Kultur : Das Fallbeil-Spiel

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Frederik Hanssen solidarisiert sich mit Berlins Kultursenator

So ein Gefühl müssen die Menschen 1948 bei der Währungsreform gehabt haben. Da legt man Pfennig um Pfennig auf die hohe Kante – und mit einem Schlag sind die Ersparnisse futsch. Kein Wunder, dass ein Aufschrei durch die Berliner Staatsoper ging, als bekannt wurde, dass die Rücklagen des Hauses in Höhe von 7,2 Millionen Euro einkassiert werden. Zehn Millionen Euro hat Kultursenator Thomas Flierl für den Nachtragshaushalt aus dem laufenden Etat zu erbringen. Neben der Staatsoper muss auch die Komische Oper 1,8 Millionen Euro herausrücken. Doch während aus Berlins kleinstem Musiktheater kein Wort des Unmuts zu vernehmen ist, rief die Staatsoper gestern zum großen Wehklagen. Laut sang Daniel Barenboim die alt bekannte Arie von den barbarischen Berliner Kulturkillern, und der Chor seiner Getreuen stimmte ein: Wenn das der Dank dafür sei, dass sich 2002 Unter den Linden alle krumm gelegt haben, dann Abendland adé!

Es ist nachvollziehbar, dass sich die Staatsopernmusiker im Moment des ersten Schreckens erregen. Wenn aber die Koffer ausgepackt und die Mitbringsel aus Madrid, Teneriffa, Wien und London verteilt sind, wird ihnen hoffentlich aufgehen, dass sie sich einen Bärendienst erwiesen haben. Für das Gezenter von gut situierten Arbeitsplatzbesitzern haben die Leute nämlich derzeit null Verständnis. Schon gar nicht, wenn die Alternative „Massenentlassung“ heißt. Dass die Kultur überhaupt in die jüngste Sparrunde einbezogen wurde, kann man verheerend finden. Ändern aber kann man daran nichts, denn die Stimmung im Senat ist längst so kulturfeindlich wie die in der Bevölkerung. Flierl hätte also nach dem Rasenmäherprinzip bei allen Institutionen die flexiblen Mittel kappen können, mit denen Kunst gemacht wird. Dann wären ab sofort alle Vorhänge in den Berliner Theatern unten geblieben.

Alternativ boten sich Schließungen diverser kleinerer Institutionen an. Da handelt Thomas Flierl lieber im Geiste Robin Hoods, wenn er das Geld denen wegnimmt, die es zuvor den Reichen abgeknöpft hatten. Wie nämlich konnte die Staatsoper 2002 die Rekordsumme von über 21 Millionen Euro einnehmen? Indem sie den Marktwert ihres PremiumProdukts Daniel Barenboim voll ausreizte, im Ausland wie daheim horrende Preise verlangte.

Da die lokalen Konkurrenten nun einmal nicht über eine solch fabulöse Cashcow verfügen, alle drei Opern aber von der Öffentlichkeit als (kostspielige) Einheit wahrgenommen werden, geböte es der Überlebensinstinkt, bei allem verständlichen Ärger Solidarität zu üben. Die Mitarbeiter der Komischen Oper haben das verstanden und schweigen. Vielleicht geht die Staatskapelle ja sogar mal mit gutem Beispiel voran und spendet ihrem Haus ihrer vom Kanzler gewährten Gehaltserhöhung, in der Höhe von immerhin 1,789 Millionen Euro pro Jahr. Eines nämlich sollten die stolzen Staatsopernmusiker bedenken: Im Vergleich zu der Opernreform, die der Kultursenator am Montag nach Rücksprache mit dem erklärten Fusionsbefürworter Klaus Wowereit vorstellen wird, könnte sich der „Rücklagenraub“ als harmloses Präludium eines echten Dramas erweisen.

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