Kultur : Das Fingerspitzengefühl

In der Wärme der Nacht: Lars Büchels märchenhaftes Roadmovie „Erbsen auf halb 6“ erzählt, wie zwei Blinde das Lieben lernen

Kerstin Decker

Dieser Film will alles: das Große und das Kleine, Pathos und Elementares, Buntheit und Farblosigkeit, Kunst und Kunstlosigkeit, Schnelligkeit und Langsamkeit. Und am Ende werden wir einen Film gesehen haben, der beständig: Seht her, was ich alles kann! zu rufen scheint. Und er kann es wirklich. Dennoch ist einem ein wenig übel. „Erbsen auf halb 6“ ist wie eine Torte, auf die der Konditor immer noch ein Sahnehäubchen spritzt, und wir müssen alles aufessen.

Völlerei taugt nichts im Kino. Mindestens die Hälfte der Zutaten müsste man wegnehmen, in beinahe jeder Szene. Denn das Zuviel ist eine Ursünde des Kinos: Es heißt, seiner eigenen Geschichte zu misstrauen. Dabei ist die Geschichte denkbar stark.

„Erbsen auf halb 6“ ist ein Film über Blinde. Ja mehr noch, er ist ein Film für Blinde. Das klingt wie Zynismus? Man kann niemandem etwas ganz Neues, ganz Fremdes zeigen. Man kann ihm nur zeigen, was er schon kennt. Es genügt, die Augen zu schließen, um einen Weltverlust zu spüren. Um diesen Weltverlust geht es. Er ist eine hermetische Erfahrung. Also eine unübersetzbare. Obwohl: Der Filmtitel gibt einen praktischen Hinweis auf die Alltagsbewältigung Blinder. Stell dir vor, der Teller ist ein Zifferblatt. Wo liegen die Erbsen?

In der Anfangsszene rast ein Wagen über die Autobahn, und eine junge Frau läuft durch ein Schwimmbad auf den Sprungturm zu. Beide immer im Gegenschnitt, ästhetisch sehr überhöht, Auto und Sprungturm, Mann und Frau. Beide bewegen sich auf einen hermetischen Punkt zu. In dem Augenblick, als die Frau ins Wasser eintaucht, gerät der Wagen ins Schlingern und kommt von der Fahrbahn ab. Weltaufgang und Weltverlust – manchmal ist es eine verwandte Erfahrung. Der Autofahrer kommt im Krankenhaus wieder zu sich: in der Welt der Frau. Denn die Turmspringerin ist blind, von Geburt an. Und Jakob, der Autofahrer, spürt zum ersten Mal, was ihr ganz natürlich ist: die Grenzen seines Körpers sind die Grenzen seiner Welt. In dieser hautengen Welt, darauf besteht er, hat er nichts mehr verloren.

Hilmir Snær Gudnason ist der plötzlich erblindende Theaterregisseur Jakob, der nun alle von sich stößt. Fremdweltbewohner! Der Bruch mit der Freundin ereignet sich auf der Herrentoilette des Theaters; Jakob trifft nicht einmal mehr das Becken. Ein letztes Stück hat er inszeniert. Sein Erfolg trifft ihn wie Hohn. Ein blinder Regisseur? Diesen Hochmut, die Auflehnung eines Menschen, der von einer Sekunde zur nächsten in einer ewigen Dunkelheit ausgesetzt wird, erfasst „Erbsen auf halb 6“ genau. Und beweist einen bösen Sinn für Komik. Nicht nur, dass man als Neublinder nicht mal mehr allein auf Toilette gehen kann. Es ist auch viel schwerer, von Hochhäusern zu springen. Auch ein Selbstmörder braucht ein bisschen Orientierung. Viel später wird der Beinahe-Häuserspringer Jakob der Turmspringerin Lilly sagen, woran er sich wohl nie gewöhnen wird, und wenn er hundert Jahre blind wäre: dass es nicht mehr hell wird, wenn er die Augen aufmacht. Und Lilly wird erst einmal gar nichts sagen. Denn inzwischen ist sie eine kluge Übersetzerin. Alle Liebenden werden gute Übersetzer.

Am Anfang tritt Lilly in die Welt des Neublinden als Abgesandte des Rehabilitationswesens: Blindheit ist wie ein Haus, in das Jakob einziehen muss und sie verliest schon mal die Hausordnung. Fritzi Haberlandt, die am Hamburger Thalia Theater gerade als Wedekinds „Lulu“ auf der Bühne steht, ist wunderbar als Lilly: verschroben-natürlich, mit dem ältlichen Charme eines Menschen, der sich so gut in seiner Welt auskennt, dass er sie für vollkommen hält. Erst allmählich wird Lilly auch eine gänzlich hausordnungsfremde Lebensunvernunft an den Tag legen.

Denn da hat Lillys praktisch-pragmatische Mutter Recht (gibt es etwas Furchtbareres als praktisch-pragmatische Mütter?): Was wollen zwei Blinde miteinander anfangen? Und mit Lillys sehendem Verlobten Paul (fürsorglich: Harald Schrott) fährt sie ihr schließlich bis ins ferne Russland hinterher, an einen sehr östlichen Ostseestrand. Schade, dass soviel Melodramatik, Nebenhandlungen, falsche Töne und üble Symbolik diese große, einfache Geschichte überlagern. Zwei Menschen erklären sich eine Welt. So lange, bis sie bewohnbar ist. Denn auch Lillys Naturblindenhöhle hat längst Risse bekommen. Alle sagen, ich bin schön, erklärt sie. Wer sagt dir, dass sie dich nicht belogen haben?, fragt Jakob zurück.

Dass das Kino, dieses Medium der Sichtbarkeit, das Sprache durch Bilder (teil)ersetzt, sich ausgerechnet zwei Helden sucht, die seine Welt nicht teilen können, ist mutig. Und es legt eine aufregende Doppeldeutigkeit über alles. Nicht nur als Jakob und Lilly durch Rapsfelder laufen, immer wieder ganz nah aneinander vorbei, ist die Gefahr nicht weit, dass das Poetisch-Skurrile umschlägt in Taktlosigkeit. Es passiert nie.

„Erbsen auf halb 6“ ist Lars Büchels zweiter Langfilm. Erstlingswerke sind meist Orgien des Zuviel. Zweitwerke manchmal offenbar auch. Mag sein, es schadet dem Erfolg nicht. Caroline Links „Jenseits der Stille“, das Gehörlosen-Pendant von 1996, war auch nicht frei von Puderzucker und Schokoladenüberzügen. Das Publikum liebte ihn dennoch.

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