Kultur : Das Fiberglasperlen-Spiel

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Sie kam als Malerin nach Deutschland und ging als Bildhauerin nach Amerika zurück. In ihrem Geburtsland geschah der künstlerische Durchbruch. Von hier war sie 1938 als zweijähriges Kind mit den Eltern nach Amsterdam und später nach New York geflohen. Im Sommer 1964 kehrte sie mit ihrem Mann, dem Bildhauer Tom Doyle, zu einem 14-monatigen Stipendiatenaufenthalt nach Kettwig an der Ruhr zurück, ermöglicht vom Industriellen Friedrich Arnhard Scheidt. In einer alten Textilfabrik wandte sich Eva Hesse dreidimensionalen Objekten zu und entschied sich endgültig für die Bildhauerei.

Dieser nur zehn Jahre währende künstlerische Weg ist jetzt auf sehr eindringliche Weise im Museum Wiesbaden nachzuvollziehen. Eva Hesse umweht der Mythos der früh vollendeten Künstlerin. Gerade 34 Jahre alt war sie, als sie 1970 an einem Hirntumor starb und ein umfangreiches Oeuvre hinterließ: 100 Skulpturen, 850 Zeichnungen und 111 Gemälde. Dennoch ist sie heute nur noch Eingeweihten ein Begriff. Entsprechend rar ist sie in Museen vertreten. Immerhin besitzt Wiesbaden mit einem Dutzend Hesse-Werken die größte europäische Sammlung der Künstlerin. Nun organisierte das vor allem für seine Jawlensky-Kollektion bekannte Haus mit rund 125 Werken die erste umfassende Hesse-Retrospektive in Deutschland.

Ein schwieriges Unterfangen, da Hesse eine Vorliebe für fragile Materialien wie Latex und Fiberglas hatte. Die großzügig über 17 Museumssäle verteilte Schau konnte nur mit einem amerikanischen Partner realisiert werden, dem San Francisco Museum of Modern Art, der ersten Station. Im Anschluss an Wiesbaden wurde mit der Londoner Tate ein weiterer namhafter Ausstellungsort gewonnen für Hesses verschlungenen künstlerischen Weg. Denn die Schülerin des einstigen Bauhäuslers Josef Albers begann ganz konventionell mit figürlichen, später konstruktiven Gemälden. Ihre ersten Bilder von hohläugigen Mädchenköpfen vermitteln Schmerz und Melancholie, die Malerei war ihr ein Seelenspiegel für den Selbstmord der Mutter, für Krankheiten und Ängste. Aber das ebenso verzweifelte wie verquälte Ringen mit der Malerei verlor sie – und gewann dafür in Deutschland die dritte Dimension.

Fortan experimentierte Eva Hesse mit Materialabfällen der Weberei, drehte Schnüre zu konzentrischen Kreisen oder ließ einen Metallbolzen aus einer Spanplatte ragen. Ihre grotesken Formen beinhalten auch unverblümte erotische Anspielungen. Hesse sprühte vor Ideen, versah ihre Werke mit lautmalerischen oder gar an alte Kulturen erinnernden Titel. Dabei waren die grafischen Elemente durchaus noch spürbar, auch wenn der erste Schritt in den Raum getan war. So ließ sie in Spanplatten einfache Drähte ein, die wie Haltegriffe wirken. Ähnlich „Hang up“ von 1966: aus einem leeren Bilderrahmen wuchert von einer Längsseite zur anderen ein Schlauch und ragt dabei auch in den Raum. Das Bild verschiebt sich zur Skulptur, Hesse wurde zur Bildhauerin. Ab 1967 experimentierte sie mit Latex und Fiberglas, fertigte Würste, Schläuche und Ballons. Ihr Materialwitz machte Furore und der Körper feierte fröhliche Wiederkehr – sicher eine Reaktion auf die nüchterne Ästhetik ihrer männlichen Kollegen Sol LeWitt und Mel Bochner.

Eva Hesse füllte das minimalistische Konzept mit sinnlichem Leben. Folglich wird sie heute als Vorreiterin einer weiblichen Ästhetik gefeiert, ihre Vorliebe für das Wechselspiel von Ordnung und Chaos, Planung und Zufall, geometrischer und amorpher Form ins Feld geführt. Bestes Beispiel ist „Metronomic Irregularity I“ (1966), das zwei Holzplatten durch ein Gewirr von Drähten verbindet. Selbst in den etwas früheren Maschinenzeichnungen mit den kruden Formen und Körpern blitzt eine surreale oder gar erotische Phantasie auf. Allerdings widmete sich Eva Hesse in den letzten Jahren zunehmend der präzisen Geometrie. Die spröde Reihung und Wiederholung verdrängte das Organische, sichtbar in den quadratischen, hautfarbenen Kästen aus Fiberglas oder den stählernen Kuben mit kurzen Gummischläuchen.

Ohnehin reizten sie die Gegensätze zwischen harten und biegsamen Materialien. Als Hesse starb, war ihr Oeuvre noch nicht abgeschlossen, über die weitere Entwicklung lässt sich nur spekulieren. Doch die Wiesbadener Schau zeigt ihr reiches Werk mit vielfältigen Einflüssen von Louise Bourgeois bis Bruce Nauman. Deutlich wird auch, wie sehr heute noch die Objektkunst von Eva Hesses Erfindungen zehrt.

Diese sehenswerte Würdigung war überfällig und rückt die Künstlerin zumindest während der Kasseler Documenta 11 ins rechte Licht. Denn als Hesse 1964 nach Deutschland kam, ließ sie sich auch von der Documenta 3 inspirieren. Und nach ihrem Tod wurde sie 1972 auf der Documenta 5 vorgestellt. Christian Huther

Museum Wiesbaden, bis 13. Oktober.

Katalog 30 Euro.

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