Kultur : Das Flüstern am Tresen der Welt

Nur der Schnurrbart ist ab: die Poplegende Lee Hazlewood im Berliner Schillertheater

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Von Volker Lüke

Die Scheinwerfer gehen an, und schon ist man gezwungen zu glauben, dass es diesen Mann wirklich gibt: Lee Hazlewood ist keine Erfindung der Plattenfirma. Seine Songs wurden nicht von einem genialen Musikcomputer geschrieben. Wüste und Legende leben tatsächlich. Nur der Schurrbart ist ab. Dafür verbirgt er sein Gesicht hinter einer tiefgezogenen Baseballkappe und einer dunklen Sonnenbrille.

Einzig die Stimme sperrt sich gegen jede Verkleidung: das raspelnde Vibrato, das seine Wurzeln wohl im gesprochenen Wort hat, diese dunkel timbrierte Stimme, die – mehr noch als die Lieder, denen sie zu flüchtiger Existenz hilft – Lee Hazlewoods größter Aktivposten ist: sein Fingerabdruck in der wirren Geschichte der Popmusik.

Was zum Teufel mag ihn nach all den Jahren dazu bewegt haben, als 73jähriger ein Comeback zu geben, eine neue Platte aufzunehmen und als altersweiser John-Ford-Charakter, der seine Legende zur Wahrheit formt, durch die Länder zu ziehen? Ob dies so wünschenswert ist? Fraglich – auch wenn man weiß, dass der von der Zeit losgelöste Hazlewood bis heute in alle Bereiche der populären Musik hineinwirkt. Nicht nur Nick Cave und die Tindersticks wollten ihn vor langer Zeit als Produzent verpflichten. Auf den mit unzähligen Coverversionen geehrten Mann können sich von Robbie Williams bis zu den Einstürzenden Neubauten fast alle einigen.

Seine Kompositionen sind Klassiker: angefangen mit „The Fool“, mit dem er 1956 als Songschreiber und Produzent den ersten Hit landen konnte; später schuf er mit Duane Eddy den Twang-Surf-Gitarren-Sound, der zum Elementarteilchen des Rock-Universums werden sollte; dann kickte er Nancy Sinatras Karriere an, brillierte an ihrer Seite als Duett-Partner und begann gleichzeitig, introspektive Soloplatten aufzunehmen. Ende der Siebziger Jahre zog es ihn nach Schweden – in den wohlverdienten Ruhestand.

Im ausverkauften Schillertheater fehlt leider sein alter Kumpel Al Casey an der lodernden Surf-Gitarre, der für diese Tour angekündigt war. Stattdessen sind zwei Burschen von den High Llamas und einer von Stereolab dabei, sowie zwei Keyboarder, die die raffinierten Studio-Arrangements mit einer unsäglichen Synthie-Sülze zukleistern. Zum Glück hält ein Großteil seiner Songs diesem Schmelzkäse stand. Sonst aber sorgt Hazlewoods Stimme dafür, dass der Abend das entwöhnte Herz zu wärmen vermag. Mit charmanten Zwischenansagen vom Barhocker macht der Altmeister aus dem Konzert ein imaginäres Tresengespräch: unvergleichlich, wie er dabei seine Textzeilen abspricht, ein magisches Flüstern, das selbst hier im Kreis von Hunderten Mithörern klingt, als würden seine Augen hinter der dunklen Sonnenbrille den Zuhörer mustern, während im Hintergrund der Bartender die Gläser spült.

Es kommt kein „Summer Wine“ und kein "Some Velvet Morning“, kein „The Fool“ und auch kein „Houston“, dafür kommen pflichtschuldig die beiden größten Nancy-Hits „So long babe“ und „These Boots are made for Walkin’“, bei denen der Saal wackelt wie der Stammtischbruder in der Eckkneipe. Da sitzt er also, lässt sich von seiner Backing-Band den Rücken einseifen und nimmt die ungebrochene Verehrung mit der Selbstverständlichkeit eines genialen Eigenbrötlers entgegen. Vor zehn Jahren wäre man vielleicht über die Rückkehr dieser Stimme ausreichend begeistert gewesen. Heute hätte es ein bisschen mehr sein dürfen.

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