Kultur : "Das Fest": Dänen lügen nicht

Es ist Mode geworden, auf dem Theater Filmstoffe nachzuspielen, ob Kaurismäki, Fellini oder Kubrick. In Dortmund kam jetzt "Das Fest" auf die Bühne, eine Adaption des berühmten dänischen Dogma-Films von Thomas Vinterberg.

Es war eine Entdeckung Freuds, dass das Heim übers Heimliche ins Unheimliche weist, eine Angstgewissheit, die auch das Setting für Vinterbergs Film abgab. Es ist der sonst eher introvertierte Sohn Christian, der auf der pompösen Familienfeier zum 60. Geburtstag des Vaters diesen bezichtigt, "Sex mit seinen lieben Kinderchen" gehabt zu haben, als sie klein waren. Zwischen den Familienmitgliedern - Vater, Mutter, Schwester Helene, Bruder Michael - herrscht kalte Aggression, vernebelt von schuldhaften Gedanken an die zweite Tochter Linda, die Selbstmord beging. Weil sie missbraucht wurde? Michael widerspricht Christians Anklage - alles Einbildung, Provokation?

Man hat "Das Fest", das 1998 in Cannes den Großen Preis der Jury gewann, als Meisterwerk der Gruppe "Dogma 95" gesehen, jenem Manifest, in dem Vinterberg, Lars von Trier und zwei weitere dänische Filmemacher sich zu rigorosem handwerklichen Purismus verpflichteten: Originalschauplätze, Handkamera, kein Kunstlicht, kein Spundtrack, keine Tricks usw. Die Theaterfassung des Films, die nun in Dortmund uraufgeführt wurde, zeigt ebenfalls Bemerkenswertes. Der Wegfall von schwankender Nahoptik, kurzen Schnitten und schnellen Schwenks lässt ein Drehbuch erkennen, das alle Qualitäten eines guten Kammerspiels besitzt: lebendige Sprache, schnelle Dialoge, scharf gezeichnete Charaktere, konzentrierte, auf vielen Ebenen schwingende Handlung. Eine atemlose Geschichte.

Michael, der zunächst Christian mit Gewalt aus dem Festsaal entfernt, fällt später selbst, und zwar physisch, über den Vater her, die Schwester bringt einen "Fremden", einen schwarzen Liebhaber mit, zuletzt ist der Vater unterworfen und die Familie setzt sich zum friedlichen Frühstück - vieles erscheint wie eine Paraphrase auf Freuds "Totem und Tabu": Urvatermord durch die "Brüderhorde", Inzestverbot, die Verklammerung von Opfer und Fest. Das dänische "Dogma" ist auch ein Beitrag zur Realismusdebatte, die derzeit im Theater geführt wird.

Die Filme der jungen Dänen suggerieren, die Schranke zwischen Kunst und Leben könne durch eine Art technischer Ehrlichkeit überwunden werden. Tatsächlich macht der Film "Das Fest" durch seine atemberaubende Nähe und Unübersichtlichkeit den Zuschauer glauben, selbst anwesend zu sein. "Dogma" bringt durch die Reduktion der Technik den Film ein Stück weit dorthin, wo Theater immer schon ist - in der Unmittelbarkeit. Das heißt: Gegenüber dem Film muss Theater weiter gehen. Aber geht der junge Dortmunder Regisseur Burkhard Kosminski weit genug?

Er setzt Spieler und Zuschauer in denselben Raum, gemeinsam auf die Bühne. Doch eine besondere, gar schmerzliche Nähe zum Geschehen entsteht dadurch nicht. Das Dortmunder Ensemble ist ausgezeichnet geführt und gut disponiert wie selten, die beständige Unterspannung des Spiels unterstützt die alltagssprachlichen Dialoge und erzeugt den Anschein von Spontaneität in allen Situationen. Hier merkt man Kosminskis amerikanische Bühnenerfahrung. Doch sind dies im Grunde konventionelle Theatermittel, die am Ende den Film nur nachstellen - und damit hinter ihm zurück bleiben. Die Unentwirrbarkeit der Wahrheit der Familie, die Vinterbergs Film bot, erreichen sie nicht. Der Triumph der Jungen ist der Sieg der Besseren; vor ihnen hat, anders als im Film, niemand Angst. Und wenn die Schauspieler, die Gäste des Fests, auf den Gitterstegen und Treppen hin- und herlaufen, zerreißen sie eher die Atmosphäre, als dass sie sie verdichteten.

Das Theater traut sich selbst nicht mehr. Es bewundert das Kino und ahmt es deshalb nach. Aber Karaoke macht noch keinen Star. Autor: Ulrich Deuter

Das Fest", zum zweiten: Regisseur Michael Thalheimer hat in Dresden einen heftigen Zugriff auf Vinterbergs Drehbuch unternommen. Indem er eigene Theatermittel benutzt, kommt er der verstörenden und emotional verdichtenden Wirkung des Filmes auf seine Weise recht nahe. In das Dresdner Schlosstheater, zwischen die teils noch unverputzten Steinmauern der Schlosskapelle, hat Bühnenbildner Olaf Altmann eine Festtafel gebaut. Dort sitzt, sich gemeinsam mit den Schauspielern durch mehrere Gänge speisend und trinkend, ein Großteil des Publikums. Die Spannungslosigkeit der Auftisch- und Abräumszenen steht dabei im Gegensatz zu einem heftigen, oft von Filmmusik untermalten, affektgeladenen, überbordenden, expressiven Spiel - was eigentlich allen "Dogma"-Regeln widerspricht.

Wie sich die Dresdner Schauspieler zugleich in ihre Rollen werfen, sie aber in der Verkörperung auch ausstellen, also in aller Heftigkeit sich durchaus vom Leibe halten, wie sie mit großer Bewusstheit Theater vorspielen, das zieht den Zuschauer mit allen Sinnen ins Geschehen. Wunderschön, wie die Ankunft der Festgäste auf der großen Treppe in bewegten Theaterbildern arrangiert wird. In Dresden hat man klugerweise auf alle Außenszenen verzichtet. Auch die tote Schwester tritt nicht auf.

Die riesige Entfernung zwischen dem vergewaltigten Sohn am einen Ende und dem Vater am anderen Ende der Tafel wird manchmal von Videoaufnahmen überbrückt. Ein Festgast projiziert über den Kopf des Sohnes Bilder des Vaters von der Festtafel, aber auch Indianerspiele der Kinder mit dem Vater aus scheinbar behüteter Kindheit werden gezeigt.

Es wird viel geschrieen, die Emotionen und sexuellen Aktionen werden manchmal sogar direkt auf dem Tisch vor dem Publikum ausgespielt. Und doch wirkt diese Inszenierung in all ihrer Heftigkeit nie hektisch oder äußerlich. Es ist eine sensible, jede Figur genau untersuchende Inszenierung. Der dramatische Enthüllungsvorgang präsentiert nicht nur eine Tat, sondern vielerlei Haltungen - zum Verbrechen, zur Welt, oder zu sich selbst. Das macht die sensible Dresdner Version von "Das Fest" so spannend. Autor: Hartmut Krug

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