Das Filmfest in Karlovy Vary wird 50 : Hinter dem gläsernen Vorhang

Sehr junge Zuschauer und eine bis heute aktive 82-jährige Inspiratorin: So präsentiert sich das Filmfest im tschechischen Karlsbad, das Eva Zaoralová einst aus dem kaputten Kommunismus in die Moderne rettete.

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Tschechischer Oscar. Die Siegertrophäe des Filmfestivals im ehemaligen Karlsbad ist ein Kristallglobus, der von einer modernistischen Schönheit getragen wird.
Tschechischer Oscar. Die Siegertrophäe des Filmfestivals im ehemaligen Karlsbad ist ein Kristallglobus, der von einer...Foto: imago/CTK Photo

Karlovy Vary, das unbekannteste unter den weltberühmten Filmfestivals, muss man sich als ein Cannes des ganz nahen Ostens vorstellen. Das tschechische Städtchen, nur 80 Kilometer südlich von Chemnitz hinter dem gläsernen Vorhang gelegen, hat zwar kein Mittelmeer, wohl aber den malerischen Zusammenfluss von Tepl und Eger vorzuweisen. Zum Filmfest, bei dem statt der Palme ein Kristallglobus vergeben wird, kommen zwar nicht wie in Cannes 30 000 dauertelefonierende Profis, die die örtliche Bewohnerzahl um die Hälfte nach oben treiben. Aber ein Viertel seiner Kopfzahl packt sich auch Karlovy Vary („Karls heiße Quellen“ alias Karlsbad) alljährlich oben drauf, zu den neun tollen Tagen Anfang Juli.

Die Rucksackleute haben das Festival gerettet

Ganz anders aber als in Cannes gehört nur ein minderer Teil der 12 000 cineastischen Sommergäste zur Filmbranche. Der Rest sind überwiegend Studenten aus ganz Tschechien: Ausgestattet mit Dauertickets, die umgerechnet maximal 33 Euro kosten, fluten sie die Stadt. „Das sind die Kinder der Rucksackleute, die uns vor zwanzig Jahren gerettet haben“, sagt Eva Zaoralová, die bis 2010 künstlerische Leiterin war und heute Beraterin des Festivals ist.

Nach dem Crash des Kommunismus gingen zunächst die staatlich gesteuerten Festivalstrukturen kaputt, dann wollten manche Filmleute die Sache lieber in Prag hochziehen, und für kurz Zeit verlor Karlsbad sogar den für Top-Festivals wichtigen A-Status an die neue Konkurrenz. Aber die Kritiker und auf einmal auch die ganz jungen Leute hielten Karlsbad die Treue. „Wir dachten, der richtige Platz ist hier“, sagt Zaoralová - und mit "wir meint sie den populären Schauspieler und Festivaldirektor Jiří Bartoška und sich selbst, beide damals, 1994, absolute Anfänger im Filmfestgeschäft.

Eva Zaoralová leitete von 1994 bis 2010 das Karlovy Vary International Film Festival und will auch weiterhin aktiv bleiben – "solange ich nützlich sein kann", wie sie selbst sagt.
Eva Zaoralová leitete von 1994 bis 2010 das Karlovy Vary International Film Festival und will auch weiterhin aktiv bleiben –...Foto: KaterinaxSulova

Die „alte Dame“, so nennt sich die äußerst rüstige 82-Jährige charmant, ist die Seele dieses Festivals – und in der Biografie dieser standfesten Frau, die hinter ihrer schwarten Brille nur so lange streng wirkt, bis sie höchst liebenswürdig zu parlieren beginnt, spiegelt sich die wechselvolle Zeitgeschichte Tschechiens und auch des merkwürdig alterslosen Filmfests. Seine 50. Ausgabe in dem eleganten Kurort feiert es in diesen Tagen; bereits im Sommer 1946 aber fand es erstmals statt, ein paar Wochen vor der ersten Ausgabe von Cannes. Flaniert man dagegen heute durch die am Festivalzentrum gelegenen Parks, in denen junge Leute zu Hunderten in Grüppchen lagern, fühlt man sich wie in einem sommerlichen Rockfestival – ohne Musik.

Zaoralová: das Filmfestival in Moskau "nicht wichtig"

Knapp 20 Jahre also, seit der Gründung gerechnet, war Karlsbad ohne Filmfest. Schon in den fünfziger Jahren, die seit 1948 regierenden Kommunisten hatten es zur sowjetischen Vasallenveranstaltung getrimmt, fiel es zweimal aus. Dann aber rutschte es, für über drei Dezennien, in einen Zweijahresrhythmus. Kaum hatte man 1957 bei der Weltfilmproduzentenvereinigung FIAPF den begehrten A-Status erreicht, der für Wettbewerbe nur Uraufführungen und internationale Premieren zulässt, musste Karlsbad sich das Privileg mit Moskau teilen: Für die FIAPF waren zwei Topfestivals pro Jahr im Ostblock eins zu viel. 1994 aber endete die Demut: Bartoška und Zaoralová reisten nach Moskau und verkündeten dort den jährlichen Rhythmus für Karlsbad. Drei Jahre später, die Konkurrenz in Prag hatte sich selbst erledigt, war auch der A-Status wieder da.

Beim Filmfestival in Moskau, das sie im Gespräch beiläufig „nicht wichtig“ findet, war Eva Zaoralová allerdings nie. Nicht aus explizitem Boykott, sagt die Ex- Filmkritikerin, der zweimal ebenso nachdrücklich wie vergeblich der Eintritt in die Kommunistische Partei nahegelegt worden war. Sondern weil mit Galina Kopaneva eine renommierte Redaktionskollegin der Zeitschrift „Film a doba“ (Film und Zeit) stets nach Moskau fuhr. Mit ihr hat Zaoralová zum Karlsbad-Neubeginn der neunziger Jahre die Reihe „East of the West“ aus der Taufe gehoben, bis heute ein Aushängeschild des Festivals mit zahlreichen Filmen aus Ostblockstaaten und den nach dem Zerfall der Sowjetunion neu erstandenen Ländern, von der Ukraine bis Tadschikistan.

"Alles in meinem Leben geschah ein bisschen zufällig"

Eher zufällig – und heiter sinnfällig – kam die Architektentochter Eva Zaoralová, die Romanistik studiert und als Übersetzerin zu arbeiten begonnen hatte, zum Film: als Komparsin. Bei einem Dreh lernte die Studentin einen Kommilitonen der Prager Filmschule FAMU kennen, in deren Hauskino sie sich durch den Kanon der Filmgeschichte guckte. „Alles in meinem Leben geschah ein bisschen zufällig“, sagt sie in fließendem Französisch mit stets kräftig rollendem R, und immer wieder löst sie einen Gedanken in ein zartes, über sich selbst staunendes Lachen auf.

Drei Ehen  und ein ganzes Arbeitsleben hatte sie hinter sich, als sie, mit 62, in Karlsbad 1994 noch mal richtig loslegte, satte 16 Jahre lang. Als junge Frau hatte sie autodidaktisch Italienisch zum Französischen hinzugelernt, arbeitete bei einer Frauenvereinigung und wurde von der linken „Unione delle donne italiane“ zu Tagungen eingeladen; in Italien auch erfuhr sie im August 1968 von der Invasion der Warschauer-Pakt-Staaten in ihre Heimat Tschechoslowakei – natürlich reiste sie zurück zu ihrer Familie, zu Eltern, Mann und kleiner Tochter.

„Ich war zu feige, in die Opposition zu gehen wie Vaclav Havel“, sagt Eva Zaoralová mit der selbstkritischen Gelassenheit eines Menschen, der mit sich im Reinen ist. Jede Nummer von „Film a doba“ musste im Zensurbüro vorgelegt werden, der Abdruck von Drehbüchern plötzlich „revisionistischer“ Regisseure wie Juraj Jakubisko oder Juraj Herz wurde gekippt, und das Karlsbader Festival durfte man sowieso nicht kritisieren, weshalb nur Fotos und Filmtitellisten ins Heft kamen. Den Rest besorgte, sagt sie, „die Selbstzensur“. Zaoralovás "Passion" und kreative Kompensation wurden da die Übersetzungsarbeiten, von Pierre Daninos bis Dino Buzzati. "Normalisierung" wurden, schwer beschönigend, die bleiernen Jahrzehnten nach dem niederkartätschten Prager Frühling genannt, und auch vom staatlich gelenkten Festival in Karlsbad gingen keine nennenswerten Impulse aus.

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