Das Festival "Female Voices of Iran" : Zwischen den Meeren

Nach der Islamischen Revolution durften Frauen im Iran nicht alleine in der Öffentlichkeit singen. Jetzt bringt das Festival „Female Voices of Iran“ Musik aus diesem fremden, faszinierenden Land nach Berlin.

Von Tobias Richtsteig
Shadi Behyar singt an diesem Samstag, 18.3.2017, um 19 Uhr Pop auf Farsi und Kurdisch.
Shadi Behyar singt an diesem Samstag, 18.3.2017, um 19 Uhr Pop auf Farsi und Kurdisch.Foto: Zeitgenössische Oper Berlin

Und dann dringt ein Breakbeat durch die Klangwolken der Geigen und Flöten dieses Orchesters. Dicht gedrängt sitzen die rund 40 Musikerinnen und Musiker mit ihren Instrumenten, die Geychak heißen, Kamanche, Tar und Santoor auf dem Podium. Aber auch Cello, Trompete und Bassklarinette sind zu sehen. Hinten ragt wie eine gigantische Triangel eine silberne Bass-Querflöte auf. Links pulsiert, gut hinter Vibrafon und Marimba versteckt, ein handelsübliches Schlagzeug. Und von dort aus entwickelt sich ein schnell getakteter Dialog mit der knarzenden Bassklarinette, bis schließlich ein Dutzend Frauenstimmen sich einmischt und im kraftvollen Unisono das Stück zum Finale führt. Es spielt das „Female Voices of Iran Orchestra“, das hier seit einer Woche probt.
„Die Idee des Festivals war, eine Brücke zu bauen“, sagt Yalda Yazdani, die Kuratorin des dreitägigen Festivals „Female Voices of Iran“, das noch bis Sonntag in der Villa Elisabeth stattfindet. „Wir wollten diese Musikerinnen und Musiker aus dem Iran und Deutschland zusammenbringen und Musik der ganzen Welt zeigen“. Yazdani ist selbst Sängerin, studierte in Teheran klassische persische Musik, unter anderem auch das Spiel auf der Tar, deren Klang mal an ein Hillbilly- Banjo, dann wieder an eine indische Sitar erinnert.

Wehmütige Melodien unter Stuck

Als Musikerin auftreten kann sie aber im Iran kaum, und so lernte sie auf Tourneen Deutschland kennen. Derzeit arbeitet sie in Köln an ihrer Doktor-Arbeit als Musikethnologin. Schon seit 2009 erforscht sie die Rolle des weiblichen Gesangs in der Musik des Iran und besucht Sängerinnen in dem multi-ethnischen Staat zwischen Kaspischem Meer und dem Golf von Persien. Elf dieser außergewöhnlichen Frauen hat sie eingeladen. Im Iran wäre ein solches Treffen derzeit wohl noch nicht möglich. Am Donnerstagabend eröffneten die „Female Voices of Iran“ im vollgepackten Saal. Wer keinen Sitz mehr fand, nahm auf einem Teppich rund um die Bühne Platz.
Dort treten nacheinander drei sehr unterschiedliche Sängerinnen mit ihren Gruppen auf. Zuerst Haleh Seyfizadeh, die begleitet von Tar, Oud und einer Tombak-Trommel alte persische Lieder in neuen Arrangements singt. Unter dem Stuck entfalten die wehmütigen Melodien ihr eigenes erzählerisches Universum. Überraschend nach der Pause der Auftritt von Golnar Shahyar, die mit ihrem Trio aus Wien angereist ist. Im bunten Blumen-Dress präsentiert sie Lieder auf Persisch und Englisch, irgendwo zwischen Folklore und Jazz. Und nicht nur das Publikum folgt ihren Improvisationen gebannt: Auch die anderen Sängerinnen sind fasziniert von der Kollegin, die als Jugendliche nach Kanada gegangen war und nun so souverän Zeitgenössisches und Tradition zusammenbringt. Als dann die Kurdin Jivar Sheikholeslami mit ihrem achtköpfigen Ensemble junger Frauen auftritt, wandelt sich das Ganze endgültig zu einer großen Feier, bei der alle zum Mitklatschen eingeladen sind.

Marimbaphon, Trompete, Laptop

Die Brücke, von der die Kuratorin Yaldar Yazdani spricht, ist nämlich ausdrücklich nicht als Einbahnstraße gedacht: „Wir wollen nicht generalisieren, es geht nicht um ,die Frauen’ oder ,die Kultur’. Sondern wir stellen die persönlichen Geschichten in den Mittelpunkt: die einzigartigen Persönlichkeiten.“ Zum Beispiel im Podiumsgespräch am Samstag Vormittag, wo die Sängerinnen in Filmportraits vorgestellt werden. Oder im Matinee- Konzert am Sonntagmorgen, wo die Musikerinnen und Sängerinnen aus den verschiedenen Regionen des Iran in kleinen Gruppen miteinander improvisieren. In solchen Kammer-Ensembles haben sie schon in der zurückliegenden Probenwoche zusammengefunden, unter der Leitung von Cymin Samawatie. Sie schrieb auch die Musik für das „Female Voices of Iran Orchestra“, das zum Abschluss am Sonntagabend noch einmal alle 60 Beteiligten zu einem gemeinsamen Konzert auf die Bühne bringt.
Samawatie gehört für das Berliner Publikum zu den bekannteren Namen, sie hat mit ihrem „Diwan der Kontinente“ schon bei den „Nächten des Ramadan“ und auch dem Jazzfest 2015 ein Ensemble zusammengebracht, das aus der Vielfalt der in Berlin ansässigen internationalen Improvisations- bzw. Jazzszene schöpft. Von der Marimbaphonistin Taiko Saito über die Trompeterin Liz Allbee bis zum Laptop-Virtuosen Korhan Erel reicht die Bandbreite der Musiker. Auch Martin Stegner ist dabei; er spielt sonst Bratsche bei den Berliner Philharmonikern. Für das bunt gemischte Orchester ein abendfüllendes Programm zu komponieren, sei die bisher größte Herausforderung gewesen, sagt Samawatie.
Immerhin konnte auch sie die iranischen Musikerinnen und Musiker erst im Lauf des Workshops kennenlernen. Doch schon in den Proben wird hörbar, dass es ihr gelingt, die verschiedenen musikalischen Sprachen miteinander ins Gespräch zu bringen. Als Komponistin spielt sie ihren Anteil dabei herunter: „Das Konzert ist nur ein Teil. Das Spannende ist der Prozess, der stattgefunden hat. Wie aus über 50 sehr individuellen Musikern ein Ganzes geworden ist. Das ist es, was sich dann auch in dem Konzert widerspiegelt“.

Das komplette Programm des Festivals unter www.zeitgenoessische-oper.de

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