Kultur : Das Fest der Diebe

Auf der Suche nach der verlorenen Kindheit: Roman Polanski verfilmt „Oliver Twist“ neu

Christina Tilmann

So ein Gesicht, ein blasses, schmales, melancholisches, ein Gesicht mit Augen groß wie die Welt, ein Gesicht, durch das man durchzusehen meint bis auf den Grund des Elends, so ein Gesicht ist ganz ungemein praktisch. Finden die Jungs im Waisenhaus und schieben Oliver Twist (Barney Clark) vor, damit er beim gefürchteten Direktor um einen Nachschlag bittet. Findet auch der Sargtischler, bei dem Oliver in Lehre geht, und macht ihn kurzerhand zum Begräbnisdiener. So ein Gesicht kann nicht lügen, denkt der Philanthrop Mr. Brownlow und glaubt Oliver, obwohl der einen Scheck nicht zurückgebracht hat. So ein Gesicht: das größte Kapital.

Doch verrät ein Gesicht wirklich etwas über den Menschen? Nehmen wir den Hehler Fagin. Die Nase dick und fettig, das Haar dünn und strähnig, der Bart verfilzt, der Blick verschlagen. Ein Schlitzohr, ein Gauner, wie er im Buche steht. Immer in Gefahr, zur antisemitischen Karikatur zu geraten, der ewige Jude, ruhelos und gierig – wie in David Leans herausragender Verfilmung von 1948, in der Alec Guinness die Rolle spielte.

In Roman Polanskis berührender Neuverfilmung, die am Donnerstag ins Kino kommt, wühlt Fagin (Ben Kingsley) in seinen Schätzen, ergötzt sich an Gold und Geschmeide, schickt die Kinder auf die Straße, beutet sie aus. Und bietet ihnen, seltsam genug, doch einen Heimathafen: sein Diebeslager, in Londons hässlichster, ärmlichster Ecke, ist eine Schatzkammer aus Tausendundeiner Nacht. Die Rollenspiele, mit denen die Kinder das Stehlen lernen sollen, sind ein einziger großer Spaß. Hier lacht man und tollt und bekommt Warmes zu essen und Gesellschaft, Gemeinschaft, Geborgenheit. Die Waisenkinder, die bei Fagin unterkommen, haben Glück im Unglück.

Ein Diebesnest als Heimat, ein Waisenhaus als Hölle, ein Gauner als Vaterersatz: Die Welt ist aus dem Lot, bei Charles Dickens. Schließlich ist es Fagin, dessen Ende uns zu Tränen rührt: ein erbärmliches, schreckliches Ende, ein greinender, stammelnder Greis, am Rande des Irrsinns, der im Gefängnis seine Hinrichtung erwartet. Nicht der brave Oliver hat unser Herz berührt, der nach unendlichen Prüfungen schließlich sein warmes, bequemes Heim gefunden hat, ein Bürgerheim vor den Toren von London, mit Garten, Federbett und Bibliothek – da mag er bei seinem letzten Besuch bei Fagin noch so vom Glauben predigen und den verirrten Sünder auf den rechten Weg weisen wollen. Das Opfer, der unendlich komplexere Charakter, der tragische Held, sitzt in eine Decke gehüllt in der Todeszelle. Was ihn umbringt, sind die Verhältnisse.

Das klingt moralisierend, nach Prüfung und Läuterung, nach erbaulicher, leicht antiquierter Jugendunterhaltung, und ist doch im Grunde unmoralisch. Denn nicht die Guten und die Bösen bekommen am Ende ihre gerechte Belohnung oder Strafe, es gibt nur Opfer der Verhältnisse. Nicht der Mensch selbst ist gut oder böse, erst die Umstände machen ihn dazu, sagt Dickens. Da kann der gutmütige Sargtischler aus Not zum Tyrannen werden, und die Hure zur Heiligen. Das Interesse, das Mitleid gilt den verlorenen, den gebrochenen Seelen. Sie können, wie der Gauner und Mörder Bill Sykes, monströse Größe erlangen, oder, wie Fagin, ganz erbärmlich enden.

Hier auch setzt Roman Polanski an. Nach seinem Welterfolg „Der Pianist“ 2002 ist der Jugendbuchklassiker „Oliver Twist“ eine überraschende Wahl – und doch eine höchst konsequente. Denn es steckt viel vom „Pianisten“ in dem Film: die trostlosen, kalten Straßen, die verlorene Hauptfigur, ausgestoßen und verfolgt, die ganze Einsamkeit eines Kindes in einer Welt, die sich mit grausamer Konsequenz zum Schlechten wendet. Das fängt schon bei den Farben an, jenen düster-schlammigen Braun- und Grautönen, in denen der ganze Film gehalten ist, kaum je ein Licht- und Sonnenblick. Die blühende englische Landschaft, das Sommerglück, von Polanski 1979 in seiner Thomas-Hardy-Verfilmung „Tess“ gefeiert, ist ewigem Regen gewichen. Die ganze Welt versinkt in Schlamm.

Er habe, nach „Der Pianist“, einen Film für seine Kinder drehen wollen, hat Polanski gesagt. Doch es ist, trotz herausragender Kinderdarsteller – allen voran der 12-jährige Barney Clark – kein Kinderfilm geworden. Und, trotz erstaunlicher Texttreue, weit mehr als eine vorweihnachtliche Literaturverfilmung. Und, auch wenn die Londoner Elendsquartiere aufs Schönste im nebligen Prag nachgestellt wurden, erst recht kein Kostüm- und Kulissenfilm. Denn ob die Darsteller nun Lumpen des 19. Jahrhunderts tragen oder heutige, ob sie Brieftaschen stehlen oder Kreditkarten, im Waisenhaus sitzen oder im Asylantenheim, eine Diebesbande sind oder ein organisierter Kinderring, ist einerlei. London, Rio oder Mexiko: Kinderelend, Kinderarmut, Kinderarbeit ist kein Thema von gestern.

Das Beklemmende, Albtraumhafte des Films kommt nicht von ungefähr. Schon als Kind hat sich Polanski für Dickens begeistert. Beiden wurde die Kindheit gestohlen: Dickens musste als Zwölfjähriger in einer Schuhputzmittel-Fabrik arbeiten, Polanski hat als Kind Flucht und Vertreibung erlebt, das Elend des Warschauer Ghettos, die Schrecken der Verfolgung durch die Nationalsozialisten, den Abtransport der Mutter nach Auschwitz. Das Leben des in Paris geborenen, in Polen aufgewachsenen, 1967 in die USA ausgewanderten, heute in Paris lebenden Regisseurs gleicht einer Folge von Katastrophen: der Verlust fast der ganzen Familie im Holocaust, die brutale Ermordung seiner Frau Sharon Tate 1969 durch Angehörige der Bande von Charles Manson, die Verurteilung in den USA wegen Verführung einer Minderjährigen – bis heute darf er das Land nicht betreten. Eine Lebensgeschichte, wie von Charles Dickens erfunden.

All das wird weder an- noch ausgespielt, im Gegenteil: Der Film, der Regisseur nehmen sich sehr zurück, erreichen eine stille, kalte Wucht. Die grausame Welt des Charles Dickens, wo Kinder ihre Eltern verlieren und die freundliche Prostituierte Nancy (Leanne Rowe) brutal ermordet wird, wo immer wieder jemand zu Unrecht verdächtigt wird und vor Gericht mit den schlimmsten Strafen bedroht, wo Krankheit und Elend, Tod und Todesstrafe an jeder Ecke lauern: Sie wirkt in Roman Polanskis Augen überhaupt nicht historisch, nach 19. Jahrhundert, sondern sehr heutig und sehr nah dazu. Frohe Weihnachten.

Ab Donnerstag in den Berliner Kinos Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmkunst 66, Hackesche Höfe (OmU) und Kino in der Kulturbrauerei

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