Das Finale : Schönheit und Schrecken

Kindheit ist Trumpf beim 36. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Die Siegerin: Olga Martynova.

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Einer von 14. Gunther Geltinger verfolgt nach seiner Lesung die Jurydiskussion. Beim dreitägigen Wettbewerb trägt jeder Kandidat Unveröffentlichtes vor, maximal 30 Minuten. Foto: dapd
Einer von 14. Gunther Geltinger verfolgt nach seiner Lesung die Jurydiskussion. Beim dreitägigen Wettbewerb trägt jeder Kandidat...Foto: dapd

Die Frage ist in den vergangenen Jahren häufig gestellt worden, gerade von denen, die regelmäßig in Klagenfurt sind: Verdient der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eigentlich die Aufmerksamkeit, die ihm im Literaturbetrieb und auch darüber hinaus entgegengebracht wird? Was das Dargebotene aus der jüngeren deutschsprachigen Gegenwartsliteratur betrifft: nicht immer. Hinsichtlich des Ablaufs mit den halbstündigen Lesungen und der jeweils anschließenden Jurydiskussion, drei Tage lang live von 3sat übertragen: unbedingt!

Schaut man sich zudem die Preisträger und alte Teilnehmerlisten an, sind viele der heute verdientesten Kräfte der deutschsprachigen Literatur dabei. Von Sibylle Lewitscharoff (1998) bis zu Uwe Tellkamp (2004), von Ingo Schulze über Jenny Erpenbeck, Thomas Hettche und Antje Rávic Strubel bis Arno Geiger, um nur ein paar zu nennen. Gern wird da mal von der „ältesten Castingshow des Fernsehens“ gesprochen, dabei ist der Bachmann-Wettbewerb zugleich die erfolgreichste Castingshow. Er produziert nachhaltigeren Ruhm als die Gesangsformate im Privatfernsehen.

Insofern ist über diese 36. Ausgabe des Bachmann-Lesens, die nicht als eine der besten in die Geschichte eingehen wird, das letzte Urteil noch nicht gefällt. Wie durchwachsen der Wettbewerb war, stark im Mittelfeld, aber mit deutlichen Ausschlägen nach unten, das machte am Sonntagvormittag allein die Abstimmung deutlich. Die siebenköpfige Jury benannte für den mit 25 000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis 2012 gleich fünf Kandidaten und musste mehrere Stichwahlen absolvieren.

Immerhin stand die seit 1991 in Deutschland lebende Russin Olga Martynova, die als Literaturkritikerin auch im Tagesspiegel publiziert hat, als Preisträgerin gleich im zweiten Durchgang fest. Ihre Erzählung „Ich werde sagen: ,Hi‘“ hebt sich deutlich von den anderen ab, sie ist literarisch und luftig-unterhaltsam zugleich, souverän in der Sprache und der Stoffgestaltung. Ein typischer KlagenfurtSieger-Text, der zudem durch thematische Fülle imponiert. Es geht um die Schriftstellerwerdung und das Liebeserwachen eines jungen Mannes namens Moritz, dann um die Ehegeschichte von dessen Onkel und Tante, bei denen Moritz seine Ferien verbringt, und nicht zuletzt um die Geschichte eines Provinzstädtchens, in einer (multikulturellen) Gegenwart genauso wie in der Tiefe der Zeit.

Es mag eine Ironie dieses Wettbewerbs sein, dass nach Maja Haderlap 2011 und Peter Wawerzinek 2010 erneut eine schon etwas ältere Autorin gewann: Olga Martynova ist Jahrgang 1962. Als Startrampe, von der die Autoren in den Literaturbetrieb und später auf den Buchmarkt „geschossen“ werden, wie es der Juryvorsitzende Burkhard Spinnen bei der Eröffnung nicht ganz glücklich formulierte, dürfte der Klagenfurt 2012 immerhin einigen Jüngeren dienen.

Von ihnen stammten die neben Martynova bemerkenswertesten Texte. Allen voran der 1979 in Polen geborene Matthias Nawrat, der mit „Unternehmer“ eine seltsame, postapokalyptisch angehauchte, sachte das Science-Fiction- Genre streifende und aus der Perspektive eines jungen Mädchens erzählte Familien- und Pubertätsgeschichte vorlegte. Nawrat wurde dafür mit dem zweiten, vom Stromkonzern Kelag gestifteten Preis geehrt (10 000 Euro).

Der wiederum mit dem 3sat-Preis (7500 Euro) ausgezeichnete, überzeugend vorgetragene Text der 29-jährigen Lisa Kränzler zeigt eindringlich und sprachlich präzise die Abgründe und Ambivalenzen frühkindlicher Sexualität auf, enthält allerdings etwas zu viel Kätzchenmetaphorik. (Kränzlers Auftritt hatte etwas Tragisches, denn Jan Jenrich, der Lektor ihres Texts, starb in der Nacht zum Donnerstag in seinem Klagenfurter Hotelzimmer an Herzversagen.) Um das Ende der Kindheit ging es auch in dem auf zwei Erzählebenen gekonnt gestalteten Romanauszug der Österreicherin Cornelia Travnicek. Die 25-Jährige hatte im Frühjahr mit ihrem Debütroman „Chucks“ auf sich aufmerksam gemacht; in Klagenfurt erhielt sie den Publikumspreis (von der BKS-Bank mit 7000 Euro dotiert).

Sprachlich war das Meiste tadellos – auch wenn die Jury des Öfteren geteilter Meinung darüber war, ob wie im Fall Travniceks „die Sprache als Kunstraum zu wenig erschlossen“ sei (Corina Carduff) oder man sich mit raffiniert ausgelegten Motivketten, mit unterhaltsamen Einfällen und klar konturierten Konstruktionen zufriedengeben sollte.

Inhaltlich ließ sich erstmals wieder ein richtiger Trend ausmachen. Von der ersten Lesung durch Stefan Moster, der mit „Der Hund von Saloniki“ einen solide gemachten Text über die verunglückte Reise eines 18-Jährigen nach Griechenland vortrug, bis zur letzten, missglückten und kitschigen Erzählung von Isabella Feimer musste sich die Jury mit einem stetig wiederkehrenden Thema auseinandersetzen: dem Abschied von Kindheit und Jugend, der Erinnerung daran, dem Erwachen der Sexualität. Kurz: mit Coming-of-Age-Geschichten.

Das wirkt nicht gerade gegenwartsversessen, wie es Tradition ist beim Bachmann-Lesen. Es hat aber in seiner bewussten Vermeidung einiges mit der Gegenwart zu tun, mit dem globalen Finanz- und Wirtschaftsgebaren, der ökonomischen Durchdringung des Alltags inklusive überbordenden Konsumverhaltens. Und mit einer entspannt älter werdenden Generation, die es ihren Kindern schwer macht, sich an ihr abzuarbeiten. Man könnte so vom Rückzug einer jüngeren Autorengeneration in Kindheit und Jugendzeit sprechen. Zu einem Schatz, den ihr keiner nehmen kann, der Halt verspricht – und dessen Schönheit und Schrecken gleichermaßen Mehrwert versprechen.

Ein anderer Trend deutete sich an: Der Realismus ist nicht mehr das bevorzugte Ingredienz der Literatur. Einige Bachmann-Geschichten haben etwas Surreales, begeben sich vorübergehend in Traumwelten. Bei Hugo Ramnek schlängelt sich eine Kellerechse (Symbol für sexuelles Begehren!) durch den Text, seine Protagonisten erheben sich immer mal wieder in die Lüfte. Bei Lisa Kränzler verwandelt sich das geliebte Gegenüber der Erzählerin mehrmals in eine Katze. Andreas Stichmann, der auch einen Preis verdient hätte, hält in seinem Romanauszug „Der Einsteiger“ schön die Schwebe zwischen Traum und Wirklichkeit. Nie kann man sicher sein, ob sein junger, mit der Freundin in Abbruchhäusern wohnender Held wirklich in eine fremde Wohnung einbricht und dort sehnsüchtig ein bürgerliches Familienidyll verfolgt. Oder ob er von der eigenen Familie erzählt und der kleine Junge, den er beobachtet, nicht er selbst ist.

Die 1977 geborene Berlinerin Inger-Maria Mahlke, die die gegenwärtigste Geschichte vorlegte und dafür mit dem von deutschsprachigen Verlagen gestifteten Ernst-Willner-Preis (5000 Euro) ausgezeichnet wurde, versuchte sich an einem Sprachexperiment. Ihre Erzählerin spricht sich durchweg selbst in der Du-Form an: als alleinerziehende Mutter, die beruflich eine zweifelhafte Karriere von einer Backwarenverkäuferin hin zu einer Domina macht und ihrem Sohn das zu verheimlichen versucht. Das liest sich mitunter holprig, hat aber eine eigene, leuchtende Intensität.

An den Entscheidungen lässt sich kaum herummäkeln, wie überhaupt an der Arbeit der Jury. Sie präsentierte sich so homogen wie nie, was nicht zuletzt der Schweizer Germanistikprofessorin Corina Carduff zu verdanken ist. Die Jury deutete, diskutierte, lobte, zerpflückte und beschäftigte sich selbst mit jenen Texten intensiv, die kaum langer Rede Wert waren. Als sie dann noch souverän das subtil aggressive Fotografieren des enttäuschten Autors Leopold Federmayrs über sich ergehen ließ, dem „einzigen performativen Akt dieses Wettbewerbs“, wie Carduff fast enttäuscht feststellte; als schließlich Burkhard Spinnen nach der Preisverleihung verblüfft feststellte, im Café am Lendhafen, das dem Wettbewerb als zweiter, abendlicher Schauplatz diente, enorm viele junge Menschen angetroffen zu haben, spätestens da war klar: Der Bachmann-Wettbewerb hat noch ein langes Leben vor sich.

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