Kultur : Das Frankfurter TAT wagt mit Tom Kühnel und Robert Schuster einen Neuanfang

Ruth Fühner

Manche Anfänge sind wie Abschiede. Das Team um Tom Kühnel und Robert Schuster trennt sich beim Antritt am Frankfurter Theater am Turm (TAT) gleich doppelt von der Geschichte des Hauses. In ihrem überregional publizierten Manifest "Was soll das Theater" machten die Köpfe des neuen Ensembles im Schutz des Kollektivpseudonyms Sören Voima sowohl mit der Tradition des kritischen Theaters (am TAT einst verkörpert durch Fassbinder & Co.) als auch der Avantgarde kurzen Prozess.

"Affirmativ" wolle ihr Theater sein, die Wirklichkeit durchs Vorspielen ihrer eigenen Melodie, nicht durch Verneinung zum Tanzen bringen. Und die "egomane Spielerei" des Performance-Theaters - dem das TAT seit 1980 seine republikweite Ausstrahlung als aufregende Schule der Sinne verdankte - wieder in einen "zeitgemäßen Zusammenhang" einbinden. Eine ganz schön freche Lippe für die Juniorpartner eines Hauses, dessen Leiter immerhin William Forsythe heißt und eines der Leitgestirne der choreographischen Dekonstruktion ist. Eine Vorsichtsmaßnahme vielleicht auch nach dem Scheitern des gemeinsamen "Faust II"-Projekts, bei dem der Aufeinanderprall der beiden künftigen TAT-Amtssprachen einen ziemlich hohlen Klang erzeugt.

Nunmehr ist dem Manifest die Praxis gefolgt: zwei von vier "TAT-Anfängen", die als Basislehrgang in "Sprechen", "Handeln", "Denken" und "Deuten" so etwas wie die gemeinsame Alphabetisierung von Ensemble und Publikum anstreben. "Deutsch für Ausländer" heißt das erste Stück, wieder von Sören Voima - ein Sprachlehrgang in mehreren Lektionen: endlose Variationen über banale und weniger banale Themen vom Grüßen über die Beileidsbekundung bis zur aggressiven Pfennigfuchserei über die Kosten des gemeinsamen Frühstücks.

Manche Anfänge sehen ganz schön alt aus. Welche emotionale Sprengkraft in abgenutzten Formeln steckt, wie aus willkürlich übergestreiften Namen Rollen entstehen (und damit Theater) und wie die Rolle auf das Sprechen abfärbt - darauf sollte es wohl hinaus. Die neun Sprech-Akteure - "Ich bin Hochseefischer" (verklemmt, grüner Trainingsanzug), "Ich bin Gerhard. Gabi Gerhard" (die in Hellblau mit der Bananenfrisur), "Meine Mutter hat sich heute nacht von uns verabschiedet" (umtriebig, in dynamischem Orange) - absolvieren ihre Luftblasen-Exerzitien präzise und mitunter sogar halbwegs witzig. Für eine Sekunde stellt sich sogar Erregung ein - das ist, als die Zahl "1989" fällt. Doch das geht vorbei. Die Wirklichkeit muss bei dieser Deutschstunde draußen bleiben, die Schotten hinter der Glastür nach draußen sind demonstrativ dicht gemacht, das Theater begnügt sich mit sich selbst. Theater? Eher ein strapaziöses Sprachlabor, das, durchaus zu seinen Ungunsten, Déjà-vu-Erlebnisse weckt: die Erinnerung an das absurde Theater Eugène Ionescos, an Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung", die, 1966 am TAT uraufgeführt, bei weit virtuoserer Sprachspielerei auch noch auf etwas jenseits ihrer selbst zielte. Aber Kritik, wie gesagt, ist "Sören Voimas" Sache nicht. Muss sie auch nicht sein. Was allerdings schon sein dürfte, wäre ein Theaterabend, dem über all dem brav Ausgedachten nicht die sinnliche Lust und der Sinn fürs Hintergründige verloren gingen.

Das gelingt dem zweiten "TAT-Anfang" schon eher, dem Fortsetzungsdrama "Welttheater 1", an dem nach den beiden Jungstars Roland Schimmelpfennig und Marius von Mayenburg noch Albert Ostermaier und wiederum Sören Voima basteln werden. Als Gerüst sind bisher zu erkennen: ein Teil Charakterlehre (Handeln als Frucht seelischer Defekte), ein Teil Heimatroman (Soldat kehrt aus der Fremde in die Fremde heim), ein Teil Tragi-Commedia (mit grotesken Masken, Akrobatik und einer Sprache zwischen Kothurn und Gosse) - eine grotesk-schaurige Fingerübung, aus rohen Versatzstücken genialisch zusammengezimmert wie der hölzerne Bühnen-Klappkasten von Jan Pappelbaum. Manche Anfänge sind wie Abschiede. Dieser ganz bestimmt. "Welttheater" am Frankfurter TAT - das war einmal. Was danach kommt, müssen wir erst noch sehen.

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