Kultur : Das ganz große Fressen

Wo Preise Flügel haben: Bei den New Yorker Auktionen mit zeitgenössischer Kunst hält der Boom an

Matthias Thibaut

Mit Heißhunger setzten sich die Sammler an den reich gedeckten Tisch der Contemporary-Auktionen in New York und ließen kaum etwas liegen. Klassiker von Jasper Johns und Mark Rothko oder Aktuelles von dem subtilen Witzbold Maurizio Cattelan, dem allgegenwärtigen Damien Hirst oder die fröhliche Konsumkunst von Jeff Koons – alles fand reißenden Absatz. Die Gala-Auktionen setzten jeweils über 90 Millionen Dollar um. Vorerst ohne Verdauungsschwierigkeiten.

Verkäufer und Käufer sind grenzenlos glücklich. Es sind die Auktionshäuser, die mit ihren Garantien um Einlieferungen kämpfen und die Grenzen des Marktes testen. Gerhard Richters von Sotheby’s garantiertes und mit vier bis fünf Millionen Dollar Fotobild taxiertes Fotobild „Drei Schwestern“ war der spektakulärste Flop der Woche. Bei Christie’s blieb Richters „Diana“ aus derFrankfurter Sammlung Lunkewitz zurück.

Christie’s hatte in seiner Abendauktion 24 der 64 Lose garantiert. Nur bei dem japanischen Modekünstler Takashi Murakami ging das Spiel nicht auf – und das Auktionshaus musste die Comicfigur selber kaufen. Bei Andy Warhols „Mustard Race Riot“ kam man mit einem blauen Auge davon. Es gab wohl einen garantierten Preis von 15 Millionen Dollar – mit Blick auf die Rekordmarke, die 1998 mit 17,3 Millionen Dollar für die „Orange Marilyn“ gesetzt wurde. Aber das Werk über die Rassenkrawalle von Alabama ist für amerikanische Top-Sammler zu politisch. Die „Pink“ Version ist in der Kölner Sammlung Ludwig, die violette Version in der Züricher Sammlung Daros. Diese senffarbene Version geht nun wohl in die Münchner Sammlung Brandhorst – für 15,1 Millionen Dollar, knapp an der Schätzung. Bei Sotheby’s war Warhols „Puncture“ garantiert und blieb mit 2,9 Millionen Dollar deutlich unter der Taxe. Auch die von Sammler Erich Marx durch die Präsentation im Hamburger Bahnhof veredelte Provenienz nützte da wenig. Es sind eben die plakativen, farbigen Werke, die den Sammlern den Mund wässrig machen.

Selten meldeten die Auktionshäuser so viele Rekorde. Zwar sollte man sie – wie bereits bei den Impressionisten in der letzten Woche – angesichts der Dollarschwäche mit etwas Skepsis registrieren, aber gerade die Preissprünge für die Klassiker der amerikanischen Nachkriegskunst beeindrucken: Mark Rothkos „Nr. 6“ aus seiner ersten amerikanischen Museumsausstellung im Art Institute of Chicago 1954 brachte 17,3 Millionen Dollar bei Sotheby’s, Jasper Johns „0 through 9“, die zentrale Vorarbeit für die 1961 in Paris gezeigte Bilderserie, stolze 10,9 Millionen Dollar. Es gab Top-Preise für William de Koonings Papierarbeit „Clam Diggers“ (3,9 Millionen Dollar), Christie’s erzielte hohe Preise für Cy Twombly, ein Mobile von Calder brachte 4,7 Millionen Dollar und für Roy Lichtensteins Großplastik „Brushstroke“ zahlte der Händler Larry Gagosian 3,3 Millionen Dollar – wegen des amerikanischen Baubooms verkaufen sich große Plastiken besser denn je.

Auch bei dem Italiener Cattelan überschlägt sich die Preisentwicklung. Sein unter einem Tuch versteckter Schaumstoffelefant „Not afraid of Love“ brachte bei Christie’s einen Rekord von 2,7 Millionen Dollar. Einen Tag später bei Phillips wurde dieser schon wieder überboten. Das Tableau „Die neunte Stunde“, auf dem der Papst von einem Meteor getroffen zu Boden sinkt, wurde für drei Millionen Dollar versteigert. 2001 hatte es in London noch umgerechnet 886000 Dollar gekostet.

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