Das Forschungsprojekt zu Schinkel : Neue Einsichten – neue Ansichten

Drei Jahre Schinkel-Forschung im Berliner Kupferstichkabinett

Bettina Mittelstraß
Auf Reisen. Ansicht von Brig mit Umgebung im Schweizer Kanton Wallis, 1824.Eines von 5500 Blättern, die das Forscherteam in drei Jahren untersucht und digitalisiert hat. Die lavierte Zeichnung stammt aus einem Skizzenbuch.
Auf Reisen. Ansicht von Brig mit Umgebung im Schweizer Kanton Wallis, 1824.Eines von 5500 Blättern, die das Forscherteam in drei...Foto: (c) Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin

Auf der Insel Rügen am Kap Arkona steht einer der ältesten Leuchttürme an der Ostsee. 1828 in Betrieb genommen ist er heute Museum und Ausflugsziel für Touristen. Bekannt ist er als „Schinkelturm“, denn auf Zeichnungen des Turmes findet sich die Signatur des Architekten und Leiters der preußischen Oberbaudeputation Karl Friedrich Schinkel. Tatsächlich beweist die Unterschrift nicht, dass Schinkel den Turm selbst entworfen hat.

„Schinkel hat eine Marke geprägt“, sagt der Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts Heinrich Schulze Altcappenberg, und seine Unterschrift sei eher als Qualitätssiegel und verwaltungsinterner Genehmigungsstempel der preußischen Oberbaudeputation zu verstehen. „Schinkels Erfolg ist nicht der eines einsamen Genies, sondern der von Mitarbeiterstrukturen.“

So jedenfalls sehen es die Wissenschaftler, die zwischen 2009 und 2012 unter der Leitung von Schulze Altcappenberg in dem vom Bundesforschungsministerium (BMBF) geförderten Projekt „Das Erbe Schinkels“ arbeiteten. Ihre Forschungen sind die Basis der Ausstellung, mit der das Kupferstichkabinett ab dem 7. September 2012 der Öffentlichkeit eine breiter als bisher angelegte Ansicht auf das Werk des berühmten Architekten bieten will. Inhaltlich im Fokus steht dabei der Blick auf das Geschichtsbild im Werk Schinkels – eine neue Perspektive, die sich aus der umfassenden Sichtung des gesamten Materials ergibt. Denn alle 5500 Blatt der Schinkel-Sammlung im Kupferstichkabinett kamen in den drei Jahren Forschungsarbeit unter die Lupe.

Mit der Förderung in Höhe von 670 000 Euro durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) wurde das Forschungsprojekt „Das Erbe Schinkels“ finanziert – darunter die dringend notwendige Entwicklung eines neuen Lagerungskonzeptes. Der mechanische Abrieb der Blätter, die noch wie im 19. Jahrhundert übereinander in Mappen gelagert waren, setzte der Sammlung zu. Das große Interesse für die nach dem Fall der Mauer erstmals frei zugänglichen Ostberliner Bestände zog sie weiter in Mitleidenschaft. „Das nächste Problem war der Geruch, der einem beim Öffnen der Schränke entgegenschlug“, erzählt die leitende Konservatorin Fabienne Meyer. In Kooperation mit Naturwissenschaftlern begann eine erfolgreiche Detektivarbeit nach flüchtigen chemischen Verbindungen und ihren Quellen. Im Laborversuch wurde schließlich erstmals die Wirkung solcher Emissionen auf verschiedene Papiere getestet. „Zu organischen Materialien gab es bislang gar keine Informationen“, sagt Fabienne Meyer, und so sind die Forschungsergebnisse weit über den Erhalt der Schinkel-Sammlung wertvoll.

Der Fokus auf das Papier geht noch weiter. Erstmals untersuchten die Wissenschaftler das gesamte Werk Schinkels auch in kunsttechnologischer Hinsicht: Welche Papiere und welches Zeichenmaterial nutzte der Architekt, der Maler, Bühnenbildner oder Designer Karl Friedrich Schinkel eigentlich und warum? Woher bezog er sein Material? Wärmebildverfahren und Infrarotkamera machten die Wasserzeichen sichtbar. Jedes einzelne Blatt wurde außerdem auf die Zeichentechniken und die verwendeten Zeicheninstrumente untersucht. „Mit solchen Informationen können Blätter zukünftig besser oder sogar ganz neu datiert werden“, sagt Rolf H. Johannsen, wissenschaftlicher Leiter des Projekts.

Gebündelt werden die neu erhobenen Daten in einem öffentlich nutzbaren Online-Katalog, der Ende 2012 freigeschaltet wird. „Wir haben dafür eine neue Systematik zur Beschreibung von Zeichnungen entworfen“, sagt Fabienne Meyer, um alle Informationen schnell und unkompliziert in eine Datenbank einspeisen zu können – ein Verfahren, das für die Behandlung von Archiven Standards setzen kann.

Langfristig ist die Online-Katalogisierung das Herz des Forschungsprojektes. Sie wird die Schinkel-Forschung verändern, darüber ist sich das Forscherteam am Kupferstichkabinett einig. Erstmals können Wissenschaftler unkompliziert und weltweit in der ganzen Sammlung, sogar in Skizzenbüchern blättern. Die farbigen Abbildungen lassen sich vergrößern, Materialien und Papiere vergleichen und einzelne Elemente präzise untersuchen.

Neue Möglichkeiten der thematischen Recherche ergeben sich für Architekten oder Denkmalpfleger, Historiker oder sogar Heimatforscher weit über Berlin hinaus, sagt Rolf H. Johannsen: „Schinkel hat von Königsberg bis in die Rheinprovinz geplant, gebaut und Bauten genehmigt – von der Dachentwässerung der Dorfkirche über den Neubau des Turmes bis zum Gutachten zum Kölner Dom ist alles dabei.“

Ein neues, weniger einseitiges Schinkel-Bild ist das Ergebnis der Forschungen, das erstmals in der abschließenden Ausstellung sichtbar wird. „Das Bild bewegt sich weg vom Genie, hin zur Masse und rückt sehr viel stärker ein kooperatives Element in den Blick“, sagt Johannsen – und es macht so den Leuchtturm am Kap Arkona zu einem guten Stück Arbeit aus der „Schinkel-Factory“. Bettina Mittelstraß

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