Kultur : Das fröhlichste Festival

Vor der 55. Berlinale: Alles so synergetisch – Notizen von einer Show, die Pressekonferenz heißt

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Noch Fragen? Keine Fragen. Aufbruchsstimmung eher unter den Hunderten gestern vormittag bei der Pressekonferenz im großen Saal des Bundespresseamts. Pressekonferenz? Eher eine Show, die, wie BerlinaleChef Dieter Kosslick beobachtet haben will, ihre „hartnäckigen Fans hat, und deshalb machen wir sie“. Eine Show, darf man hinzufügen, die seit dem Amtsantritt des Sit-down-Comedians Dieter Kosslick vor nunmehr vier Jahren beträchtlich an Attraktivität gewonnen hat.

Nachrichten von cineastischem Wert werden nach der Kanonade vorauseilender Pressemitteilungen beim Ritual der Berlinale-Pressekonferenz ohnehin kaum mehr verhandelt. Auch die fürsorgliche Geiselnahme, die diese Veranstaltung insofern stets bedeutet, als dass das wichtige Terminheftchen erst unmittelbar danach verteilt wird, ist eigentlich schon dieses Jahr obsolet (seit gestern, 13 Uhr, steht unter www.berlinale.de ein neuer, angenehm individuell konfigurierbarer Terminplaner im Netz).

Dennoch, wir brauchen es wohl auch künftig, dieses Warming-Up, dieses Stimmungsbarometer, das auch uns selbst erst richtig in Stimmung bringt. Zumal dann doch unvermutet Bedeutsames verhandelt wird. Wussten Sie etwa, dass deutsche Schauspieler auf der letzten Berlinale sieben Kinder gezeugt haben? Jetzt wissen Sie es. Oder wussten Sie, dass die Berlinale im 55. Jahr ihres Bestehens offenbar in einem Innovationsrausch den „ultimativen Merchandising-Artikel“, eine Tasse nämlich, herausgebracht hat? Und dass es neuerdings ein schwarzes T-Shirt mit rotem Berlinale-Aufdruck gibt, das allerdings ein bisschen eng werden kann, „wenn man Large nimmt“? Zwecks besserer Anschaulichkeit hat Kosslick es vorm Show-Act auch gleich noch übergezogen.

Inhalte stellen sich da auf dem „angenehmsten, freundlichsten, fröhlichsten Festival“ (Kosslick) offenbar ganz von selber ein. Und tatsächlich ist es dann doch beeindruckend, mit welchem Ernst und welcher Verve mitunter die Unterprogrammleiter auf ihre auch mit politisch relevanten Filmen gespickten Sparten aufmerksam machen – die mit Kosslick eingeführten „Synergien“ nicht zu vergessen. So werden Paten des Talent Campus, der den Filmnachwuchs aus 90 Ländern versammelt, auch auf der Retro „Production Design“ erwartet; so eröffnet das Forum mit einem Kompilationsfilm junger Osteuropäer, die letzthin noch auf dem Talent Campus waren; so werden erste vom Berlinale-„World Cinema Fund“ geförderte Filme gezeigt. Alles trompetet da synergo-sympathisch: Die Berlinale ist eine durch und durch vernetzte Veranstaltung. Hier reden die Leute mit-, nicht bloß übereinander (das tun sie natürlich auch). Hier geht es um das gemeinsame Beste eines Festivals, das nicht das größte sein will – „denn das sind wir schon“ (womit Dieter Kosslick den Mund vielleicht doch ein bisschen zu voll nimmt).

Andererseits: Der Filmmarkt – bislang immer der Haupttrumpf von Cannes, wenn es um die Nr. 1 der Weltfilmfestivals geht – wächst und wächst in Berlin. Erstmals findet der sonst zeitlich konkurrierende American Film Market in Los Angeles erst im Herbst statt, weshalb Berlin als Top-Termin für die Filmindustrie im Winter nun plötzlich exklusiv dasteht. Bereits jetzt hat Filmmarktchefin Beki Probst 2600 Anmeldungen von Filmverkäufern und Einkäufern, und kommendes Jahr wird der weiter kräftig expandierende Filmmarkt in den größeren Martin-Gropius-Bau umziehen.

Der Countdown läuft. Wir sind gebootet. Und die Stimmung ist zumindest nicht schlecht. Noch Fragen? Richtig, Sie wollen vielleicht wissen, welche kleinen Säuglinge welcher Schauspielerinnen und Schauspieler nun als Früchtchen der vergangenen Berlinale die Erde neu bevölkern. Filmjournalistisch zerknirschtes Bekenntnis: Ja, da haben wir nicht investigativ genug nachgefragt. jal

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