Kultur : Das "Faust"-Ensemble zeigte Schiller, Hebbel und Puschkin

Rüdiger Schaper

Die Schauspiel-GmbH stellte sich in Hannover erstmals der Öffentlichkeit vorRüdiger Schaper

Man muss sich das so vorstellen: Ein berühmter Trainer, der sich seit langem aus dem Bundesliga-Geschäft zurückgezogen hat, stellt sich einen Kader zusammen. Er hat ein paar erfahrene, berühmte Akteure und einen Haufen junger, ehrgeiziger Spieler. Daraus will er eine Mannschaft formen. Denn er will das Spiel seines Lebens gewinnen. Dieses Spiel, das Finale, steigt im Hochsommer des nächsten Jahres, und in der Zwischenzeit müssen die Spieler ein ungeheures Trainingspensum absolvierern und immer wieder aufs Neue motiviert werden.

So könnte man es sich vorstellen: Peter Stein und sein gigantomanisches "Faust"-Projekt für die Expo 2000. Siebzehn Stunden Spieldauer, 12 000 Verse, 80 Mitwirkende auf und hinter der Bühne, ein Gesamtetat von 30 Millionen Mark. Die Fakten sind immer wieder eindrucksvoll. Sie zeigen, dass zwischen Goethe und Sponsoren, Wirtschaft und Theater, Genius und Management eine mächtige Maschinerie in Gang gesetzt worden ist, um eine Jahrhundert-Aufführung zu realisieren, die in ihrer Radikalität und Langsamkeit den Marktgesetzen des Kulturbetriebs diametral entgegen gesetzt scheint. Eben das, was Goethes Faust erzwingen wollte: das Unmögliche. Hier wird es Event.

Am 28. August, Goethes Geburtstag, haben in einer Fabrikhalle in Hannover die Proben begonnen. Jetzt treten Mitglieder der "Faust-Ensemble GmbH" erstmals an die Öffentlichkeit. Sie zeigen im Ballhof 2 des Schauspiels Hannover eine Collage nach Dramen von Schiller, Hebbel und Puschkin: "Demetrius". Nicht Peter Stein führt Regie, sondern die junge Andrea Moses von der Berliner Schauspielschule Ernst Busch. Die vergleichsweise kleine Studio-Produktion gehört zum großen Schlachtplan. Stein will den Schauspielern Bühnenpraxis geben. Sie sollen ihre Fähigkeiten ausprobieren, und sie wollen auch beschäftigt sein, während der langwierigen Vorbereitung auf den "Faust, erster und zweiter Teil", der sonst nur bei den Anthroposophen vollständig einstudiert wird. Die einen proben Goethe mit dem Chef, die anderen trainieren auf einem benachbarten klassischen Spielfeld: "Demetrius". Shakespeare im Kreml.

Die monströse Geschichte kommt hierzulande selten auf die Bühne. Doch müsste sie uns nahe sein: Es ist das Drama Russlands. Das Riesenreich steht schon um 1600 vor der existenziellen Frage, ob es sich dem Einfluss des Westens beugt oder eine eigene Identität finden kann - als das Dritte Rom? Der Bojare Boris Godunov, Nachfolger Ivans des Schrecklichen, räumt den Thron, als der falsche Zarewitsch Dimitri in Moskau einzieht: eine Marionette der polnischen Fürsten, die von der Abschaffung der Orthodoxie in Russland und katholischer Weltherrschaft träumen. Andrea Moses, geboren in der DDR, entdeckt im "Demetrius"-Stoff die Aktualität der Zeitenwende, die sie selbst erfahren hat: "Die tragödische Gesellschaft mit den zu Grabe getragenen Idealen und dem Glauben an eine menschlichere Zeit ist vorerst von der heutigen ironischen Gesellschaft überrollt."

Die Regisseurin denkt sich diese Welt der Wirren und verfeindeten Systeme als ein giftiges Abendmahl. Links ein Tisch, da schwadronieren die dekadenten Polen, die Kapitalisten in weißen Anzügen; und rechts ein Tisch, da brüten die archaischen Russen in schwarzen Mänteln über ihrem Schicksal. Und dann werden beide Tische krachend ineinandergeschoben. Die Bühne hat Ferdinand Wögerbauer entworfen, der auch für den "Faust" arbeitet. Auf der Suche nach dem Urschrei: Hier agieren die Fäustlinge aus, was sie bei Stein in ihren kleineren Rollen nicht zeigen können oder dürfen. Sie kämpfen in den Disziplinen Reißen, Heben, Werfen, Würgen. Das Spiel ist extrem körperbetont, mit häufigen Tanztheater-Arrangements. Wer wollte es der Regisseurin verdenken, dass sie hier ein eigenes Konzept durchsetzt, eine geschlossene Form, während man vielleicht eher Etüden erwartet hätte, bei einer solchen Parallel-Produktion. Die Sympathie gilt dem Osten. Die Inszenierung behauptet das Recht der Selbstbestimmung auch in einer untergehenden Kultur, eines eigenen russischen Wegs, vulgo: Es war nicht alles schlecht im Sozialismus. Hohl klingt der Ruf nach Freiheit.

Die Hauptdarsteller des "Faust" sah man in Hannover noch nicht, keinen Bruno Ganz, keinen Robert Hunger-Bühler oder Johann Adam Oest, die beiden Mephisto-Spieler, keine Corinna Kirchhoff. "Demetrius" gehört dem Volk, viele neue Gesichter, junge Männer mit kahlen Köpfen, als wärs ein Trupp von Einar Schleef, der sich auch einmal in den "Faust" verbissen hat. Ein paar Berliner Bekannte sind im Ballhof dabei: Elke Petri und Rainer Philippi von der alten Schaubühne und Bernd Ludwig, der viele Jahre bei Andrzej Woron im Ensemble war. Der falsche Zar Dimitri blieb historisch ein Phänomen des Übergangs. Die nächste öffentliche Trainingseinheit in Hannover wird ein Horvàth sein, "Don Juan kommt aus dem Krieg", Dann heißt der Übungsleiter Klaus Michael Grüber.

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