Kultur : Das Fremde in mir

Die Berliner Sängerin und Produzentin Emika entführt ihr Publikum auf einen fernen Planeten.

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Emika sieht fantastisch aus. Ein wasserstoffblondes Wesen vom anderen Stern, unnahbar, unterkühlt. Ihr schwarzes Gewand könnte auch auf der Fashion Week ein Aufreger sein, und wenn sie in die Wand aus grell illuminiertem Trockeneisnebel eintaucht, wird ihre Silhouette unscharf – ein geisterhafter Auftritt im Haus der Berliner Festspiele, im Rahmen des Musikprogramms von „Foreign Affairs“.

Emika heißt mit bürgerlichem Namen Ema Jolly, vor ein paar Jahren zog sie von Bristol nach Berlin. Die Dubstep-Szene ihrer alten Heimat hat sie genauso verinnerlicht wie den Techno in ihrer neuen. In Berlin entstand ihr zweites Album „DVA“, das sie nun erstmals live präsentiert. Die Platte ist ein eigentümlicher Hybrid aus klassischem Pop und experimentellen Formen aktueller elektronischer Musik. Emika, die klassische Musik und Musiktechnologie studiert hat, arbeitet mit Pianosamples und Streicherklängen, die immer wieder von sich langsam aufblähenden Bässen und technoidem Beatgetacker zerschnitten werden. Man fühlt sich leicht verloren in den endlos manipulierten Klängen. Auch ihre Stimme ist Emika offenbar dann am liebsten, wenn sie nach allen Regeln der Kunst verfremdet ist.

Popmusik auf der Höhe der Zeit – und eine künstlerische Performance mit elektronischer Musik, die sich vorzüglich in den Rahmen eines Festivals für neue Theaterformen fügt. Wo andere Elektronikmusiker gerne hinter ihren Geräten verschwinden, steht das musikalische Equipment bei Emika eher verwaist auf der Bühne. Am liebsten begibt sich die Sängerin und Produzentin direkt vor die Zuschauer, wirft sich hinter dem Mikro in glamouröse Posen, inszeniert die eigene Person als das Wesentliche ihrer Show.

Eine Cyber-Madonna, eine Art Update der für ihre Wandlungsfähigkeit berühmten Popqueen – auch David Bowie und Laurie Anderson fallen einem ein. Auf Promofotos stilisiert sich Emika als hyperreale Erscheinung, grell geschminkt, die Haare immer anders, mit fließender Identität. Und in ihren Videoclips wandert sie somnambul durch die Gegend, ohne Ziel, ohne Orientierung. Emika ist die neue Diva der elektronischen Musik, als Performerin so aufregend wie als Produzentin.

Eine Zeitlang überlässt sie einer sich zu den abstrakten Klängen windenden Tänzerin die Aufmerksamkeit des Publikums im Haus der Berliner Festspiele – weil hier gerade die Forsythe Company aufgetreten ist? Doch der Schluss gehört wieder nur Emika. Als Zugabe singt sie den Schmuseklassiker „Wicked Game“ von Chris Isaak über die schrecklichen Wirrungen der Liebe. Eine Coverversion, so morbide wie das Original. Emika hält eine weiße Rose in der Hand, deren Blütenblätter sie langsam zerpflückt. Dann verlässt sie die Bühne und steigt in das Raumschiff, das bereits auf sie wartet. Andreas Hartmann

Die nächsten Auftritte beim Musikprogramm im Haus der Festspiele: Technomusiker Sascha Ring alias Apparat (heute, So, 21 Uhr) und die Experimentalband The Notwist (11.7., 21 Uhr).

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