Kultur : Das ewige Werden

Ausgegraben: Berlin-Feuilletons von Arthur Eloesser.

Erhard Schütz

Längere Zeit schien es, als sei Berlin tatsächlich, wie Karl Scheffler vor hundert Jahren meinte, dazu verdammt, ewig zu werden und niemals zu sein. Doch längst scheint es eher, dass es sich verdammt gern daran erinnert, was es einmal war, als es immer nur werden sollte, nämlich ewig in den Zwanzigern, den goldenen. Auf dem Vulkan tanzend. Ach ja. Doch sieht man näher auf die hin, entdeckt man Stimmen, die sich seinerzeit an Berlin erinnerten, ehe es das ewig werdende wurde.

Arthur Eloesser (1870–1938) ist so eine. Vor allem als Theaterkritiker hat er von der Jahrhundertwende bis zur Naziherrschaft die Stadt und ihre Kultur publizistisch begleitet. Die hellwache Anwesenheit in der Gegenwart schärfte den Blick für die Vergangenheit und umgekehrt. 1919 war sein Bändchen über die „Straßen meiner Jugend“ erschienen. Nostalgisch nur auf den ersten Blick, tatsächlich aber der Versuch, einem weltoffeneren Berlin nachzuhelfen. Ein schmales Bändchen aus einer neuen Edition des engagierten Antiquars Horst Olbrich, schließt daran mit Feuilletons aus den Inflationsjahren 1920 bis 1922 an.

Es sind nachdenkliche Beobachtungen der Veränderungen, aber vor allem energische Verteidigungen Berlins, sei es gegen die Zumutung der Franzosen, die Beleuchtung des Kurfürstendamms gefälligst abzustellen, wie gegen Carl Sternheims Schmähungen, denen er die „Republik des Geistes“ entgegenhielt, „in der nicht die Gesellschaft, sondern der Mensch gebieten sollte“. Er stellt aber auch verstockte Antisemiten bloß, indem er sich als einer der Ihren gibt, und verteidigt 1925 noch einmal vehement in einer historischen Skizze, die jeder Neuberliner zum anständigen Einstand gelesen haben sollte, den „Geist von Berlin“, die „sich herausbildende Humanität“.

Auch hier ein Werden. Was tatsächlich kam, veranlasste ihn zu der bitteren Bemerkung, all das sei entstanden aus der „dankbaren Empfindung, dass der ewige Jude an der Brust des deutschen Michel endlich zur Ruhe gekommen“ sei. So erinnern diese Texte nicht nur daran, was hätte werden können, aber leider nicht geworden ist, sondern auch daran, dass es gilt, die so kluge wie humane Stimme von Arthur Eloesser nicht zu vergessen. Schön wäre auch in dieser Hinsicht eine Wiedereröffnung! Erhard Schütz

Arthur Eloesser: Wiedereröffnung.

Berliner Feuilletons 1920 bis 1922.

Verlag H. Olbrich,

Berlin 2011.

119 Seiten, 16, 80 €.

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