Kultur : Das Flimmern ist die Botschaft

Nam June Paik, Pionier der Videokunst, präsentiert in der Deutschen Guggenheim Berlin sich und sein neuestes Werk

Nicola Kuhn

Eine Legende darf besichtigt werden: Nam June Paik war nicht davon abzubringen, selbst aus den USA anzureisen, um sein neuestes Werk der Öffentlichkeit zu präsentieren. Begleitet von Leibarzt, Krankenschwester und Ehefrau läßt sich der 73-Jährige in seinem Rollstuhl langsam die Treppe hinunter ins Atrium der Deutschen Bank fahren. Blitzlichtgewitter, dann spricht der „Vater der Videokunst“, wie er gerne tituliert wird, selbst: Von den Folgen eines Herzinfarkts gezeichnet, sind seine dringlichen Worte allerdings kaum zu verstehen bis auf das mehrmalige „Ich bin ein Berliner“. Beschwichtigend muss Ausstellungskurator John G. Hanhardt die Hand auf den Arm des Künstlers legen und erklärt dem verblüfften Publikum: „ Es ist eben schwierig, eine Fluxusperformance zu unterbrechen.“

Fluxus, das war jene Kunstbewegung in den Sechzigern, bei denen nicht nur Silben zerhackt, sondern auch Klaviere zertrümmert wurden – und der junge Koreaner Nam June Paik, damals noch Philosophie-Student an der Universität Köln, mittendrin. Sein Verdienst ist es, das Fernsehgerät zum Kunstwerk erhoben zu haben: mal philosophisch mit dem „TV-Buddha“, der seinem abgefilmten Selbst gegenübersitzt, mal provozierend mit dem „TV-Bra“, einem Minibildschirm-Büstenhalter, den seine Muse Charlotte Moormann als einziges Kleidungsstück bei ihrem Solokonzert für Cello trug. Längst ist gesicherte Kunstgeschichte, was einst das Publikum verstörte. Dass Nam June Paik noch immer produziert, nötigt zunächst einmal Respekt ab.

Für die Galerie Deutsche Guggenheim, die für eine ihrer drei bis vier jährlichen Ausstellungen eine Auftragsarbeit vergibt, schuf er nun „Global Groove 2004“, ein Sampling alter Werke in veränderter Konstellation, dazu die Neueinrichtung seines Klassikers „Eine Kerze“, die abgefilmt an die Galeriewände projiziert wird. Eine Legende besichtigt sich selbst, könnte man auch sagen. Und so gehörte es zu den besonders eigenartigen Momenten der gestrigen Eröffnung, wie Paik sich durch die flimmernde Welt seiner kaleidoskopartig flackernden Bildschirme schieben ließ. Die Berliner „Global Groove“-Installation geht zurück auf ein Videoband gleichen Namens, mit dem er 1973 die Zukunft des globalen Künstlerfernsehens propagierte. Produziert hatte er es für den New Yorker Sender WNET/Thirteen aus Filmen und Videobändern von anderen Künstlern – darunter Merce Cunningham und John Cage –, Werbespots und Ausschnitte aus dem regulären Fernsehprogramm.

„Open your eyes“, empfiehlt die Stimme des noch jungen Paik über Lautsprecher, darauf ertönt Beethovens „Mondscheinsonate“, gefolgt von Banjomusik und einem japanischen Kinderchor, der zu Pepsi- Cola-Werbung trällert. Die gleiche wilde Mixtur bestürmt den Besucher auch visuell: Auf den Monitoren verwirbeln sich die Bilder zu immer neuen geometrischen Mustern. Mittels Blue-Box-Verfahren tanzt vor der Skyline von New York eine Koreanerin in Nationaltracht, dann wiederum liest John Cage todernst eine höchst kuriose Anekdote vom Blatt, Trommelwirbel, sich steigernd zu abstrakten Ornamenten. Nach einer halben Stunde beginnt der Reigen von Neuem. Das kurioseste Bild aber liefert der alte, zur Passivität verdammte Paik zwischen seinen „Videowalls“, fast als wäre er selbst der Blue-Box entsprungen. Längst sind die von ihm entwickelten Verfahren Bestandteil jeder halbwegs anspruchsvollen Werbetafel, kein Club ohne Projektionen zur Musik, keine Ausstellung ohne Videoinstallationen. In der Person Nam June Paik wirkt diese Kunst alt und jung zugleich; seine gebrechliche Erscheinung stimmt fast melancholisch.

Doch Paik läßt sich das Weiterarbeiten nicht nehmen. Zumal die Auftragsarbeit für die Deutsche Guggenheim ist ihm eine Ehrensache. Vor vier Jahren widmete ihm das Stammhaus in New York eine große Retrospektive, welche die Frank-Lloyd-Wright-Rotunde in einen flimmernden Bandwurm aus Videobildern, Skulpturen und Laserprojektionen verwandelte. Im Jahr zuvor erinnerte die Kunsthalle Bremen an seinen Beitrag zur deutschen Fluxusbewegung. Denn hier stieß der junge Künstler auf George Macunias und John Cage, die seine Entwicklung prägten, bevor er Mitte der Sechzigerjahre nach New York übersiedelte. Paik blieb auch dort ein global player und durfte 1993 auf der Biennale von Venedig den deutschen Pavillon bespielen. Einer wie er tanzt immer und überall den „Global Groove“ .

Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15, bis 9. Juli. Täglich 11-20 Uhr, Do. bis 22 Uhr. Katalog 26 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben