vergessen, leichter, leichtherziger? Derjenige, über den die Welt – vermeintlich, tatsächlich – alles weiß, oder derjenige, von dem sie weiß, dass sie nie etwas wissen wird? Der Event-Hai also oder der Eigenbrödler? Der Konservenkönig oder der Klausner? Kurz: Herbert von Karajan, prototypisch, oder Carlos Kleiber? Karajan hat sich zu Lebzeiten Denkmäler gesetzt. Die Salzburger Festspiele, die Berliner Philharmoniker – alles in seinem Namen. Wien nennt heute ein Karajan-Centrum und einen Karajan-Platz sein Eigen, in Baden-Baden gibt es seit 1998 die Herbert- von-Karajan-Pfingstfestspiele. Und letzten Sommer erschien mit Peter Uehlings Buch (Rowohlt) mindestens die siebte seriöse Karajan-Biografie auf Erden.

Sieben Biografien und tonnenweise Tonträger. Was für ein Vermächtnis. Und doch: Dass die Musikwelt heute (wieder) über Karajan spricht, hat mehr mit der Historisierung der Person zu tun als mit ihrer unverbrüchlichen Präsenz in unseren Köpfen und Eingeweiden. Die Allverfügbarkeit, sie entzaubert auch. Verführt, wenn man so will, zur Anbetung der Asche – auf höchstem Niveau.

Carlos Kleiber hat Herbert von Karajan zeitlebens bewundert. Für seine Professionalität, seine mediale Chuzpe. Kleiber selbst hinterließ, als er am 13. Juli 2004 starb, kein einziges „Denkmal“. Weder Plätze noch Zentren noch Festivals, keine Biografie. Und seine Plattensammlung wirkt bis heute, als sei sie dem Menschenunmöglichen abgetrotzt. Im Handel sind derzeit 32 Einspielungen erhältlich, rund 90 weitere kursieren als Raubkopien oder schlummern in Archiven (detailliert nachzulesen unter www.thrsw.com/kleiber). Und doch: Der Mythos lebt. Das Enigmatische, das Rätsel, dass sich ein Weltdirigent dem Weltmarkt und dessen „verpestetem, unehrlichem Gebaren“ verweigern konnte und trotzdem Weltdirigent, „Jahrhundert-Maestro“, Götterfunkenträger blieb, dieses Rätsel harrt bis heute seiner Lösung. Und entfacht das alte Feuer immer wieder neu.

Jetzt aber gibt es ein erstes Buch, ein Büchlein, und das ist Wunder genug. Jens Malte Fischer, der Münchner Theaterwissenschaftler und Germanist, hat seinen zum Angedenken Kleibers in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste gehaltenen Vortrag mit hinreißenden Fotos von Anne Kirchbach auf propere 52 Seiten gestreckt. Ein Wunder, wie gesagt, und gleichwohl recht prosaisch zu erklären. Sämtliche vorhergehende Anläufe (der Versuch einer Biografie noch zu Lebzeiten des Maestros, die Edition des Briefwechsels Kleiber/Elisabeth Furtwängler, eine amerikanische Lebensbeschreibung u. a.) sind bislang entweder an Kleiber selbst oder an den Kleiber-Kindern gescheitert, jeweils mit juristischem Ingrimm. Ich dirigiere nicht, also bin ich auch nicht: Panisch klammert sich die Familie bis heute an dieses Ethos. Und vielleicht hat sie darin sogar recht. Den pathologisch Öffentlichkeitsscheuen posthum ins Rampenlicht zu zerren, hat gewiss etwas Leichenfledderisches. Und ob das Persönlich-Laienpsychologische die Kunstleistung am Ende wirklich erleuchten würde, ist ungewiss.

Fischer nun – so furchtsam wie klug – beschränkt sich ganz auf die Kunst. Einige typische Kleiber-Anekdoten (nicht ohne das Anekdotische an sich zu geißeln), ein paar landläufige Zitate und Einlassungen zum Maestro-Wesen, der individuelle Dirigierstil, Kleibers schmal und schmaler werdendes Repertoire, das „Schwierigsein“, der Humor – fertig ist sein kleiner feiner Essay. Was die Welt über Carlos Kleiber weiß, hier findet es sich sorgsam verschnürt. Nichts Spekulatives, Himmelsstürmerisches, nein, auch nichts, was das Phänomen übers rein Spinnerte hinaus historisch deutete: als Feier einer totalen Hingabe, von der im späten 20. Jahrhundert niemand mehr etwas wissen wollte. Dass solche Gedankentiefe fehlt, enttäuscht ein wenig.

Anderes hingegen stößt merkwürdig auf: Fischers Seitenhieb auf Furtwängler, um Vater Erich Kleibers Emigration aus Nazi-Deutschland umso heller strahlen zu lassen; Carlos’ Lachanfall, nachdem man ihn in Wien 1978 mit Erich verwechselt hatte, als Beleg dafür, dass das Vater- Trauma so groß nicht gewesen sein kann; und die Wortschöpfung des „Aponysischen“, jener Kreuzung des Apollinischen mit dem Dionysischen, die aus Kleiber, so Fischer, einen „Aaron“ am Dirigentenpult machte – kurzum: Furtwängler und Toscanini in einer Person (mit Victor de Sabata als legitimem Vorfahren).

Hübsch hingegen, wie Kleiber, der Regie-Hasser, beim Bayreuther „Tristan“ aufs Libretto pocht („Hier steht aber Brangäne blickt über eine Mauer!“). Und anrührend die Szene, als die Generalsekretärin der Bayerischen Akademie einst Karajans Grab besuchte, in österlicher Dämmerung, und von Ferne eines langen, tief in sich versunkenen Schattens gewahr wurde: des Schattens Carlos Kleibers. Keine Frage, wer von beiden hier früher aus der Zeit gefallen war.

Jens Malte Fischer, Carlos Kleiber – der skrupulöse Exzentriker. Wallstein Verlag Göttingen, 92 Seiten mit Diskografie, 15 €.

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